Olympische Spiele

Stadien, fehlende Hotelzimmer, Krokodile: Wie Olympische Spiele eine Stadt verändern

Baustelle Olympia: Eigentlich sollten die Spiele 2032 günstig und nachhaltig werden. Nun entsteht in Brisbane ein riesiges Stadion, es fehlen Tausende Hotelzimmer – und Krokodile machen Sorgen.

Sechs Jahre sind es noch bis zu den Olympischen Spielen in Brisbane. Und während Deutschland gerade mit München ins Rennen um die Spiele 2036, 2040 oder 2044 geht, zeigt sich in der australischen Metropole schon heute, was Olympia mit einer Stadt machen kann: Wo einmal Zehntausende Zuschauer sitzen sollen, stehen Kräne und Bagger. Lange gab es Streit über alte und neue Stadien, es fehlen Tausende Hotelbetten - und die Ruderer sollen auf einem Fluss um Medaillen kämpfen, in dem Krokodile leben.

Nur eins scheint sicher: Von den ursprünglichen Versprechungen ist nicht viel übrig. Brisbane sollte für eine neue, sparsame Olympia-Ära stehen. Die Bewerbung setzte auf vorhandene Sportstätten und versprach, den Kreislauf des Gigantismus zu durchbrechen. Inzwischen sind die Pläne zu einem milliardenschweren Infrastrukturprogramm mutiert.

«Es sollte ein Olympia zum kleinen Preis werden - und genau das wollte das Olympische Komitee: bestehende Anlagen nutzen und nicht viel Geld ausgeben», sagt Uber-Fahrer John. «Aber dann war wieder alles anders und Brisbane sagte: Nein, wir können das viel besser machen!» Statt wie geplant das traditionsreiche Cricket- und Sportstadion «The Gabba» umzubauen, entsteht ein neues «Brisbane Stadium» für 63.000 Besucher.

Protestcamp im Victoria Park

Der Standort sorgte allerdings für viel Kritik: Vor Baubeginn im Victoria Park kam es wiederholt zu massiven Protesten. Anwohner und indigene Aktivisten forderten, die historische Grünfläche zu erhalten und warnten vor Eingriffen in ökologisch und kulturell bedeutsame Bereiche. Im Mai eskalierte der Streit, als die Polizei ein Protestcamp räumte und mehrere Menschen festnahm.

Auf dem Weg zum Park ziehen glitzernde Hochhäuser vorbei, dazwischen ragen überall mächtige Kräne in den Himmel. «Sehr viele Menschen ziehen gerade aus anderen Landesteilen nach Brisbane, hier gibt es jede Menge Arbeit», sagt John. «Ich freue mich trotz aller Probleme sehr auf die Spiele, ich liebe Sport!»

Und tatsächlich: Von Olympia-Verdruss ist erstaunlich wenig zu spüren. Der Taxifahrer, die Hotelangestellte, Leute auf der Strasse - die meisten sind mittlerweile stolz darauf, dass die Welt 2032 nach Brisbane schaut.

Leuchtender Countdown

Auf einer Leuchttafel mitten im Zentrum können die Bürgerinnen und Bürger derweil ablesen, wie viele Jahre, Tage, Minuten und Sekunden bis zur Entzündung des olympischen Feuers bleiben. Ein Countdown für den grossen Auftritt. Schliesslich ist es schon eine Weile her, dass Australien zuletzt Gastgeber war. Die Spiele 2000 in Sydney sind vielen unvergessen, die «Aussies» empfingen die Welt mit ihrer typischen Herzlichkeit. Brisbane tritt also in grosse Fussstapfen.

Am Victoria Park angekommen, stossen Schaulustige auf grossräumige Absperrungen. Plakate zeigen, wie das «Brisbane Stadium» einmal aussehen soll - ansonsten ist von der künftigen Arena nichts zu sehen. Nicht einmal Baulärm dringt nach draussen. «Wir befinden uns noch ganz in der Anfangsphase», sagt ein Wachmann. Wie lange es noch bis zur Fertigstellung brauche? «Oh, das wird Jahre dauern!» Er sei sich nicht einmal sicher, ob es rechtzeitig fertig werde. «Andererseits, es muss ja irgendwie klappen.»

Hohe Kosten und fehlende Hotelbetten

Insgesamt sollen 17 neue und modernisierte Sportstätten in Queensland entstehen, darunter ein National Aquatic Centre für rund 25.000 Wassersportfans. Hinzu kommen mehrere Athletendörfer. Aktuell werden die Kosten der Spiele auf etwa 15,5 Milliarden Australische Dollar (9,5 Milliarden Euro) geschätzt - Experten glauben, dass es am Ende noch deutlich teurer wird.

Und dann sind da noch die Hotelbetten. Nach einer Analyse des australischen Immobilienwirtschaftsverbandes Property Council of Australia werden in Südost-Queensland rund 64.800 Hotelzimmer benötigt. Selbst wenn alle derzeit geplanten Projekte fertig werden, dürften etwa 5.200 Zimmer fehlen - im ungünstigsten Fall könnten es sogar rund 7.400 sein.

Eine Lösung könnte vom Wasser kommen: Kreuzfahrtschiffe sollen helfen, die Lücke zu schliessen. Brendan Connell vom Hafen von Brisbane sagte laut «Sydney Morning Herald», Ozeanriesen könnten als schwimmende Hotels dienen. Barcelona habe bei den Spielen 1992 vorgemacht, dass das funktioniere. Auch städtische Campingplätze und Unterkünfte an Vorort-Pubs sind im Gespräch. Airbnb verwies auf Paris 2024: Rund 400.000 Menschen hätten dort über die Plattform eine Unterkunft gebucht.

Rudern im Krokodilfluss

Und auch bei den Ruder- und Kanuwettbewerben läuft nicht alles rund. Austragungsort ist der Fitzroy River, etwa 600 Kilometer nördlich von Brisbane. Dort gibt es starke Strömungen - und Salzwasserkrokodile. Um den Standort gab es lange Debatten. Die Prüfung sei aber nun abgeschlossen und positiv ausgefallen, sagte Queenslands Regierungschef David Crisafulli zuletzt. «Es ist offiziell, unter Dach und Fach und besiegelt.»

Wie gross die Gefahr wirklich ist, darüber streiten Fachleute. «Im Süsswasserabschnitt des Flusses gibt es nur sehr wenige Krokodile - ich glaube, wir haben in den letzten 40 Jahren vier entfernt - daher besteht dort keine grosse Gefahr», zitierte der Sender ABC den Krokodilexperten John Lever. Umweltwissenschaftler Craig Franklin hält den Fluss als Sportstätte dagegen für nicht vertretbar. «Es ist gefährlich, und die Folgen können tödlich sein.»

Während Brisbane noch fast sechs Jahre Zeit hat, seine Probleme zu lösen, beginnt in Deutschland gerade die nächste Olympia-Debatte - auch wenn Krokodile dabei keine Rolle spielen. Was in Brisbane passiert, dürfte in München genau beobachtet werden. Denn aus dem Versprechen von Nachhaltigkeit und vorhandener Infrastruktur werden schnell milliardenteure Bauprojekte.

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