An einem Flecken namens Rothenthurm sorgt eine neue Unterkunft für Dorfgeschnatter. Wenige Schritte entfernt vom Dorfmarkt Volg ragt eine acht Meter hohe Festung in die Höhe. Massive Steinmauern, schmale Fenster: Der Bau erinnert eher an eine mittelalterliche Burg als an ein neues Wohnhaus. Doch der erste Blick täuscht – dieser Turm wurde erst vor Kurzem gebaut.
Bauherr oder eher Burgherr Patrik Marty steht vor seinem Eigenheim im Garten. Das Gras wächst wild und ist noch nass vom Tau. Er trägt Hausschuhe. Sein Blick fällt auf seine bereits etwas nassen Socken und wandert von dort die Steinmauer hoch. «Es war schon immer mein Traum, in einer Burg zu leben», sagt der 49-Jährige und blickt hinauf zu den Zinnen. Seit einem Jahr lebt er hier mit seinen zwei Katzen.
Holz, Glas und Stein vereint
Marty dreht sich nach links. Sein Blick geht zurück in Richtung Quartierstrasse. Von dort sieht man von seinem acht Meter hohen Turm zunächst nämlich beinahe nichts. Zur Strasse hin zeigt sich nur ein dunkles Holzhaus, zurückhaltend im Vergleich zu dem, was sich dahinter im Garten leicht versteckt.
Zwischen dem Holzhaus und dem Turm liegt die Küche. Diese ist mit einer Glasfassade verkleidet. Dunkles Holz, schwerer Stein und Glas treffen hier aufeinander. Durch die Fenster bleibt der Blick in den Garten frei. Drei Baukörper, die unterschiedlicher kaum sein könnten, treffen hier aufeinander.
«Die Architekten von Marty Architektur haben meine Vision perfekt verwirklicht und noch besser gemacht», so Patrik Marty. «Man stellt mir oft die Frage, wie ich dieses Bauprojekt bewilligt bekommen habe», sagt er und lächelt. Das sei ganz einfach gewesen.
Vom Mittelalter bis zur Moderne
Ausgerechnet bei der Bewilligung seines Mittelaltertraums macht Marty einen Sprung in die Moderne. Mit einer Virtual-Reality-Brille seiner Firma Hegias konnte die Baukommission das umgebaute Haus virtuell betreten. Dank dieser Lösung bestanden auch keine Einwände.
Marty setzt sich im Garten in Bewegung. Er geht über das nasse Gras um den Turm herum. Sechs Meter misst dieser im Durchmesser, 15 Fenster verteilen sich über drei Stockwerke.
Aber warum überhaupt eine Burg?
«Zuerst wollte ich aus dem Gadenhaus meiner Grosseltern einen Bauernhof machen», sagt er und zeigt auf das gegenüberliegende Haus an der Strasse. Diese Vorstellung musste er dann aber aufgeben, da sein Götti das Haus an jemand anderen verkauft hatte.
«Das Bienenhaus meiner Grosseltern habe ich natürlich erhalten, ebenso einige alte Holzpfähle ihres Hauses, das abgerissen wurde.» Was aus diesen Holzpfählen geworden ist, zeigt sich später.
Er läuft zum Hauseingang an der Nordseite. Gross in Metallbuchstaben ist seine Burg angeschrieben: «Aynura», was aus dem Türkischen übersetzt «Mondlicht» oder «Licht des Mondes» heisst. Der Name der Burg ist gleichzeitig aber auch der Name seiner Partnerin, die demnächst zur Burgdame wird.
Der Blick ins Innere des Hauses
Marty öffnet die Haustür. Nach der dunklen Holzfassade wird es drinnen überraschend anders: Helles Holz zieht sich durch den Eingangsbereich. Er geht voraus und biegt in die Küche ab. «Ich habe für diesen Baukörper aus Glas den industriellen Stil gewählt», sagt Patrik Marty, während er in den offenen Raum geht.
Auch hier hat die Vergangenheit ihren Platz. An einer Seite steht ein grosser Tisch aus altem Holz, gegenüber eine nostalgische Jukebox. Mittelalterlich ist die zwar nicht, neu aber eben auch nicht. Marty scheint sich nicht auf eine Epoche festlegen zu wollen – das zeigt sich auch in seinen drei Badezimmern, die alle in einem anderen Stil gehalten sind. Er geht weiter nach oben.
Alte Baukunst mit moderner Bautechnik raffiniert kombiniert.
Im oberen Stock führt eine Brücke hinüber zum Turm. «Ich hatte mal einen spontanen Gedanken, dass hier eine Zugbrücke sehr gut passen würde», sagt er mit einem Grinsen. Sein Bruder, der Architekt, dachte da eher an etwas Praktischeres. Marty läuft über die Brücke. Am anderen Ende wartet eine Holztür. Hier tauchen die Grosseltern wieder auf: Die Tür besteht aus jenen alten Holzpfählen ihres Hauses, die Marty vor dem Abriss gerettet hat.
Er öffnet sie. Hinter der Tür wird es dunkel. Schwarze Muster ziehen sich über die graue Tapete, die Fensterrahmen sind schwarz. Hinter dem Bett ragen Holzpfeiler bis zur Zimmerdecke. Er blickt zur Decke: «Das sind ebenfalls Elemente aus dem Haus meiner Grosseltern. Ich wollte einfach ein Stück von ihnen in meinem Haus erhalten», sagt Marty.
Der eigentliche Blickfang steht allerdings gegenüber dem Bett: eine freistehende Badewanne. «Das wollte ich auch schon immer haben. Historisch ist das sogar akkurat: Früher stand die Badewanne im Schlafzimmer, weil es dort am wärmsten war.» In Martys Gemach bleibt es dagegen auch im Sommer angenehm kühl. Hinter den massiven Mauern verbirgt sich eine moderne Isolierung. Von aussen Mittelalter, dahinter moderne Bautechnik.
Doch die Badewanne ist noch nicht die grösste Überraschung dieses Schlafzimmers. «Unter meinem Zimmer befindet sich noch ein geheimer Raum, der nur durch dieses Zimmer betreten werden kann», sagt er und grinst.
In dieser Burg gibt es auch einen «Geheimraum»
Er verschwindet hinter seinem Bett. Erst dort kommt eine eiserne Treppe zum Vorschein, die nach unten führt. Marty steigt hinab: «Das ist mein Lieblingsraum – der Jungsraum.» Für den Fall einer mittelalterlichen Belagerung wäre jedenfalls vorgesorgt. An der schwarzen Wand hängen zwei Hellebarden und ein Schwert. Doch statt einer Waffenkammer offenbart sich hier Martys Musikzimmer. Die Regale sind rundum voll mit CDs und Platten.
Zurück im Schlafgemach führt eine zweite Treppe nach oben. Marty betätigt einen Schalter hinter der Eingangstür. «Von hier oben ist die Aussicht noch besser», sagt er, und schon ertönt ein mechanisches Surren, und Sonnenlicht erreicht den Raum.
Doch kein Ritter in dieser Burg
Er geht die Treppe hinauf. Hinter den Zinnen erscheint Rothenthurm im Morgenlicht. Auf einer Seite hängt eine Schweizer Fahne, die sich schwach in der Brise bewegt. «Jetzt stehen hier noch Tisch und Stuhl, aber ich habe mir hier einen Jacuzzi vorgestellt», sagt er. «Dafür reicht das Geld momentan nicht, aber ich bin offen für Spenden», scherzt der Burgherr.
Von hier oben wirkt der Sandkastentraum ziemlich real. Vielleicht werden sich Historikerinnen und Historiker irgendwann fragen, weshalb mitten in Rothenthurm ein einzelner Burgturm mit Baujahr 2025 steht. Dass hier kein Ritter in seiner Rüstung, sondern ein Mann mit einem Metalband-T-Shirt den Anfang machte, werden sie wohl kaum erraten.

















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