Es ist ein Schock für die Sportwelt. Der Bundesrat hat entschieden, keine finanzielle Unterstützung für eine Durchführung der European Championships (ECS) 2030 in der Schweiz zu leisten. Ein maximaler Betrag von 45 Millionen Franken stand zur Debatte. Die Regierung begründet den Beschluss mit der angespannten Finanzsituation des Bundes und der Tatsache, dass man in jüngster Zeit bereits Millionenbeträge für mögliche Olympische Winterspiele 2038 im Land und zur Deckung der steigenden Kosten der Nachwuchsförderung von «Jugend + Sport» gesprochen hat.
Die Schweizer Sportverbände hatten im November 2025 einer Kandidatur für die erst dritte Austragung dieses Multisportevents mit gleichzeitig mehreren kontinentalen Titelkämpfen ohne Opposition zugestimmt und ein Kandidaturbudget von 770'000 Franken genehmigt. Insgesamt sollte der Anlass, der 2022 in München für Begeisterung sorgte, rund 190 Millionen Franken kosten – mit einem Budgetbeitrag der öffentlichen Hand von maximal 130 Millionen.
Swiss Olympic drückte gemeinsam mit dem Kandidaturverein sein grosses Bedauern über den Entscheid aus. Präsidentin Ruth Metzler sprach von einem «Multisport-Grossanlass, der nachhaltige Impulse für den Sport und unser Land setzt». Metzler betonte auch beim Treffen der Verbandspräsidenten anlässlich des Sportparlaments nochmals die Wichtigkeit, eine umfassende Strategie für sportliche Grossveranstaltungen in der Schweiz zu erarbeiten.
Die letzte Hoffnung liegt beim Parlament
Kandidaturpräsident Severin Moser, der Präsident des Arbeitgeberverbandes, sprach von «einem herben Rückschlag» für das Projekt. Ohne eine substanzielle Bundesbeteiligung seien die European Championships nicht stemmbar. Man werde nun zusammen das weitere Vorgehen prüfen. Die Verantwortlichen wollen alternative politische und institutionelle Wege prüfen, um dem Anlass vielleicht doch noch die finanzielle Unterstützung des Bundes zu sichern. Moser erinnerte daran, dass der negative Entscheid des Bundesrats auch massgeblichen Einfluss auf die laufenden Gespräche mit Kantonen und Gemeinden über deren finanzielle Beteiligung hat.
Insgesamt verhandeln die Organisatoren mit 13 verschiedenen Sportarten für den ECS. Zwei absolute Aushängeschilder sind Leichtathletik und Radsport, wobei sich der europäische Leichtathletikverband erst im März 2027 definitiv entscheiden wird, ob er seine kontinentalen Titelkämpfe 2030 als Einzelanlass oder eingebunden in einen Multisportevent wie in München durchführen will.
Swiss Athletics hat bei seiner Bewerbung beim internationalen Verband mit Nachdruck betont, dass man nur für die Variante ESC antrete. Präsident Christoph Seiler betonte nochmals, dass der jüngste Entscheid des Bundesrats an dieser Haltung nichts ändere. «Die Ausgangslage würde sich nicht verändern: Auch für eine alleinstehende Leichtathletik-EM wären wir auf einen namhaften finanziellen Beitrag des Bundes angewiesen.»
Dabei war die Begeisterung zu Beginn gross
Auch Thomas Peter, Geschäftsführer von Swiss Cycling, zeigte sich enttäuscht. Vor allem, «weil aus der Politik anfänglich sehr positive Zeichen kamen. Als wir den Bewerbungsprozess vor vier Jahren starteten, reiste Sportministerin Viola Amherd mit einer Delegation von Parlamentariern nach München. Die Begeisterung der Beobachtermission war damals spürbar», sagte Peter.
Welche Wege stehen den Vertretern des Sports nun noch offen? Umstossen kann den Entscheid des Bundesrats einzig das Parlament. Ein zielführender Anlauf wäre eine Motion in der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK), die im Parlament für den Sport zuständig ist. Dafür müsste ein Antrag eines National- oder Ständerats entgegengenommen und von einer Mehrheit der WBK-Mitglieder überwiesen werden.
Auf Basis einer Motion könnte der Bundesrat beauftragt werden, eine Lösung zu finden und am Schluss eines langwierigen Prozesses die geforderten finanziellen Mittel für die European Championships doch noch zu sprechen. Damit ein entsprechendes Geschäft noch vor der Vergabe der Wettkämpfe in der Wintersession verabschiedet werden könnte, müsste eine solche Motion bis Ende Juni unter Dach und Fach sein.
Wenige glauben noch an eine Chance für 2030
Eingriffe von Parlamentariern in die Finanzierung von Grossanlässen zugunsten des Sports wären längst keine Premiere. Als es um den Bundesbeitrag zugunsten der Winter-Universiade 2021 in Luzern ging, wurde die Unterstützung auf Antrag von einigen Innerschweizer Ständeräten kurzerhand um drei Millionen Franken erhöht.
Doch selbst in Sportkreisen herrscht zu den Chancen auf einen Meinungsumschwung in der Bundespolitik Skepsis. Denn der Sparwille ist bei den eidgenössischen Finanzpolitikern mindestens so hoch wie beim Bundesrat. Die grösste Hoffnung beruht daher auf der Möglichkeit, dass der Bund bei den Steuereinnahmen im Vergleich zum Budget massiv besser dasteht und sich die Sparschraube damit entscheidend lockern lässt. Etwas gar viel Wunschdenken als Basis für eine positive Prognose zur Durchführung des Grossanlasses in vier Jahren in der Schweiz. Das sieht auch Severin Moser so: «Im Sport sind wir es uns gewohnt, nicht so schnell aufzugeben. Aber es ist uns bewusst, dass unsere Chancen nicht sehr gross sind.» Spätestens in einem halben Jahr wird Klarheit herrschen, wohl eher früher.





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