
Es läuft die siebte Runde, als Gabi «Balboa» Timar im Ring lacht. Zwar blitzt nur ihr Zahnschutz hervor, das Lachen aber ist deutlich zu erkennen. Eben ist sie ihrer Gegnerin elegant entwischt. Schon wieder. Für Sothita Sitthichai gibt es kein Nachkommen.
Diese Szene ist sinnbildlich für diesen Abend, in dem Timar um ihren zweiten Weltmeistertitel im Atomgewicht kämpft. Angetreten als amtierende Weltmeisterin der WBO, geht es am Samstagabend im Basler Schauspielhaus im Rahmen des 44. Boxeo um den Titel in der WIBA, dem ältesten Frauenboxverband der Welt.
Auch wenn Timar betont, dass sie während der Kämpfe das Geschehen rundherum nie wahrnimmt, ist es gut möglich, dass sie in besagtem Moment selbst realisiert, was von aussen zu erkennen ist: Ihre Gegnerin hat keine Chance mehr, diesen Kampf für sich zu entscheiden. Viel mehr war die 20-jährige Thailänderin gar nie wirklich in diesem Kampf angekommen.
Timar übernimmt früh die Kontrolle
Bereits in der ersten von zehn Runden, die jeweils über zwei Minuten gehen, wird Sitthichai angezählt, nachdem sie einen satten Schlag kassiert und zu Boden geht. Doch sie macht weiter, steckt in jeder Runde Schläge auf den Kopf ein. Die Thailänderin greift in der Folge immer wieder zu unerlaubten Mitteln, wird mehrfach ermahnt.
Aber nicht nur, weil von Sitthichai zu wenig Gegenwehr und zu wenige saubere Angriffe kommen, ist dieser WM-Kampf eine einseitige Sache. Zu stark, zu routiniert und zu abgeklärt tritt Timar auf. Als sie in Runde 2 einen ihrer Kopftreffer gegen Sitthichai landet, ruft ihr Trainer und Manager Angelo Gallina in den Ring: «Now you can dance!» Jetzt kannst du tanzen.

Und das tut die gebürtige Rumänin in der Tat. Sie wirkt viel agiler, leichtfüssiger, hält die 19 Jahre jüngere Sitthichai stets auf Distanz und das Geschehen so immer unter Kontrolle – und punktet immer wieder geschickt auf dem Weg zum zweiten Meilenstein ihrer Karriere. Am Ende gewinnt sie den Kampf einstimmig und deutlich nach Punkten (100:89, 100:89, 100:90). Zweifel daran, wie klar die Wertung ausfallen würde, hatte wohl niemand im gut gefüllten Schauspielhaus. Für Timar war es ein Heimspiel, lautstark wurde sie von den Fans nach vorne gepusht.

2018 begann Timar ihre Profikarriere. Nun, 19 Kämpfe später, darf sie sich Doppel-Weltmeisterin nennen. «Wie verrückt klingt das?», fragt sie nach dem erfolgreichen Fight und wirft damit eine Frage in den Raum, die an diesem Abend nur eine beantworten kann: Gabi «Balboa» Timar.
Der Weg zu diesem zweiten Triumph war beschwerlich. Timar hatte nach ihrem historischen Sieg im Dezember monatelang mit den Folgen eines heftigen Nasenbruchs zu kämpfen. An Sparring war nicht zu denken, erst ab Juli war es ihr wieder möglich, diese kontrollierten Trainingskämpfe zu absolvieren.
Timar spürte zunehmend, welchen Tribut dieser Sport von ihrem Körper fordert. Dieser Sport, den sie so liebt. So fiel es ihr dieses Mal auch schwerer, die entscheidenden Kilogramm zu verlieren, um im Atomgewicht (bis 46,2 Kilogramm) antreten zu dürfen. Bis zu ihrem WM-Kampf im vergangenen Dezember kämpfte Timar immer eine Gewichtsklasse weiter oben im Strohgewicht (bis 47,6 Kilogramm).
Eine Frage, die nur sie beantworten kann
Wie lange ihr Körper das Spiel mit dem Gewicht und der Härte des Boxens noch mitmacht, weiss Timar selbst nicht. Und auch nicht, wie lange sie ihren Körper all dem aussetzen möchte. Wenige Tage vor dem Kampf sagte die im November 40 Jahre alt werdende Timar dieser Zeitung: «Wir sind realistisch.» Ihren nächsten Kampf wollte sie dann auch noch nicht ankündigen. Erst einmal möchte sie abwarten, wie gut sie sich von diesem neuerlichen Triumph erholt.
Von all diesen Gedanken über die Zukunft ist an diesem Abend ohnehin nichts zu sehen. Da ist sie schnell, leichtfüssig, überlegen. Da tanzt sie, wie es ihr Trainer schon in der zweiten Runde zugerufen hat. Und sie lacht.
Gabi «Balboa» Timar ist der Wiedereinstieg in den Ring nach zehnmonatiger Pause gelungen. Und wie. Sie darf sich nun Doppelweltmeisterin nennen.
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