Triathlon

Zusammenbruch statt Gold

Ein Drama entscheidet das Rennen der Frauen beim Ironman auf Hawaii.

Mit dem Sieg vor Augen verlor Solveig Lövseth die Kontrolle über ihren Körper. Ihre Beine machten anderthalb Kilometer vor dem Ziel nicht mehr das, was sie sollten. Immer wieder torkelte die Titelverteidigerin in den Gegenverkehr, bis sie schliesslich zusammensackte. Mehrere Versuche aufzustehen, blieben zunächst erfolglos. Auf dem Boden liegend musste die Norwegerin hilflos mitansehen, wie die neue Weltmeisterin Taylor Knibb und weitere Athletinnen an ihr vorbeizogen.

«Ich weiss nicht, was los war», sagte Lövseth, die in diesem schlimm anmutenden Moment sichtlich nicht Frau ihrer Sinne war: «Es ist schwer.» Erst nach bangen Minuten und etwas Kühlung durch das vom medizinischen Personal angereichte Eis rappelte sich die 27-Jährige wieder auf, machte sich im Spaziergang doch noch auf in Richtung Ziellinie. «Ich bin eine zu grosse Wettkämpferin, ich wollte einfach kein Did not Finish», erklärte sie dem Triathlon-Magazine.

Mit breitem Grinsen und unter grossem Jubel kam sie mit 25 Minuten Rückstand doch noch als Achte im Zielkanal auf dem legendären All'i Drive an, wurde von den besorgten Medaillengewinnerinnen herzlich empfangen. Bedenken bezüglich ihres körperlichen Zustands versuchte Lövseth zu zerstreuen. Sie habe sich ja schliesslich kurz hingelegt, «um ihre Gesundheit zu priorisieren, obwohl Leute gesagt haben, dass ich langsam weitergehen soll», so die Titelträgerin von 2025.

Es sei «ein Rennen für die Geschichtsbücher» gewesen, sagte der dreimalige Ironman-Weltmeister und TV-Experte Jan Frodeno angesichts des Dramas: «Es ist auf Hawaii einfach nie vorbei. Es ist unfassbar, was hier los war. Es war die spannendste WM, die wir je gesehen haben.»

Mehrere Aufgaben bei Frauen und Männern

Bereits vor einem Jahr hatten sich Ex-Weltmeisterin Lucy Charles-Barclay und die frisch gebackene Siegerin Knibb ein Duell geliefert, das mit der Aufgabe beider endete. Entkräftet, völlig leer. Und auch heuer blieb das Drama um Solveig Lövseth nicht der einzige Aufreger. Erneut erwischte es auch Charles-Barclay. Es passierte wieder im Energy Lab, dem schwersten Abschnitt der Laufstrecke: keine Zuschauer, Windstille und Lavafelder, die die Hitze noch unerträglicher machen. Die Britin sass mit ihrem Mann wie ein Häufchen Elend am Wegesrand. Bilder wie aus dem Vorjahr. Aus statt Podest, Charles-Barclay hatte zu dem Zeitpunkt auf Platz zwei gelegen.

Dann musste sich die Amerikanerin Knibb an der Spitze übergeben, wurde von Lövseth überholt. 2025 profitierte die Norwegerin von Knibbs' Kollaps kurz vor dem Ziel, diesmal erwischte es nun sie selbst. Es waren erschreckende Bilder, der Körper praktisch ausser Kontrolle.

Hawaii lieferte beim ersten gemeinsamen Rennen von Frauen und Männern seit 2019 vor allem ein Spektakel menschlichen Leidens. Nach der Rotation mit Nizza in den vergangenen Jahren und den damaligen Unwägbarkeiten der Corona-Pandemie herrschten schwerste Bedingungen. Regen in der Nacht und am Morgen, ein welliger und herausfordernder Pazifik, Hitze, Wind und extreme Luftfeuchtigkeit. Und das über 3,86 Kilometer Schwimmen, 180,2 Kilometer Radfahren und 42,2 Kilometer Laufen.

Bei den Männern gab es einen Überraschungssieg des Franzosen Vincent Luis, für den es eigentlich das letzte Karriererennen werden sollte. 7:47:27 Stunden benötigte er. Auf Rang zwei kam Ex-Weltmeister Gustav Iden aus Norwegen trotz einer Zeitstrafe auf dem Rad vor dem US-Amerikaner Matthew Marquardt. Von den schnellsten Rennen auf Hawaii waren die Zeiten weit entfernt. Denkwürdig wird die Auflage 2026 aber ohne Zweifel bleiben. Auch bei den Männern musste mit Ex-Weltmeister Sam Laidlow ein prominenter Namen aussteigen, später ging dem torkelnden Magnus Ditlev auf der Laufstrecke in Führung liegend die Kraft aus. Mitfavorit Kristian Blummenfelt wurde nur Achter. Der Norweger hetzt dem Sieg auf Hawaii weiter hinterher.

Julie Derron bei Premiere auf dem Podest

Eine Hauptrolle spielten auch die zwei stärksten Schweizerinnen. Die Zürcherin Julie Derron lief bei ihrer Premiere auf Hawaii als Dritte mit zehn Minuten Rückstand auf Siegerin Knibb aufs Podest. Und die Genferin Imogen Simmonds folgte fünf Minuten später als Fünfte. Nach dem Schwimmen lag sie sogar noch auf Position 3.

Nach dem Velofahren lag die Olympia-Silbermedaillengewinnerin Derron auf Rang acht – auch wegen einer Zeitstrafe wegen Windschattenfahrens. Dank einer starken Laufleistung erreichte sie noch das Podest. Bereits einen Monat zuvor hatte sie hinter Knibb WM-Silber über die halbe Ironman-Distanz gewonnen. Für Andrea Salvisberg endete der Wettkampf bei den Männern wegen Hüftproblemen während des Radfahrens vorzeitig. (chm)

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