Tennis

«Er erzählt relativ viel Blödsinn»: Alexander Zverev legt sich mit Boris Becker an

Kaum ist Alexander Zverev die Nummer 1 der Welt, gerät er mit Boris Becker aneinander. Der Deutsche hatte seinen Landsmann öffentlich kritisiert – nun schlägt Zverev mit klaren Worten zurück.

Das Kaisers neue Kleider sind massgeschneidert. Seit Anfang dieser Woche trägt Alexander Zverev das schönste Gewant im Tennis: Er ist die Nummer 1 der Weltrangliste, als erster Deutscher seit Boris Becker vor 35 Jahren. Nur: Gegen die Besten der Welt wirkt der neue Kaiser ziemlich nackt.

Am Mittwoch folgte die erste Ernüchterung: Sein erster Auftritt als frisch gekrönter Kaiser endete beim Masters-Turnier in Paris-Bercy mit einer krachenden Niederlage – 6:7, 2:6 gegen den Italiener Lorenzo Musetti. Ein Ausrutscher? Mitnichten. Gegen die Top 10 steht Zverev in diesem Jahr bei ernüchternden 3:9 Siegen, gegen die Top 20 bei 9:12. Noch drastischer fällt die Bilanz seit Anfang 2025 aus: 6:22 gegen Spieler aus den Top 20.

Miserable Bilanz gegen Sinner/Alcaraz

Die Zahlen erzählen von einer Schwäche, die sich längst nicht mehr als Momentaufnahme abtun lässt. Selbst auf dem Weg zu seinen Siegen bei den French Open und den US Open musste der 29-Jährige nur einen einzigen Top-10-Spieler bezwingen: Ben Shelton im Final von New York.

Niederschmetternd liest sich auch die Bilanz gegen seine Vorgänger. Seit Anfang 2025 weist Zverev gegen Jannik Sinner, Carlos Alcaraz und den 39-jährigen Novak Djokovic eine 0:18-Bilanz vor. Null Siege, 18 Niederlagen.

«Verdiene es, dort zu stehen»

Kein Wunder also, muss sich Zverev in der Woche seiner Krönung Fragen gefallen lassen. Nach der Niederlage in Paris zeigte er sich davon genervt. Er habe das Gefühl, «der einzige Weltranglistenerste in der Geschichte des Tennis» zu sein, der erklären müsse, weshalb es in Ordnung sei, dass er ganz oben stehe. «Ich denke, ich verdiene es, dort zu stehen, wo ich stehe.»

Damit hat Zverev unbestritten recht. Die Weltrangliste lügt nicht. Wer über zwölf Monate die meisten Weltranglistenpunkte sammelt, ist die Nummer 1. Zverev gewann in diesem Jahr seine ersten beiden Grand-Slam-Titel und weist mit 65 Siegen die meisten auf. Dass Jannik Sinner und Carlos Alcaraz lange verletzt fehlten, schmälert die Legitimität seiner Regentschaft nicht.

Scharfe Kritik von Becker

Eine Einschätzung, die auch Boris Becker teilt. In einem Interview mit dem «Spiegel» sagte der 58-Jährige: «Du kannst nur die schlagen, die auf dem Platz stehen.»  Um einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen, brauche man sieben Siege in Best-of-Five-Matches, über 14 Tage. Das sei extrem schwer, fast egal, gegen wen man spielt. «Aber es wird noch ein Stück schwerer, wenn im Finale Sinner oder Alcaraz stehen», redete Becker Klartext.

Überhaupt ist das Verhältnis der beiden kompliziert. Becker kennt Zverev seit dessen Kindheit, sass später als Verantwortlicher des Deutschen Tennis-Bundes regelmässig in seiner Box und unterstützte ihn. Freunde nennt Becker sie nicht. Ihre Beziehung sei vielmehr «Tough Love»: Man müsse jungen Leuten auch Dinge sagen, «die sie nicht gern hören».

Und Becker hat, das ist nicht neu, viel zu sagen: Im Spiegel sinniert er darüber, weshalb Zverev trotz seiner Erfolge nie jene Zuneigung erfahren hat, die ihm einst entgegenschlug. Zverev wirke in deutschen Interviews oft «schroff und abgehackt», sei gegenüber Journalisten «nicht gerade freundlich» und äussere sich politisch nicht zum Krieg in der Ukraine.

Auch das heikelste Thema in Zverevs Vergangenheit kam zur Sprache: die Vorwürfe häuslicher Gewalt zweier Ex-Partnerinnen. Becker betonte, er sei «weder ein Richter noch ein Ankläger». Er fand dann aber, Zverev hätte die Angelegenheit im Nachhinein kommunikativ «besser erklären können».

Immerhin attestierte er Zverev Charme: Er sei witzig und «in Ordnung». Doch Becker verband das Lob mit einer Botschaft: «Er muss vielleicht ein bisschen mehr zulassen.» Denn wer wie Zverev die Krone trägt, kann sich nicht vom Volk abwenden. Eine Nummer 1 brauche die Fans – mit dem neuen Status gehe schliesslich auch «eine andere Verantwortung» einher.

Zverev wehrt sich gegen Kritik

Worte, die beim frisch gekrönten Regenten gar nicht gut ankommen. «Ich glaube, dass er wie immer relativ viel Blödsinn erzählt», konterte Zverev. Becker müsse offenbar alles kommentieren, was er mache, und suche momentan nach Dingen, «um mich ein bisschen runterzumachen» Auch den Vorwurf des politischen Schweigens weist Zverev zurück. Er habe eine klare Meinung zum Krieg, nur habe ihn nie jemand danach gefragt.

So gerät ausgerechnet in Zverevs Krönungswoche einiges ins Wanken. Auf dem Platz verliert er sein erstes Match als Nummer 1. Gegen die Elite ist seine Bilanz verheerend. Und abseits des Platzes streitet er mit jenem Mann, dessen Nachfolge er nach 35 Jahren gerade angetreten hat.

Boris Becker ist kein Widersacher seines Nachfolgers. Eher der unbequeme Hofnarr, der ausspricht, was am Hof niemand hören will. Alexander Zverev ist die neue Nummer 1 im Männertennis, der neue Kaiser. Nur: Sobald die Besten vor ihm stehen, steht der Kaiser meistens ziemlich nackt da.

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