
Noch vor wenigen Jahren musste man in Lausanne den Schweizer Leichtathleten mit allerlei B-Läufen und Wild Cards die Bühne auf Stufe Diamond League freischaufeln. Inzwischen gehören die nationalen Aushängeschilder nicht nur wie selbstverständlich zur Show. Sie bestimmen sie sogar an vorderster Front mit. Und in einem Fall hoffte man am Freitagabend sogar, dass auf der Pontaise Leichtathletik-Geschichte geschrieben wird.
Audrey Werro war angetreten, erneut den Uralt-Weltrekord von Jarmila Kratochvilova zu attackieren. Doch die Frage nach ihren Energiereserven stellte sich im Anschluss an Werros emotionalen Glanzauftritt an der EM halt doch. Die Zeit, um die Batterien wieder vollständig aufzuladen, war offensichtlich doch etwas zu kurz.
Audrey Werro bewies beim Heimspiel in Lausanne, welch gutes Tempogefühl sie inzwischen entwickelt hat. Die niederländische Tempomacherin ging die ersten 400 m im 54,64 beinahe eine Sekunde schneller an als abgemacht. Werro verzichtete darauf, ihren Rücken zu halten, und liess einen kleinen Abstand. Nicht optimal für einen Rekord, bei dem jedes Detail stimmen muss.
Die 22-jährige Freiburgerin bestimmte das Rennen wie gewohnt von der Spitze aus. Doch auf den letzten 50 Metern kam ihr Femke Broeders-Bol näher und näher. Letztlich rettete Audrey Werro in 1.55,33 nur acht Hundertstelsekunden Vorsprung ins Ziel. Die Niederländerin ihrerseits, die erst auf diese Saison auf die 800-m-Distanz gewechselt ist, lief wie schon in Birmingham Landesrekord.
Stab Frauen: Europameisterin Moser wieder auf dem Podest

Europameisterin Angelica Moser hat auch in der Diamond League das Podest abonniert. Beim Heimauftritt in Lausanne sprang lediglich die US-Amerikanerin Hana Moll (4,84 m) höher als die Schweizerin (4,74 m). Es war bereits die fünfte Top-3-Rangierung für Moser in dieser Saison. Auch nach Athletissima verbleibt ihre Saisonbestleistung bei 4,80 m. Nächster Halt: Hauptbahnhof Zürich, wo am kommenden Mittwoch für die besten Stabhochspringerinnen der Welt der Auftakt zu Weltklasse Zürich erfolgt.
Weitsprung Männer: Tentoglou steht Simon Ehammer wieder vor der Sonne
Wie so oft, wie auch an der EM war für Simon Ehammer im Weitsprung kein Vorbeikommen an Seriensieger Miltadis Tentoglou aus Griechenland. Dem Olympiasieger reichten für einmal bescheidene 8,24 m, um sich seinen Schweizer Konkurrenten vom Leib zu halten. Ehammer hatte lange Mühe, in den Wettkampf zu finden. Die 8,13 m im fünften Versuch blieben der einzige 8-Meter-Sprung des Appenzellers, der bei wechselnden Windverhältnissen nicht weniger als viermal übertrat.
110 m Hürden: Jason Joseph schafft es auch gegen die Weltbesten auf das Podest

Jason Joseph hat seinen Europameistertitel in Lausanne bestätigt. Zwar gelang ihm gegen die Weltelite kein Sieg, aber Platz 3 in der Diamond League lässt sich auf jeden Fall sehen, selbst wenn die Zeit des Baselbieters mit 13,29 etwas hinter der Leistung von Birmingham zurücklag. Weltrekordhalter Ja’Kobe Tharp aus den USA kam bei halber Distanz unmittelbar neben dem Schweizer ins Straucheln und beendete das Rennen als Letzter. Als Sieger feiern durfte sich auf der Pontaise sein Landsmann Jamal Britt (13,13), der in dieser Saison ebenfalls schon unfassbare 12,86 auf der Rechnung hat.
100 m Hürden: Ditaji Kambundji bleibt auf EM-Niveau

Mit nur einem Wettkampftraining nach der Rückkehr aus Birmingham in den Beinen durfte man von Weltmeisterin Ditaji Kambundji auch in Lausanne keine Wunderdinge erwarten. Die 24-jährige Bernerin lief mit 12,71 vier Hundertstelsekunden schneller als vor Wochenfrist in England. Gegen Siegerin Masai Russell aus den USA, die mit 12,14 auch die Weltjahresbestzeit und zweitschnellste Zeit der Geschichte inne hat, blieb Kambundji chancenlos. Die Amerikanerin holte sich bei ihrem ungefährdeten Sieg vor Europameisterin Nadine Visser mit 12,27 den Meetingrekord in Lausanne.
5000 m Männer: Lobalu fehlt die Spritzigkeit

Dominic Lobalu konnte die Strapazen seines Doppelstarts an der EM in Lausanne nicht ganz verbergen. Beim Sieg von Birhanu Balew aus Bahrain über 5000 m fehlte dem Schweizer die Frische, um auf der ultraschnellen letzten Runde mit den Besten mithalten zu können. Auf Balews unwiderstehlichen Endspurt hatte auch sonst niemand im Feld eine adäquate Antwort. Lobalu verpasste als Achter mit 13:00,73 seine insgesamt sechste Zeit unter 13 Minuten nur knapp.
400 m Hürden: Überraschungsgast läst Edwin Moses vergessen

Rai Benjamin, Weltmeister von Tokio, konzentriert sich in dieser Saison auf die 400 m flach. Auch das kann der 29-jährige US-Amerikaner, wie er bei seinem Sieg beim Diamond-League-Meeting in London bewiesen hat. Weil Benjamin Lausanne kurzfristig für sein einziges Hürdenrennen des Jahres ausgewählt hat, hievten die Organisatoren die Disziplin ins Programm. Und wurden bedient mit einem neuen Stadionrekord. Der zweitschnellste Hürdenläufer der Geschichte – nach Karsten Warholm – verbesserte mit seiner Zeit von 46,67 die Marke von Leichtathletik-Legende Edwin Moses (47,14). Die Leistung von Lausanne gehört übrigens zu den Top-10-Zeiten in der langen Karriere von Benjamin.
200 m Frauen B-Lauf: Kambundjis Spurt nach dem Rennen

Es war eine seltsame Szene nach dem ungewohnt frühen Einsatz von Mujinga Kambundji. Für die 34-Jährige reichte es bei ihrem Comeback nach der Schwangerschaft nur für einen Platz im B-Lauf des Vorprogramms. Sportlich geht es bei der schnellsten Frau der Schweiz neun Monate nach der Geburt von Sohn Léon noch nicht vorwärts. Die 23,87 in Lausanne waren die schwächste Zeit in ihren drei Rennen seit dem Comeback.
Den eigentlichen Sprint absolvierte die Schweizer Rekordhalterin (22,05) allerdings nach dem Wettkampf. Weil unmittelbar im Anschluss ihres Zieleinlaufs vor der Haupttribüne der Pontaise die Präsentation der Stars auf dem Programm stand, wurde Mujinga Kambundji von einem Offiziellen quer durchs Stadion gescheucht. Immerhin war der Applaus für sie dann mindestens so herzlich wie für jene Stars, die aktuell noch in einer anderen Liga spielen.
800 m Frauen B-Lauf: Joceline Wind läuft sich den EM-Frust von der Leber

Die aus dem Berner Jura stammende Mittelstreckenläuferin Joceline Wind war nach ihrem Vorlauf-Aus über 1500 m an der EM zu Tode betrübt. Eine Woche später sah man die 25-Jährige in Lausanne nach dem Rennen wieder jubeln. Die Trainingskollegin von Audrey Werro machte einen ihrer seltenen Abstecher auf die 800-m-Strecke, um im Vorprogramm des Meetings ebenfalls einen Auftritt vor Heimpublikum geniessen zu können. Es war seit 2018 erst ihr insgesamt 20. Start über diese Distanz. Und der erste, der mit einer Zeit unter der Schallmauer von zwei Minuten endete. Joceline Wind verbesserte ihre persönliche Bestmarke auf 1:59,87. Sie unterstrich damit, dass die EM-Form durchaus da gewesen wäre.
100 m Frauen B-Lauf: Ajla Del Ponte mit einem seltenen Sieg

An den Olympischen Spielen 2021 in Tokio sorgte Ajla Del Ponte als Fünfte und schnellste Europäerin im Final über 100 m für ein sportliches Highlight. Vor einer Woche im Birmingham glänzte die 30-Jährige beim Staffelsilber mit ihrer speziellen Geste des Startverzichts zugunsten von Landsfrau Fabienne Hoenke für einen emotionalen Höhepunkt. Dazwischen liegt für die Tessinerin eine schwierige Zeit mit vielen Verletzungen und psychischen Tiefs. In Lausanne rannte Del Ponte wieder einmal als Siegerin eines 100-m-Rennens über die Ziellinie. Wenn auch nur im B-Lauf und im Vorprogramm des Diamond-League-Meetings. Die Zeit: 11,38 Sekunden. Noch immer weit entfernt von ihren insgesamt fünf Zeiten unter elf Sekunden, die Ajla Del Ponte alle in ihrem Fabeljahr 2021 lief.
800 m Männer: Wanyoni gewinnt das Duell der Giganten

Es war der hochstehendste 800-m-Lauf der Geschichte. Im 800-m-Final der Olympischen Spiele liefen vier Athleten unter 1:42 Minuten, wobei der Kenianer Emmanuel Wanyonyi den Kanadier Marco Arop um eine Hundertstelsekunde hinter sich liess. Bei Athletissima war das komplette Olympia-Podest am Start. Vor allem Wanyonyi hat beste Erinnerungen an Lausanne. Vor zwei Jahren blieb der Athlet mit dem gleichen Jahrgang wie Audrey Werro auf der Pontaise mit 1:41,11 nur zwei Zehntelsekunden hinter dem Weltrekord und war so schnell wie hinter Landsmann und Weltrekordhalter David Rudisha niemand sonst. Diesmal blieben die Läufer trotz horrend schneller erster Runde (48,86) im Ziel rund eine Sekunde langsamer, wobei Wanyonyi seine Konkurrenten auch diesmal in Schach hielt.
200 m Frauen: Drama um Jamaikas Sprint-Queen Sharicka Jackson

Während sich die US-Amerikanerin Kayla White für ihren Sieg vor der vierfachen Europameisterin Amy Hunt feiern liess, lag die frühere Weltmeisterin Shericka Jackson aus Jamaika auf der Bahn und musste sich minutenlang pflegen lassen. Ausgangs Kurve hatte es in ihrer Beinmuskulatur gezwickt und Jackson musste ihr Rennen bei Höchsttempo abrupt abbrechen. Noch am Vortag sagte die 32-Jährige, die letzten Wochen seien hart gewesen und sie kämpfe darum, wieder die Form von Saisonbeginn zu erreichen. Diese Zielsetzung hat sich jetzt wohl erübrigt. Die 22-jährige Aargauerin Fabienne Hoenke konnte wie erwartet nicht ganz mit den weltbesten Sprinterinnen mithalten. Die EM-Vierte von Birmingham kam mit einer soliden Zeit von 22,83 ins Ziel.
Speer Frauen: Hügli findet nicht aus ihrem Zwischentief

An den Europameisterschaften in Birmingham erlebte nicht nur Audrey Werro mentale Höhen und Tiefen innerhalb kürzester Zeit. Ähnlich erging es Speerwerferin Leonie Hügli. In der Qualifikation warf die 21-Jährige bei ihrer Grossanlass-Premiere mit 62,33 Schweizer Rekord. Keine der zwölf Finalistinnen war besser. Im Final dann ging plötzlich gar nichts mehr, «auch wenn ich überhaupt nicht das Gefühl hatte, nervös zu sein». Nach nur drei Versuchen und einer Bestweite von 54,55 m war Feierabend. Rang 10 und die Erkenntnis, dass ihre Qualifikationsweite für Silber gereicht hätte.
Bereits an den Schweizer Meisterschaften in Zürich erlebte die Bernerin eine Enttäuschung – und reagierte mit dem Schweizer Rekord beim nächsten Einsatz. Wie also fiel Hüglis Antwort auf die EM-Enttäuschung in Lausanne aus? Leider scheinen die Erlebnisse in Birmingham bei der jungen Schweizerin eine bleibende Verunsicherung ausgelöst zu haben. Diesmal flog Hüglis Speer sogar nur auf 53,83 m – fünf Meter kürzer als bei der Zweitletzten. Irgendwie ist nach ihrem Höhenflug zurzeit der Wurm drin.

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