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Kolumne «Übrigens»

Vom Versuch, ein ganz normaler Mensch zu sein

Neulich stand ich an der Theke einer Arztpraxis und bemerkte plötzlich ein einzelnes loses Haar auf meinem Handrücken. Ein unscheinbares Haar – und doch der Beginn einer existenziellen Krise.

Was macht man mit einem Haar, wenn man gerade in der Öffentlichkeit steht? Auf den Boden fallen lassen? Klingt nach Absicht. Absicht klingt nach Unhöflichkeit. Zurück auf den eigenen Kopf legen? Biologisch korrekt, sozial aber fragwürdig.

Während die Praxisassistentin mir noch Fragen stellte, tagte in meinem Kopf bereits ein Ethikrat. Ich wollte keinesfalls als die Person in Erinnerung bleiben, die demonstrativ Haare auf Praxisböden entsorgt. Also traf ich eine Entscheidung, die sich in diesem Moment erstaunlich logisch anfühlte: Ich öffnete meinen Rucksack und legte das Haar hinein.

Doch das war keine einmalige Kuriosität. Sobald ich beginne, über etwas nachzudenken, was normalerweise automatisch passiert, ist es vorbei mit der Souveränität. Menschen neben mir merken davon vermutlich nichts, aber innerlich halte ich eine Powerpoint-Präsentation darüber, wie man sich normal verabschiedet.

Das Haar im Rucksack ist deshalb eigentlich nur ein Symbol. Für diese Momente, in denen das Gehirn beschliesst, dass selbst banalste Dinge eine strategische Entscheidung brauchen. Und für die Erkenntnis, dass «normal» oft einfach das ist, worüber man nicht nachdenkt.

Und falls Sie sich jetzt fragen, was aus dem Haar geworden ist: Irgendwann muss es unbemerkt verschwunden sein. Vermutlich lebt es jetzt ein neues Leben zwischen Kaugummipapier und Ladekabel. Ganz ehrlich – ich hoffe, es fühlt sich dort normal.

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