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Eishockey

Wie die Schiedsrichter die Video-Würfel in den Hockey-Stadien für «illegale» Überprüfungen nutzen

Eine Parade von Lakers-Goalie Ivars Punnenovs müsste eigentlich mit einem Penalty bestraft werden. Doch den Schiedsrichtern sind die Hände gebunden. Grund ist eine brisante Regel.
Lakers-Goalie Ivars Punnenovs steht im Spiel gegen die SCL Tigers im Mittelpunkt.
Bild: Keystone / Marcel Bieri

Das Spiel zwischen Langnau und den Lakers steht 0:0. Es sind erst 12 Minuten gespielt und bereits ist bis unters Tempeldach zu spüren: Es bahnt sich ein Drama an. Joel Salzgeber, bissiger Defensivstürmer mit hölzernen Händen, hat das leere Tor vor sich. Torhüter Ivars Punnenovs liegt bereits hilflos auf dem Eis wie ein Käfer auf dem Rücken.

Aber der Puck findet den Weg ins Tor nicht. Punnenovs' Stock segelt durch die Luft und der Puck wird übers Tor abgelenkt. Pfiff der Unparteiischen. Spiel unterbrochen. Eine Szene, die es vielleicht pro 1000 Partien einmal gibt. Oder nicht einmal.

Diese «Jahrzehnt-Parade» hätte eigentlich mit einem Penalty bestraft werden müssen. Aber alles ist so schnell passiert, dass es die beiden sonst sehr guten Headschiedsrichter Roland Gerber und Micha Hebeisen nicht mitbekommen haben. Auf dem Video dürfen sie diese Szene nicht nachprüfen. Keine Strafe.

Tigers-Coach Thierry Paterlini (l.) schimpft mit Schiedsrichter Roland Gerber.
Bild: Keystone / Marcel Bieri

Die Rolle des vierten Mannes

Oder hätte es nicht doch eine Möglichkeit gegeben, das Video zu konsultieren? Ja, die hätte es gegeben. Sozusagen im Graubereich jenseits aller Reglemente. Nämlich oben auf dem Video-Würfel.

Darauf angesprochen, liefert ein recht erfahrener Schiedsrichter, dessen Name nichts zur Sache tut, eine interessante Antwort: «Ja, in solchen Situationen kann der Video-Würfel im Stadion helfen. Aber das ist natürlich sehr heikel und darf nicht auffallen. Es kann ja nicht sein, dass die Schiedsrichter dastehen und nach oben schauen. Am besten wäre es im erwähnten Fall gewesen, wenn sich die beiden Headschiedsrichter und ein Linienrichter zur Beratung beim Zeitnehmerhäuschen versammeln. Ein Linienrichter steht diskret etwas abseits und konzentriert sich auf den Videowürfel. Wenn er dann dort gesehen hat, was passiert ist, gesellt er sich zu seinen drei Kollegen, informiert sie und dann erst wird der Entscheid gefällt.»

Rudelbildung im Spiel zwischen Langnau und den Rapperswil-Jona Lakers.
Bild: Freshfocus / Zamir Loshi

Ist das schon so gemacht worden? Der Schiedsrichter, dessen Name nichts zur Sache tut, sagt: «Das ist möglich…» Seine Antwort lässt eher vermuten: Es ist sehr wohl möglich.

Vielleicht haben die Video-Würfel in den Stadien also eine viel grössere Bedeutung als wir ahnen. Und der Stadion-Regisseur sollte pfiffig sein: Eine strittige Szene zu Gunsten des Heimteams, die nicht auf dem Video überprüft werden darf, unbedingt in ganzer Länge auf dem Videowürfel zeigen. Ist die Sache hingegen zu Gunsten der Gäste, dann lieber Werbung laufen lassen.

Frust bei den SCL Tigers um Harri Pesonen.
Bild: Freshfocus / Zamir Loshi

Goalie Punnenovs' Erklärung

Langnau holt in diesem Spiel später ein 0:3 auf. Wie wäre alles gelaufen, wenn per Penalty das 1:0 gelungen wäre? Alles anders? Gut möglich.

Ivars Punnenovs, einst von 2015 bis 2022 Langnaus letzter Mann, bleibt nach dieser «Jahrzehnt-Parade» demütig. «Das war einfach Glück.» Seinen Stock habe er nicht geworfen. «Ich hatte den Puck nicht blockieren können und war eigentlich schon geschlagen. Ich versuchte, mit dem Stock noch etwas zu retten, machte mich so lang wie ich nur konnte und dabei ist mir der Stock, den ich nur noch ganz am Ende gehalten habe, halt aus der Hand gerutscht…» Eine ehrlich gemeinte Erklärung, die der Wirklichkeit nahekommen dürfte.

Dieses «Stockgate» ist typisch für das, was die Nordamerikaner als «Puck Luck» bezeichnen. Eishockey ist ein schnelles, intensives und raues Spiel auf einer spiegelglatten Fläche. Bei weitem unberechenbarer als Fussball. Die Coaches können ein Spiel noch so umsichtig vorbereiten, alles Menschenmögliche bedenken und die Spieler gehorsam und diszipliniert sein -«Puck Luck» – wie im Fall von Joel Salzgeber – kann alles über den Haufen werfen, ein Spiel in ganz andere Richtungen lenken oder entscheiden. Erst recht in intensiven Partien während der Schlussphase einer Saison. Dieser offenbar dem Torhüter aus der Hand gerutschte Stock kann Langnau die Play-In-Teilnahme kosten.

Harri Pesonen kommt nicht an Punnenovs vorbei.
Bild: Keystone / Marcel Bieri

Der Faktor Glück im Eishockey

«Puck Luck» hat einen stärkeren Einfluss auf Triumphe und Tragödien als alle Statistiken, Analysen, Berechnungen, Trainingsmethoden und taktische Varianten und lässt sich nicht beeinflussen. Zwei Beispiele vom Samstag zeigen, wie wenig eigentlich Statistiken sagen: Der SCB dominiert Biel mit 39:25 Torschüssen und verliert 2:3. In Langnau werden gegen die Lakers 34:22 Torschüsse gezählt, sogar 14:4 im Schlussdrittel – aber die Lakers gewinnen 4:3.

Am ehesten helfen wohl Demut und Besonnenheit. Langnaus Trainer Thierry Paterlini sucht nach der unglücklichen Niederlage – inzwischen die dritte in Serie – nicht nach Ausreden und Sündenböcken: «Das Spiel gegen die Lakers war unser bestes seit der Olympiapause. Ich kann meinem Team keine Vorwürfe machen. Wir müssen einfach so weitermachen…» Seine Worte im Ohr der Hockeygötter, die das Phänomen «Puck Luck» verwalten.

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