Am Freitag fordert Ambri in Zürich die ZSC Lions zum Spitzenkampf. Spitzenkampf! Allein dieses Wort erklärt alles. Der Klub, der für Leiden und Leidenschaft, für knappe spielerische und finanzielle Mittel steht, den selbst viele Experten im Tessin auf dem letzten Platz erwartet haben, begegnet einer der reichsten Hockey-Organisationen Europas auf Augenhöhe.
Wie ist das möglich? Dank weniger Romantik, weniger Emotionen, weniger Folklore und dafür mehr Taktik, Disziplin, Nüchternheit und Realismus. Vieles ist in der Leventina im Herbst 2026 anders. Die Ausländer sind besser, das Spiel ist strukturierter und mit Jussi Tapola steht ein taktischer Zuchtmeister und kein leidenschaftlicher Anheizer an der Bande.
Die neue taktische Stabilität macht Torhüter Philip Wüthrich besser. Er spielt die beste Saison seiner Karriere. Wenn die Defensive funktioniert, wird auch der hinterste Mann stärker. Wüthrich profitiert von der neuen Ordnung.
Am deutlichsten lässt sich der Stilwechsel in einer Statistik ablesen. Ambri zählt traditionell zu den eher «Bösen» und war 2022/23 sogar das meistbestrafte Team der Liga. Jetzt ist Ambri das fairste Team der Liga (Strafminuten pro Spiel). Mit insgesamt 99 Minuten erheblich weniger sanktioniert als etwa Ajoie, Lausanne oder Biel, die schon über 200 Minuten auf dem Kerbholz haben.
Diese Entwicklung ist kein Zufall. Sie dokumentiert den Stilwechsel einer Mannschaft, die ihre Energie gezielter investiert. Wer sich gut organisiert, muss den Gegenspieler nicht hinterherlaufen. Wer seine Emotionen kontrolliert (= Disziplin) sitzt seltener auf dem Sündenbänklein. So spielt es keine Rolle, dass Ambri das schwächste Unterzahlspiel der Liga hat.
Der Wandel hat den Ursprung in einer Revolution, die im vergangenen Herbst praktisch die gesamte Führung aus den Ämtern fegte: Präsident, Geschäftsführer, Sportchef und Trainer. Ausgelöst durch präsidialen Verrat. Obmann Filippo Lombardi wollte hinter dem Rücken von Sportchef Paolo Duca Trainer Luca Cereda durch Christian Dubé ersetzen und provozierte so den Rücktritt seines Trainers und Sportchefs. Ohne diesen Verrat wäre ein so tiefgreifender Stilwechsel unmöglich gewesen.
Mit Lars Weibel und Jussi Tapola haben nun zwei ausgesprochene Pragmatiker die sportliche Führung übernommen. Sie stehen Ambris Kultur und den Spielern emotional nicht so nahe wie ihre Vorgänger, die als Söhne des Tales die ein Teil von Ambris Geschichte und nicht «nur» Trainer und Sportchef waren. Wer so stark mit seinem Klub verbunden ist, tut sich schwerer mit harten Entscheidungen und bringt mehr Emotionen, Aufregung und Nervosität in die Kabine.
Der Schwyzer Lars Weibel, der lieber schlau zu wenig als stürmisch zu viel tut und der Finne Jussi Tapola müssen keine Rücksicht auf Ambris Seele nehmen. Ihre Aufgabe ist es, Spiele zu gewinnen. Punkt. So lange öfters gewonnen als verloren wird, murrt niemand über Tapolas Führungsstil. Und immerhin hat er es verstanden, dem sensiblen Schillerfalter Inti Pestoni wieder Flügel zu machen. Ein «Uhung», ein Grobian ist er offenbar doch nicht.
Wie weit tragen Taktik, Disziplin, Nüchternheit und Realismus diese Mannschaft? Funktioniert alles auch dann, wenn sich die Gegner auf Ambri eingestellt haben? Die spielerischen Mittel sind begrenzt. Was, wenn eben doch Leidenschaft und Emotionen gefordert sind, um Spiele gegen stärkeren Widerstand zu gewinnen? Und überhaupt: Kann es über eine längere Zeit tatsächlich ein nüchternes, pragmatisches Ambri geben? Ist es nur ein kurzer Wahn, dem eine lange Reue folgen wird? Und wird es gelingen, Spieler wie Philip Wüthrich zu halten, die bei auslaufendem Vertrag durch den neuen Ruhm teurer werden?
Noch umweht den erstaunlichen Saisonstart der Hauch des Unglaublichen. Ambri an der Spitze, Ambri als taktisch disziplinierte Mannschaft, Ambri als Musterbeispiel nüchterner Effizienz: Das klingt immer noch eher nach einem Hockeymärchen als nach einer realistischen Beschreibung. Am Freitag in Zürich wartet die nächste Gelegenheit, dem Märchen ein weiteres Kapitel hinzuzufügen.



Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.