Claudio Zanini
Claudio Zanini
Claudio Zanini
Als sie vor zehn Jahren die ersten FIS-Rennen bestritt, waren ihre Ziele gross. Sehr gross sogar. Sie wollte Weltcuprennen gewinnen, Weltmeisterin und Olympiasiegerin werden. Andrea Ellenberger schmunzelt, wenn sie an ihre Anfangszeiten zurückdenkt. Denn die Ziele klingen jetzt verwegen. Doch wahrscheinlich war es vernünftig, mit hohen Ambitionen in das Spitzensportler-Leben einzutauchen. Es ist besser, genau zu wissen, wofür man die Strapazen auf sich nimmt.
Gestartet hat der Weg der Nidwaldnerin an der Seite von Wendy Holdener und Michelle Gisin. Ellenberger gehörte zur gleichen Trainingsgruppe, sie haben alle Jahrgang 1993. Holdener und Gisin fuhren ziemlich speditiv in die Weltspitze. In den letzten beiden Jahren räumten sie zuerst bei der Heim-WM und dann bei Olympia ab.
Gegensätzlich verlief die Karriere von Ellenberger. Nach einer unbefriedigenden Saison flog sie im Frühling 2016 aus den Kadern von Swiss Ski. Es sei nicht einfach gewesen, den Weg der beiden früheren Teamkolleginnen mitzuverfolgen, sagt sie. «Ich musste akzeptieren, dass jeder seinen eigenen Weg hat und ich das Beste aus meinem machen muss.»
Ohne Kaderstatus fiel auch die komplette Unterstützung von Swiss Ski weg. Doch es sollte nicht der Schlusspunkt der Karriere sein. Ellenberger wollte weitermachen. Und wurde zwangsweise zu ihrer eigenen Teammanagerin. Sie musste fortan die Hotels selbst buchen, den Service übernehmen, einen Betreuerstab aufbauen. Ihr Umfeld sei enorm wichtig gewesen, betont sie. Eine bedeutende Rolle spielt ihr Freund Silvan Epp, er war bis in der letzten Saison Speed-Trainer im Weltcup-Team der Frauen. In diesem Frühling reduzierte er sein Pensum beim Skiverband, um seine Freundin besser unterstützen zu können.
Die Voten der Skeptiker
Zu Ellenbergers Laufbahn gehören viele körperliche Beschwerden. Im Januar 2016, noch bevor sich Swiss Ski von ihr trennte, riss sie sich zum zweiten Mal das Kreuzband. Doch die grössere Baustelle als das Knie war der Rücken. Während sechs Jahren ist sie immer mit Schmerzen gefahren. Sie sagt: «Manchmal war es nur noch eine Qual. Das machte keinen Spass mehr.» Im Frühling 2017 folgte der nötig gewordenen Eingriff am Rücken, denn die Beschwerden äusserten sich immer mehr im Alltag. «Ich entschied mich für eine Operation, um ein schmerzfreies Leben zu haben. Da dachte ich nicht primär an die Karriere.»
Eine Bandscheibe war so kaputt, dass man sie komplett entfernen musste. Dazu wurde ein Wirbel versteift. Der Eingriff war insofern speziell, da es keine Referenzen gab. So sind keine Athleten bekannt, die einen ähnlichen Eingriff hatten. «Wir wussten nicht, ob ich mich den Belastungen des Skisports je wieder aussetzen kann.»
Es gab Leute, die sagten ihr zu dieser Zeit, sie solle es mit dem Skisport für immer bleiben lassen. Und Ellenberger konnte die Voten dieser Skeptiker nachvollziehen. «Ganz ehrlich? Von aussen betrachtet hätte ich mir selbst auch nicht geraten, weiterzumachen.» Ellenberger lacht nicht, während sie das sagt. Sie meint es ernst. «Es ging mir nicht darum, es nochmals allen zu zeigen. Ich glaube daran, dass ich schnell Ski fahren kann, und ich will mir nicht irgendwann vorwerfen müssen, nicht alles unternommen zu haben.»
Auf eigene Faust nach Argentinien
Die Operation erzeugte den gewünschten Effekt, die Schmerzen sind mittlerweile verschwunden. Im Februar dieses Jahres konnte sie ihr Comeback geben, nachdem sie fast zwei Jahre keinen Ernstkampf bestritten hatte.
In diesem Sommer reiste sie auf eigene Faust in den Süden Argentiniens, nach Ushuaia. Dort wo auch Swiss Ski ein Trainingscamp hatte. In Trainings und Rennen lieferte sie den Beweis, dass sie mit den Weltcup-Fahrerinnen mithalten kann. Ende August gewann sie in Argentinien einen Riesenslalom. Das Onlineportal «skinews.ch» rechnete nach und kam auf 870 Tage, die seit ihrem letzten Sieg vergangen waren. Einen Tag später gewann Ellenberger nochmals, und schliesslich im September noch einmal. Leistungen, die dazu führten, dass sie mit dem Europacup-Team mittrainieren durfte. Aufgrund der Trainingseindrücke entschied Swiss Ski, Ellenberger für den Weltcup-Auftakt am kommenden Samstag in Sölden aufzubieten.
«Es wird ein Kampf»
Vor vier Jahren bestritt sie – ebenfalls in Sölden – ihr letztes Rennen auf höchster Stufe. Als die Nomination in der vergangenen Woche publik wurde, hagelte es Telefone und SMS. Alle wollten gratulieren, Ellenberger aber brauchte einen Moment für sich. Erst einmal durchatmen.
Die Skifahrerin, die im Fernstudium einen Bachelor in Psychologie machte, scheint nicht in extremen Gefühlslagen zu leben. So wie die Schmerzen sie nicht ins Tal der Tränen schickten, so haut sie jetzt auch ein Weltcuprennen nicht aus den Socken. «Mit meiner hohen Startnummer werde ich in Sölden eine schwierige Piste antreffen. Es wird ein Kampf», sagt sie. Genauso viel Realismus strahlt sie aus, wenn sie von den Erwartungen an die kommende Saison spricht. «Mich für ein Swiss-Ski-Kader zu empfehlen, wird enorm anspruchsvoll.» Die Regeln sind dabei klar. Sie müsste in ihrer Disziplin unter die ersten 45 der Weltcup-Startliste vorstossen, um nach dieser Saison selektioniert zu werden. Es bräuchte eine Traumsaison.
Doch Ellenberger denkt nicht mehr in den gleich grossen Dimensionen wie früher. «Allein, dass ich nochmals die Chance bekomme, ist super.» Sie weiss nur zu gut, wie schnell es im Skisport rauf und runter geht.



Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.