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Doping

Muskelwahn statt Betrug: Drei Jahre Sperre für ein Päckchen aus dem Internet

Die Schweizer Anti-Doping-Organisation Swiss Sport Integrity verzeichnet einen Rekord an Verfahren wegen abgefangener Substanzen am Zoll. Aber geht es dabei wirklich um Doping?
Immer mehr junge Menschen bestellen sich illegale Substanzen für das Muskelwachstum im Internet.
Bild: Patrick Seeger

Die Fälle gleichen sich. Meist junge Freizeitsportler werden für zwei, drei oder vier Jahre gesperrt, weil sie sich im Internet gesundheitsgefährdende Substanzen bestellen, die dann bei Kontrollen am Zoll entdeckt werden. Stehen die illegalen Mittel wie Wachstumshormone, Androgenrezeptormodulatoren (SARMs) oder synthetische Peptide auf der Dopingliste, geht die Meldung an die nationale Anti-Doping-Organisation Swiss Sport Integrity (SSI) zur Beurteilung.

Auch wenn es bei den Beweggründen in den allermeisten Fällen um Körperkult und Muskelwachstum und nicht um Doping geht, werden jene erwischten Konsumenten, die zufälligerweise Aktivmitglied in einem Sportverein sind, zu teilweise langjährigen Sperren verurteilt. So auch Fussballer aus der 5. Liga oder Eishockey-Spieler aus der 3. Liga.

Im Jahr 2025 stieg der Prozentsatz der «Zoll-Verfahren» im Vergleich zu den Verfahren aufgrund traditioneller Dopingkontrollen von 50 Prozent auf 66 Prozent an. Noch nie war dieser Anteil (20 Fälle) so hoch. Und noch nie waren als Folge davon so viele junge Menschen wegen Dopings im Schweizer Sport gesperrt: Aktuell sind es 13 Personen mit Jahrgang 2000 und jünger.

Ernst König, Direktor von Swiss Sport Integrity.
Bild: ANTHONY ANEX

Der Aufwand von SSI für die Bewältigung dieser Disziplinarverfahren jenseits des Kernauftrags - der Dopingbekämpfung im Leistungssport - steigt kontinuierlich an. Deshalb sagt Ulrich Kurmann, der Stiftungspräsident von SSI: «Das muss man sich für die Zukunft schon genauer anschauen. Es ist ein sportpolitischer Entscheid der Wada, ob man diese Freizeitsportler wirklich anhand der gleichen Kriterien messen will wie Leistungssportler. Stand heute können wir diese Personen nicht einfach nicht sperren.»

Durch die mehrjährigen Sperren reisst man die meist jungen Menschen mit auffällig häufigem Migrationshintergrund aus ihren gesellschaftlichen Strukturen. Soziale Ausgrenzung ersetzt die gepriessene integrative Wirkung des Sports. Dabei haben die allermeisten dieser Täter, die eher Opfer sind, keinen Schimmer davon, dass sie mit dem Gebrauch dieser Substanzen Doping betreiben. Sie lassen sich durch «Werbung» von Influencern in den sozialen Medien verleiten, Substanzen mit cool klingenden Namen wie BPC-157 oder MK677 als Nahrungsergänzungsmittel für den Muskelaufbau zu bestellen. Oft wissen sie nicht einmal, dass sie damit gegen Gesetze verstossen. Erst recht nicht, dass sie Dopingregeln übertreten.

Zwar kann SSI die Sperren bei einem Eingeständnis der Schuld, die es punkto Doping ja eigentlich gar nicht ist, um 25 Prozent reduzieren, aber Direktor Ernst König gibt zu, «dass diese Menschen auch uns oft leidtun.» Er spricht davon, dass die Schlüsselfrage bei dieser Diskussion die «Verhältnismässigkeit» der Massnahmen sei. «Immerhin gibt uns der neue Doping-Code der Wada ab 2027 etwas mehr Flexibilität beim Strafmass.»

Allerdings ist man noch weit entfernt von einer derart klaren Anpassung wie vor wenigen Jahren bei den Suchtmitteln Cannabis oder Kokain. Hier wurden die Sperren, wenn kein Beweggrund der Leistungssteigerung zu erkennen ist, von vier Jahren auf ein bis drei Monate reduziert. König sagt, dass dies bei Wachstumshormonen oder Peptiden nicht möglich sei, weil die Gesundheitsgefährdung durch die Einnahme der oft experimentellen Wirkstoffe viel höher sei. Einig sind sich Kurmann und König darin, dass bei möglichen Massnahmen an erster Stelle die Prävention von Jugendlichen steht. Aber wie, wenn diese nicht einmal wissen, was SSI überhaupt ist?

Ein Auftrag an Swiss Sport Integrity ist von Gesetzes wegen, die Verfügbarkeit von Dopingsubstanzen in der Schweiz einzuschränken. Dazu gehört die Kontrolle und Vernichtung der von Strafverfolgungsbehörden beschlagnahmten Sendungen. Das waren im vergangenen Jahr deren 1282. Während Sperren nur für Personen möglich sind, die Teil des organisierten Sports sind, flattert allen Bestellern solcher illegalen Mittel eine Busse von 400 Franken ins Haus - ausgestellt ebenfalls von SSI.

Was zu ganz speziellen Reaktionen führt. Erst vor wenigen Tagen musste sich Ulrich Kurmann von einer 62-jährigen Frau anhören, ob man denn bei der Dopingbehörde nichts Besseres zu tun habe, als ihr nachzustellen. Die Motivation der Gebüssten, diese gesundheitlich riskanten Substanzen zu erwerben, lag wohl eher im Verlangen eines gebremsten Alterungsprozesses, denn bei der Leistungssteigerung im Sport.

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