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Wirklich nachhaltig handeln oder Greenwashing?

SOB, Schweizerische Südostbahn, Verwaltungsrat, Shooting in der KV Business School, Zürich, Thomas Küchler, 18.10.22, Foto: Manuela Matt
Bild: Manuela Matt

Die Frage stellte sich uns bei der Umsetzung der neuen Environmental, Social & Governance (ESG)-Berichterstattung. Als grosses Unternehmen sind wir neu gesetzlich verpflichtet, nebst den finanziellen Zahlen auch Rechenschaft über Umwelt, Soziales und Unternehmensführung abzulegen.

Rund um das ganze Thema gibt es mittlerweile viele Standards und Beratungsangebote. Aus diesem Dschungel das für die Unternehmung richtige Umsetzungsvorgehen auszuwählen, ist nicht ganz so einfach. Auf alle Fälle war schnell klar, dass wir für die Erfüllung dieser neuen gesetzlichen Aufgabe zusätzliche personelle Ressourcen benötigen.

Gemäss den einschlägigen Standards müssten die Unternehmen via eine Vielzahl von Kenngrössen den Nachweis über ihr nachhaltiges Handeln erbringen. Der erste Vorschlag für ein Kennzahlenset der SOB hat mich so ziemlich erschreckt. Die meisten Kennwerte waren auf das Thema Energie und CO 2 -Ausstoss ausgerichtet oder fokussierten primär auf Symptome und nicht auf Ursachen. Die Anzahl der Kenngrössen war, mit Verlaub, blödsinnig detailliert und entsprechend umfangreich.

Der Begriff Nachhaltigkeit umfasst gemäss Uno gleichwertig die Themen Umwelt, Soziales und Ökonomie. Alle drei Bereiche müssen in einer vernünftigen Balance zueinander stehen. Denn nur eine ökonomisch gesunde Unternehmung kann ihren Verpflichtungen gegenüber Umwelt und Gesellschaft nachkommen.

In der öffentlichen Wahrnehmung wird der Begriff Nachhaltigkeit sehr einseitig nur mit dem Umweltaspekt verknüpft. Das ist falsch und lenkt davon ab, dass wir uns ökologisches und soziales Handeln nur leisten können, wenn wir über die entsprechenden ökonomischen Voraussetzungen verfügen.

Die elektrisch betriebene Bahn ist im Grundsatz eigentlich nicht das Problem, sondern eine der Lösungen zur CO 2 -Reduktion im Sektor Verkehr. Selbstverständlich stossen auch wir mit unseren noch nicht umgerüsteten Gebäuden oder unseren vier Baudienstfahrzeugen und unseren zirka 30 Strassenfahrzeugen CO 2 aus. Aber dieser Anteil ist gemessen an unserem Gesamtenergieverbrauch eigentlich gar nicht relevant.

Wir haben uns daher gefragt, ob wir tatsächlich die grossen Musterknaben sind. Bei genauerem Hinsehen mussten wir feststellen, dass auch wir ein grosses Problem haben. Unser grosser Ressourcenverbrauch im Bereich Infrastruktur und für unsere Fahrzeuge bietet aus Sicht der Umwelt und der benötigten grauen Energie grosse Optimierungspotenziale. Uns wurde rasch klar, dass wir über konsequentes Ressourcenmanagement, im Sinne der Kreislaufwirtschaft, viel mehr zu einer Reduktion des CO 2 -Ausstosses beitragen können als durch die gängigen CO 2 -Reduktionsmassnahmen. Dummerweise konnten uns weder Wissenschaft noch Standards helfen, die entsprechenden Kenngrössen für die ESG-Berichterstattung zu definieren.

Wir standen also vor der Frage, ob wir dem allgemeinen Trend der ESG-Berichterstattung folgen sollen und über unsere Erfolge der CO 2 -Reduktion beim Energieverbrauch rapportieren. Oder ob wir uns konsequent in Richtung Kreislaufwirtschaft bewegen und dabei in Kauf nehmen, dass wir diese Erfolge noch nicht öffentlich in unseren Kennzahlen zeigen können.

Wir haben uns für Letzteres entschieden. Denn wir sind überzeugt davon, dass wir damit mittelfristig einen viel grösseren Beitrag zur CO 2 -Reduktion leisten können, als alle Massnahmen die beim direkten Energieverbrauch ansetzen. Selbstverständlich setzen wir auch dort alle sinnvollen Massnahmen konsequent um. Wir verzichten jedoch bewusst darauf, zeitliche und mengenmässige Reduktionsziele in diesem Bereich zu formulieren. Wir konzentrieren uns lieber darauf, Kennzahlen und Reduktionsziele bei unserem Ressourcenverbrauch zu entwickeln und sukzessive in unsere ESG-Berichterstattung zu integrieren.

Unsere erste gesetzeskonforme ESG-Berichterstattung für das Geschäftsjahr 2023 wird daher sehr schlank sein und nur wenige Kennzahlen und Reduktionsziele umfassen. Dies im Bewusstsein, dass das von aussen als wenig ambitioniert wahrgenommen werden könnte. Das Risiko nehmen wir in Kauf, da wir damit in unserem Verständnis Greenwashing vermeiden.

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