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Schwyz

Fast die Hälfte der Eltern spricht nie oder nur selten über die Online-Erfahrungen ihrer Kinder

Fast jedes dritte Kind sieht Hassreden im Netz. Das ist das Ergebnis einer Studie, welche die Pädagogische Hochschule Schwyz vorlegt.
Kinder und Jugendliche nutzen das Internet täglich – und treffen dabei häufig auf Hassreden, Gewalt oder andere gefährliche Inhalte.
Bild: Keystone

«Nach wie vor spricht fast die Hälfte – 46 Prozent – der Eltern nie oder fast nie mit den Kindern über deren Aktivitäten im Internet.» Zu diesem Schluss kommt eine Studie, welche Martin Hermida und Marco Hartmann im Namen der Pädagogischen Hochschule Schwyz (PHSZ) publiziert haben.

Die EU-Kids-Online-Studie stellt Daten über die Interneterfahrungen von 9- bis 16-jährigen Kindern und Jugendlichen in Europa zusammen. Die PHSZ erarbeitete den Schweizer Teil und fasste im Frühjahr 2015 in drei Sprachregionen die Antworten von 1390 Kindern aus 80 Schulklassen zusammen.

Internet birgt Chancen und Risiken

Die Ergebnisse lassen aufhorchen: Rund 95 Prozent der Jugendlichen in der Schweiz haben einen Zugang zum Internet und besitzen ein eigenes Smartphone. Dadurch sind viele Kinder und Jugendliche auf den sozialen Medien unterwegs. Die Gefahr, dabei Hassreden, Fake News und Cybermobbing ausgesetzt zu sein, wird zunehmend grösser.

So ist rund ein Drittel der befragten Jugendlichen und Kinder Online-Hassreden (31 Prozent) begegnet. Sogar 24 Prozent geben an, sexuelle Darstellungen auf ihren Plattformen zu sehen, und 21 Prozent veröffentlichten persönliche Informationen. Besonders betroffen seien die Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 16 Jahren.

Die mit Abstand häufigste Form von verletzendem Verhalten online sind dabei gemeine oder verletzende Nachrichten. 45 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind davon betroffen, bei nicht weniger als 6 Prozent tritt das wöchentlich oder sogar noch häufiger auf. Ausserdem geben 29 Prozent der Betroffenen an, von Gruppen oder Aktivitäten ausgeschlossen worden zu sein. Fast jeder oder jede Fünfte berichtet, dass sie oder er auch schon verletzende Nachrichten, Bilder oder Videos herumgeschickt oder gepostet habe.

Am häufigsten dient den Jugendlichen das Internet aber zum Musikhören (80 Prozent), für die Nutzung von sozialen Medien (73 Prozent), Videostreaming (63 Prozent) oder für Online-Games, die bei den Knaben (73 Prozent) viel beliebter sind als bei Mädchen (48 Prozent).

Prävention statt einfach nur Verbote

«Risiken lassen sich aufgrund der offenen Struktur des Internets kaum vermeiden», sagt der Studienleiter Martin Hermida. «Dass Risiken existieren, bedeutet jedoch nicht zwingend, dass alle Kinder und Jugendlichen negative Erfahrungen machen müssen», heisst es in der Studie der PH Schwyz.

Statt auf Verbote soll auf Prävention gesetzt werden, sagt Co-Autor Martin Hermida: «Einerseits müssen Jugendliche wissen, wie sie solche Inhalte bei den Plattformen melden und Nutzer blockieren können. Andererseits stellt sich die Frage, ob algorithmisch selektierte Inhalte auf Profilen von Jugendlichen eingeschränkt werden können.» Deshalb geht Hermida davon aus, dass «grundlegende Verbote im Moment nicht der richtige Weg» seien.

«Grundlegende Verbote sind im Moment nicht der richtige Weg.»Martin HermidaPädagogische Hochschule Schwyz

Interview mit dem Co-Studienautor: Weshalb braucht es keine Verbote?

Die Studie zeigt: Hassreden oder sexuelle Darstellungen sind im Internet auch für Kinder und Jugendliche omnipräsent. Weshalb sind Sie gegen Verbote?

Martin Hermida: Grundlegende Verbote sind im Moment nicht der richtige Weg. Einerseits weichen Jugendliche dann einfach auf andere Plattformen aus, auf denen die Inhalte möglicherweise noch schlechter reguliert sind. Andererseits erfüllen soziale Medien für Jugendliche auch wichtige Funktionen. Sie ermöglichen den Austausch mit Freunden und liefern spannende Informationen zu ihren Hobbys und Interessen.

Wie könnten aber Regulierungen aussehen?

Wir sollten uns überlegen, ob algorithmisch selektierte Inhalte in Kombination mit Endless-Scrolling für jüngere Nutzer wirklich angebracht sind.

Das heisst?

Vielleicht reichen für sie ja die Inhalte aus den Accounts, denen sie folgen. Und wenn sie sich für ein neues Thema interessieren, können sie die Suchfunktion nutzen, um ein neues zu entdecken.

Was wäre das Resultat?

Damit wären die Inhalte, die sie zu sehen bekommen, stärker von den Interessen der Jugendlichen selbst und weniger von den Interessen der Plattformen gesteuert. Viele Dienste entfernen sogenannte Abbruch-Signale. Hinweise darüber, wie diese Mechanismen funktionieren und Bestrebungen, dass solche Abbruch-Signale in Accounts von Jugendlichen präsent sein müssen, scheinen mir passende Ansätze.

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