Keine angenehme Vorstellung: Das Kind ist krank, und die Eltern wollen einen Arzt oder eine Ärztin sehen. Jedoch ist kein Kinderarzt erreichbar. Und wenn doch, wird man freundlich, aber bestimmt abgewiesen. Solche Situationen dürften mittlerweile häufiger vorkommen, wie ein Fall im äusseren Kantonsteil zeigt.
Eine Mutter kann nicht zu ihrer angestammten Kinderärztin gehen, weil diese in den Ferien ist. Es folgt ein langes Herumtelefonieren. Die einzigen zwei Kinderarztpraxen, die im äusseren Kantonsteil erreichbar sind, weisen die Mutter ab mit der Begründung, dass sie bereits vier andere Kinderärzte vertreten würden. Der diensthabende Notfallarzt im Kanton Schwyz sagt, er nehme keine Kleinkinder. Der diensthabende Notfallarzt in Glarus darf sie nicht nehmen, weil ausserkantonal. «Müssen wir denn wirklich nach Zürich fahren?», fragt die Mutter verzweifelt. Am Ende steht die Fahrt in die Kinderarztpraxis des Kantonsspitals Glarus.
Die Lage spitzt sich zu
Stichprobenartige Besuche auf den Internetauftritten der Kinderarztpraxen ergeben ein wiederkehrendes Ergebnis: Die Praxen können häufig keine neuen Patienten mehr aufnehmen. Die Kinderarztpraxis Obersee in Lachen etwa bittet um «Verständnis, dass wir zurzeit ausschliesslich erstgeborene Kinder aus der March aufnehmen können». Auch die Kinderarztpraxis Freienbach weist darauf hin, dass sie derzeit nur Neugeborene und Neuzuzügler, die noch keinen Kinderarzt hätten, aufnehmen könne.

«Es ist Zeit, sich über neue Modelle Gedanken zu machen.» Hebamme und Kantonsrätin
«Es werden zu wenige Kinderärzte ausgebildet», nennt Andrea Burtschi einen Schwachpunkt der gegenwärtigen Situation. Die Hebamme und Mitte-Kantonsrätin für Schübelbach sieht weitere Fehler im System: «Der Taxpunktwert für Pädiater ist zu tief.» Die Leistungen von Kinderärzten werden also nicht angemessen vergütet. Nun wird Anfang 2026 das alte Tarifsystem Tarmed mitsamt Taxpunkten durch ein neues, Tardoc, abgelöst. Ob dies Abhilfe schafft? So oder so dürften die Prämien nicht günstiger werden. Weiter moniert Burtschi, dass viel Zeit der Kinderärzte durch Bagatellfälle verloren gehe.
Hinzu kommt, dass in Lachen zwei Kinderärztinnen aufhören und keine Nachfolge haben. Die Situation spitzt sich zu. «Es ist Zeit, sich über neue Modelle Gedanken zu machen», schreibt Burtschi in einem Beitrag auf der Social-Media-Plattform Linkedin.
Pflegeexperten als Bindeglied
Ein Modell könnte sein, Pflegeexpertinnen und -experten sozusagen dazwischenzuschalten. «Advanced Nursing Practice» heisst auf Fachchinesisch die Tätigkeit von sehr gut ausgebildeten Pflegefachleuten, die «eigenständig pflegerische Diagnosen stellen und Versorgungs- und Betreuungsleistungen durchführen können», wie es im Studiengangbeschrieb der Ostschweizer Fachhochschule (OST) heisst. Diese Pflegefachleute könnten laut Burtschi «viele Konsultationen in einer Kinderarztpraxis selbstständig behandeln und eine Triagefunktion übernehmen». Sie könnten also einfachere Fälle übernehmen und eine Vorauswahl treffen, ob es wirklich einen Mediziner braucht. Dies könnte zudem eine kostengünstige Massnahme sein, welche die Prämien nicht zusätzlich belasten würde. Ob dies so wäre, bliebe ebenfalls abzuwarten. Unbestritten aber ist, dass die gegenwärtige Situation nach neuen Lösungen schreit.
Gemeinden müssten zusammenarbeiten
Die ärztliche Grundversorgung sei Sache der Gemeinden, doch diese seien häufig «überfordert» mit der Thematik, meint Burtschi. Die Gemeinden müssten in Verbünden zusammenarbeiten, um der Situation Herr zu werden. Die Parallele zur Altersversorgung ist offensichtlich. Auch die Anlaufstelle Gesundheitsregion March, ein Projekt, das die Akteure in der Altersversorgung vernetzen will, wird derzeit nur durch freiwillige Mittel des Bezirks und durch viel persönliches Engagement am Leben erhalten. Doch wäre ein solcher Ansatz in der kinderärztlichen Versorgung denkbar?
Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, sich über neue Modelle Gedanken zu machen. Da passt es gut, dass die Jubiläumstagung des Berufsverbands der Kinderärzte Schweiz in wenigen Wochen in Pfäffikon stattfindet. «Wir bleiben dran», lautet ihr Motto. «Damit Ihr Kind auch morgen noch eine Kinderärztin hat.» Schön wärs. Der Mangel in der kinderärztlichen Versorgung ist seit Längerem bekannt, doch es passiert zu wenig. Ist es an der Zeit, das Versorgungsmodell grundsätzlich zu überdenken?

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