«Wir müssen aufpassen, dass wir junge Skitalente nicht verlieren»

SCHWYZ ⋅ Der ehemalige Weltcupfahrer Vitus Lüönd ist seit vier Jahren Trainer bei Swiss-Ski. Der 35-jährige Goldauer wagt einen Ausblick auf die neue Saison und fordert, dass junge Skitalente und deren Eltern möglichst früh finanziell unterstützt werden.

01. Dezember 2019, 09:30

Mit Vitus Lüönd sprach Robert Betschart

Sie sind unmittelbar nach Ihrer aktiven Karriere als Trainer bei Swiss-Ski eingestiegen. Sind Sie skisportverrückt?

Ja, definitiv. Ich glaube, sonst würde ich diesen Job gar nicht machen. Der Skisport ist, seit ich klein bin, meine grosse Leidenschaft. Dabei hatte ich 2015, nach meiner Karriere, zuerst vor zu studieren. Doch nach der Anfrage von Swiss-Ski begann ich im nächsten Winter schon als Trainer, zuerst im Europacup und danach als Assistenztrainer im Weltcup.

Sie arbeiten jetzt also im Speed­team der Männer. Was ist Ihre Aufgabe als Assistenztrainer?

Meine Kernkompetenz ist die Videoanalyse. Ich analysiere die Streckenabschnitte unserer Fahrer ganz genau und halte sie auf Video fest. Zusammen mit den Athleten bespreche ich dann die Linienwahl. Ich betreue in dieser Hinsicht vor allem die jüngeren Fahrer, da bei ihnen auch mehr Fragen bezüglich Linienwahl auftauchen. Aber ich glaube, dass auch die arrivierten Cracks ab und zu meinen Rat schätzen. Vor allem deswegen, weil ich vor ein paar Jahren selber noch aktiv Rennen gefahren bin.

Stehen Sie auch in Kontakt mit Franz Heinzer, dem Trainer im Europacup?

Ja, sehr regelmässig. Wir arbeiten nach wie vor sehr eng zusammen. Wenn beispielsweise ein Fahrer zwischen Weltcup und Europacup hin und her pendelt, tauschen wir uns aus. Auch trainieren wir ab und zu zusammen mit dem Europacupteam.

Sie reisen dadurch ein halbes Jahr um die Welt. Bleibt genügend Zeit für Freunde und Familie hier in Ihrer Heimat?

Ganz ehrlich: im Winter sicherlich nicht. Von November bis April ist unser Job teilweise sehr anstrengend. Das sind dann manchmal schon sehr lange Tage ohne eigentliche Freizeit zwischen Reise, Training und Rennen. Aber sobald sich der Erfolg des Teams einstellt, weiss man, wieso man es macht, und es bereitet auch sehr grosse Freude. Im Sommer habe ich dann mehr Zeit für Freunde, meine Freundin und meine Familie. Diese Zeit darf und will ich mir auch immer nehmen.

Wie ist die Form der Schweizer Speedfahrer?

Meiner Meinung nach sind unsere Speedcracks in Form. Wir hatten eine gute Vorbereitung und freuen uns sehr, dass es losgeht. Natürlich haben unsere Konkurrenten ihre Hausaufgaben auch gemacht, und jetzt werden am Wochenende die Karten auf den Tisch gelegt.

Wie erleben Sie Beat Feuz?

Beat ist für mich die wichtigste Person im Team. Er nimmt der gesamten Mannschaft den Druck weg. Solange Beat Rennen gewinnt, Podestplätze einfährt und die hohen Erwartungen der Öffentlichkeit ans Skiteam erfüllen kann, kann sich die zweite Garde wie beispielsweise Niels Hintermann oder Urs Kryenbühl im Hintergrund in Ruhe weiterentwickeln. Er ist ein gelassener Typ, ein sehr ökonomischer Rennfahrer; aber wenn es zählt, bringt er es auf den Punkt. Er ist ein richtiger Rennhund.

Sie sprechen Urs Kryenbühl an. Der Unteriberger steht seit einiger Zeit vor dem Anschluss an die erweiterte Spitze. Der letzte Schritt scheint aber nicht zu gelingen. Wagen Sie eine Prognose?

Ich denke, in der letzten Saison hatte er mit dem Sturz in Beaver Creek etwas Pech. Er war drauf und dran, den Sprung nach vorne zu schaffen. Ihm traue ich diese Saison den Schritt unter die besten 30 absolut zu. Vielleicht sogar noch etwas mehr. Aber klar, dafür braucht es am richtigen Tag auch etwas Rennglück. Mit seiner Technik und seiner angriffigen Fahrweise bringt er alles mit.

Bei den Frauen sind ja einige Schwyzerinnen mit dabei. Pflegen Sie den Kontakt auch mit dem Frauenteam?

Ja, auf jeden Fall. Gerade auf den Gletschern in Saas-Fee oder Zermatt habe ich mich in der Saisonvorbereitung beispielsweise mit Corinne Suter oder Wendy Holdener ausgetauscht. Ich glaube, es ist für unsere Region extrem wertvoll, was Corinne und Wendy leisten. Man vergisst manchmal, was diese Topleistungen bedeuten. Sie sind alles andere als selbstverständlich.

Corinne Suter ist seit der grandiosen letzten Saison in aller Munde. Wird sie die starken Leistungen der WM bestätigen können, oder wird der Druck jetzt zu gross?

Ich denke, die Leistungen von Corinne an der WM und am Ende der Saison geben ihr viel Selbstvertrauen. Sie weiss jetzt, dass sie mit den Allerbesten mithalten kann. Ich glaube nicht, dass deswegen der Druck zu gross wird. Den grössten Druck macht sie sich wohl selbst, und sie will wieder an diese Erfolge anknüpfen. Sie hat auf jeden Fall die Klasse dazu, die Resultate zu bestätigen.

Juliana Suter vom Stoos konnte sich dank der starken Saison im Europacup einen Fixplatz in Weltcupabfahrten sichern. Was trauen Sie ihr auf die neue Saison hin zu?

Ich kenne Juliana Suter, aber wir trainieren nicht so oft am gleichen Ort. Deshalb habe ich mit ihr auch noch nicht sehr oft gesprochen. Aber sie klopft ja jetzt im Weltcup an. Ich traue ihr durchaus zu, da Fuss zu fassen.

Wendy Holdener hat fast alles gewonnen. Es fehlt ihr jedoch noch ein Sieg in einem Spezialslalom. Ist das eine Belastung?

Nein, das denke ich nicht. Ich glaube, dass sie der fehlende Sieg zusätzlich motiviert. Sie arbeitet akribisch an sich selbst, ist sehr ehrgeizig und eine echte Arbeiterin. Ich bin überzeugt und hoffe auch, dass sie es packt und den Sieg bald einfahren wird.

Wie schwierig ist es, den Durchbruch im Skisport zu schaffen, damit man vom Sport leben kann?

Das ist eine gute Frage. In erster Linie braucht es Herzblut und Ehrgeiz. Danach braucht es neben Talent und Trainingsfleiss auch ein starkes Umfeld. Denn der Skisport ist finanziell gesehen keine billige Sportart. Man braucht die Unterstützung der Eltern und auch schon möglichst früh persönliche Sponsoren, die einem den Traum vom Profiskifahren ermöglichen.

Sie sprechen es an. Der Skisport ist für die Beteiligten sehr teuer. Könnte da nicht noch ein Modell entstehen, um die Talente besser zu unterstützen?

Ich denke, die Schweizer Sporthilfe hat da schon gute Ansätze. Wichtig ist in meinen Augen allerdings, dass die Förderung schon früh beginnen muss. Fahrerinnen und Fahrer, die bei Swiss-Ski dabei sind, sind bereits Teil des Konstrukts. Die Unterstützung müsste im Nachwuchs in der Breite erfolgen. Das würde die Eltern entlasten und auch jungen Talenten die Möglichkeit geben, sich optimal weiterzuentwickeln, auch wenn sie finanziell nicht so gut aufgestellt sind wie andere. Ich bin der Meinung, dass wir genau dort sehr viele gute Nachwuchstalente verlieren.

Was macht Swiss-Ski?

Mit den nationalen Leistungszentren geht in meinen Augen Swiss-Ski den richtigen Weg. Dort werden Jugendliche gezielt gefördert. Es braucht allerdings noch etwas Zeit, bis dies richtig greift und die jungen Fahrerinnen und Fahrer von dort den Sprung in den Europacup oder später in den Weltcup machen werden.

Braucht es genau da auch eine Portion Glück, dass Swiss-Ski auf ein junges Talent setzt?

Ja, vielleicht. Nehmen wir zum Beispiel Carlo Janka. Er war mit 16 oder 17 vielleicht die Nummer 10 der Schweiz und bekam in dieser Zeit kaum Unterstützung. Was aus ihm geworden ist, wissen wir alle. Er wurde Weltmeister, Olympiasieger und Gesamtweltcupsieger. Da müssen wir in Zukunft aufpassen, dass wir solche Talente nicht verlieren. Ich glaube aber, dass bei Swiss-Ski da ein Umdenken stattgefunden hat.

Inwiefern?

Swiss-Ski will Talente, die mit 20 vielleicht noch nicht ihre Topleistung abrufen können, nicht fallen lassen wie heisse Kartoffeln. Wir halten beispielsweise im Frühling lange und diskussionsreiche Sitzungen ab, wenn es um die Kadereinteilung geht. Aber es ist so: Irgendwo muss die Linie gezogen werden.

Was denken Sie? Sind wir in dieser Saison besser als die Österreicher?

Natürlich sind wir besser als die Österreicher (lacht). Es wird Zeit, dass wir den Nationenweltcup endlich wieder in die Schweiz holen. Wir geben alles, um die nötigen Punkte und Siege einzufahren.


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