«An den Pfosten prallt der Ball!», brüllt Kommentator Sascha Ruefer am 1. Juli 2014 ungläubig ins Mikrofon. Genau wie er hatte eine ganze Fussballnation bereits den Torschrei auf den Lippen. Blerim Dzemaili war nach einer Flanke von Xherdan Shaqiri zum Kopfball gekommen. Der Ball prallte aus fünf Metern an den Pfosten, dann an Dzemailis Knie und schliesslich ins Tor-Aus.
In den 120 Minuten zuvor hatte sich die Nati mit aller Kraft gegen das scheinbar übermächtige Argentinien gewehrt, mit einer kämpferischen und aufopfernden Leistung, die seinesgleichen sucht. Ein einziges Mal entwischte Lionel Messi und bediente Angel di Maria mustergültig. Dieser netzte zum 1:0-Endstand ein.
Dzemailis Pfostenschuss ist einer der grössten «Was wäre wenn?»-Momente der Schweizer Fussballgeschichte. Die kleine Schweiz brachte Mitfavorit Argentinien an den Rand einer Niederlage. Von Blick-Journalist Tobias Wedermann darauf angesprochen, blockt Dzemaili ab: «Ich glaube in den nächsten Tagen darf ich nicht über den Pfostenschuss reden», scherzt er im «Blick»-Podcast «Forza!». Viel lieber spricht er über die diesjährige Ausgangslage.
Zwölf Jahre nach dem Drama von São Paulo treffen die beiden Nationen erneut aufeinander, allerdings mit ganz anderen Vorzeichen. Die Schweiz hat sich seit 2014 stetig weiterentwickelt und behauptet sich mittlerweile hervorragend im Gerangel der grossen Fussballnationen. An den letzten beiden Europameisterschaften scheiterte die Nati erst im Penaltyschiessen gegen Spanien, resp. England, nachdem man Frankreich, bzw. Italien aus dem Turnier gekegelt hatte.
Schweizer Kollektiv gegen Argentiniens Einzelspieler
Die letzte Niederlage nach 90 Minuten erfolgte an der WM 2022. Klar ist: Argentinien muss sich vor dieser euphorisierten Schweiz in Acht nehmen, gelang gegen Kolumbien doch die erste Viertelfinal-Qualifikation seit 72 Jahren. Das sieht auch Blerim Dzemaili so: «Mit Messi ist die Mannschaft um 50 Prozent besser als ohne ihn. In einer anderen Mannschaft würden die argentinischen Spieler nicht mal auffallen. Wir haben eine andere Mannschaft, unsere Spieler können in jeder Mannschaft etwas bewirken. Wir haben eine komplette Mannschaft, die ihre Aufgabe erledigt. Und diese Mannschaft kann auch Argentinien in Bedrängnis bringen.»
In der Tat ist Messi Argentiniens absoluter Dreh- und Angelpunkt, ohne ihn geht nichts. Und selbst mit ihm bekundeten die Argentinier grosse Mühe gegen die vermeintlich einfachen Gegner Kap Verde und Ägypten. So genial Messi in der Offensive ist, ist auch klar: In der Defensive und im Gegenpressing hat Argentinien einen Spieler weniger.
Laut Dzemaili macht das Kollektiv der Schweiz viel aus: «Argentinien hat viele Einzelspieler, die jeden Moment den Unterschied machen können. Aber es ist keine Mannschaft. Wenn wir taktisch intelligent vorgehen, wird Argentinien ganz sicher in Bedrängnis geraten.» Auch das Selbstverständnis ist heute ein anderes als noch vor zwölf Jahren.
Dzemailis Haltung ist klar: «Ich sehe die Chancen 55 zu 45 für Argentinien, einfach, weil sie klasse Einzelspieler und den wohl besten Spieler aller Zeiten in ihren Reihen haben. Wir waren damals noch nicht so gereift, für uns war ein Achtelfinal gegen Argentinien das Grösste. Diese Mannschaft ist viel weiter, der Unterschied ist längst nicht mehr so gross.»


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