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Auslandreporter

China-Korrespondent Pascal Nufer: «Es ist eine ständige Quadratur des Kreises»

Pascal Nufer war jahrelang als SRF-Korrespondent in China unterwegs. Wir sprachen mit ihm über die Arbeitsbedingungen für Medienschaffende im «Reich der Mitte» und dessen Einflussnahme in der Schweiz.
Am Freitag ist der Winterthurer Pascal Nufer ab 19.30 Uhr in der Mediothek Freienbach zu Gast.
Bild: Archiv

Sie waren bis 2019 als SRF-Korrespondent in China. 2020 erschien Ihr Buch «Faszination China – Mythen, Macht und Menschen». Am Freitag werden Sie damit in der Mediothek in Freienbach zu Gast sein. Was erwartet das Publikum?

Ich werde eine Mischung bieten. Ich lese einige Passagen aus dem Buch, zwischendurch referiere ich und ordne die einzelnen Passagen ein. Und ergänze sie mit Filmausschnitten.

Das Buch ist schon etwas älter. Ist es noch aktuell?

Die Themen darin sind universell. Ich begegne der Kultur und den Menschen in diesem riesigen und vielschichtigen Land aus verschiedenen Blickwinkeln und biete dazu Hintergrundinformationen.

Warum China? Wie kam es dazu?

Ganz ehrlich? Es war Zufall. Asien hat mich immer fasziniert. Das war der Grund, warum ich 2004, kurz vor meinem Dreissigsten, mit meiner Freundin das Abenteuer gesucht habe. Sie erhielt eine Stelle in Thailands Hauptstadt Bangkok als Lehrerin an einer Schweizer Schule. Ich ging mit – vorher mussten wir aber noch heiraten, sonst hätte ich kein Visum bekommen (lacht) . Ich begann als freier Journalist zu arbeiten, hatte schon Erfahrungen bei Zeitungen sowie beim Radio und Fernsehen gesammelt. Und zu meinem zweifelhaften Glück kam im Dezember 2004 der verheerende Tsunami über Sumatra. So konnte ich mir innerhalb von kurzer Zeit international als Korrespondent einen Namen machen und Kontakte in der Schweiz reaktivieren.

Aber China stand nicht auf dem Plan?

Es war klar, dass ich von Bangkok aus auch die ganze Region abdecken möchte. Mein Fokus lag aber auf Südostasien, nicht auf China.

Und warum hat sich das geändert?

China war wie ein Elefant im Raum, der immer grösser wurde. Es war ständig präsent – so auch beispielsweise in Laos und Kambodscha, von wo aus ich auch berichtet habe. Das Land hat mich auf eine positive und negative Art fasziniert. 2011 haben wir dann die Segel in Bangkok gestrichen, wollten zurück in die Schweiz. Und dann wurde bei SRF die Korrespondenten-Stelle von Barbara Lüthi in Peking frei. Da musste ich nicht zweimal nachdenken. Das war meine Chance. So kam ich gleich zum Amtsantritt von Xi Jin Ping nach China.

«Wir ausländischen Journalistinnen und Journalisten werden im schlimmsten Fall rausgeworfen, aber nicht weggesperrt wie lokale Kolleginnen und Kollegen.»

Hatten Sie sich die Situation in China anders vorgestellt?

Ich, wir alle, hatten uns geirrt. Wir glaubten, der Öffnungskurs gehe weiter wie zuvor. Wir sind sehr schnell eines Besseren respektive eines Schlechteren belehrt worden.

Ist es für Medienschaffende in China so schlimm, wie alle sagen?

Für einheimische Journalisten sicher, denn China kennt keine Medienfreiheit. Wir ausländischen Journalistinnen und Journalisten werden im schlimmsten Fall rausgeworfen, aber nicht weggesperrt, wie lokale Kolleginnen und Kollegen. Für mich war es mit der Zeit eher schwierig, den journalistischen Abstand zu wahren. Ich begann, Dinge persönlich zu nehmen und wütend zu werden. Das ist gefährlich, man verkommt vom Beobachter zum Aktivisten. Darum ist es sinnvoll, dass es für SRF-Korrespondenten eine Zeit-Guillotine gibt und man spätestens nach sechs Jahren den Posten räumen sollte.

Wurden Sie überwacht?

Ja, es war offensichtlich. Teilweise geschah es versteckt, aber sie wollten uns auch klar zu verstehen geben, dass wir überwacht wurden. Man entwickelt auch eine gewisse Paranoia deswegen. Das ist ärgerlich. Aber mit der Überwachung kann man absurderweise lernen zu leben.

Also halb so wild?

Schlimmer ist, dass man durch seine Arbeit Leute in Gefahr bringt. Wenn Leute, die sich mir gegenüber geöffnet haben, mit Restriktionen rechnen müssen. Das zermürbt. Im schlimmsten Fall verschwinden sie danach einfach. Oder Personen aus dem nächsten Umfeld werden drangsaliert. Wir hatten alle chinesische Mitarbeitende in unserem Gemeinschaftsbüro. Das war Pflicht. Wenn die drangsaliert wurden, war das höchst unangenehm.

Eine journalistische Gratwanderung?

Man muss lernen, wie weit man gehen kann. Dies ist eine Frage, die jede Journalistin und jeder Journalist mit sich selber ausmachen muss. Für mich ist das höchste Credo: Keine Geschichte ist es wert, dass deswegen Menschen verschwinden und vielleicht nie mehr auftauchen. Rückwirkend würde ich vielleicht die Grenze höher ansetzen als am Anfang. Man lernt immer dazu.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich hatte einen Aktivisten gefunden, der 1989 als Student beim Tian’anmen-Massaker dabei war. Er verbrachte rund 20 Jahre im Gefängnis und später unter Hausarrest. Kurz vor dem 25-Jahr-Jubiläum konnte ich ihn halblegal besuchen. Ein Kollege vom Radio machte mit ihm ein Interview, und ich fragte ihn, ob er bereit wäre, seine Aussagen vor der TV-Kamera zu wiederholen. Er sagte zu und bat uns, ihn am 1. Mai zu besuchen, da am Tag der Arbeit absurderweise auch die Stasi-Leute freihatten. Einzige Bedingung war, dass wir das Interview auch an einen TV-Sender in Hongkong geben sollten. Ich liess mich auf den Deal ein. Wir sendeten dann den Beitrag in der «Tagesschau» – das wäre nicht das Problem gewesen. Viel schlimmer war wohl Hongkong. Der Aktivist verschwand danach einfach. Aber er wollte das unbedingt. «Wenn ich verschwinde, soll die ganze Welt das gesehen haben», das war wohl seine Intention. Heute würde ich das nicht mehr machen. Rückblickend ging ich einen Schritt zu weit. Es waren dieselben Aussagen wie am Radio – klar, im TV ist die Wirkung grösser. Es stand aber meiner Ansicht nach in keinem Verhältnis zu den Folgen.

«Das Schwierigste an China ist, die ständige Ambiguität auszuhalten.»

Dieses ständige Abwägen, die «Schere im Kopf», bekommt man die je wieder weg?

Ja, man bekommt sie wieder weg, ist aber sensibilisierter. Man lernt, dass es vernünftig ist, mit Gesprächspartnern wie Aktivisten offen über das Thema zu sprechen und sich zu vergewissern, dass sie sich der möglichen Konsequenzen bewusst sind.

Zurück zu China. Gib es auch Positives?

Es gibt extrem viel Positives, das geht leider in der News-Berichterstattung oft unter. Die Partei und der Machtapparat stehen immer im Zentrum. Aber mein Buch heisst nicht umsonst «Faszination China». Aber Faszination kann auch etwas Ambivalentes haben. Ich habe viele Leute getroffen, die sich in einem extrem komplexen und immer repressiveren System bewegen. Und dabei sehr kreativ sind, Künstler oder Künstlerin zu sein, Punkmusik zu machen, eine Me-too-Bewegung ins Leben zu rufen. Ich habe viele starke Menschen kennengelernt. Wenn man sagt, China könne nur kopieren, stimmt das nicht. Sie sind viel kreativer im Umgang mit festen Strukturen als wir. Und Scheitern ist dort fast eine Tugend. Scheitert man, probiert man morgen etwas Neues. Man ist sich das gewöhnt. Und bei einer Bevölkerung von 1,4 Milliarden ist es nicht so einfach, als Individuum herauszustechen.

Sie scheinen versöhnt?

Ja, ich wollte nicht mit einer Wut im Bauch abreisen. Wir lebten fünfeinhalb Jahre dort, waren Gäste, wurden sehr herzlich aufgenommen. Die Kinder gingen in den Kindergarten und zur Schule. Wir haben sehr viele positive Erinnerungen an China. Vor meiner Abreise durfte ich noch vier Dokumentationen für 3sat drehen – darin ging es mir um die chinesische Seele, darum, den Menschen eine Stimme zu geben, nicht dem Staatsapparat. Das Schwierigste an China ist nicht China auszuhalten, sondern diese ständige Ambiguität, das Zweischneidige. Es ist eine ständige Quadratur des Kreises. Man lebt in einem kommunistischen Land in der am stärksten kapitalistischen Stadt der Welt – in Shanghai. Vieles ist auf dem Papier so und in der Realität anders. Das Internet ist zensiert – doch alle gehen mit VPN rein. Wir in der Schweiz mit unseren klaren Vorstellungen von richtig und falsch stossen da schnell an unsere Grenzen.

Was machen Sie jetzt – nach SRF?

Ich bin in einem Teilzeitpensum als Dozent an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften angestellt. Daneben arbeite ich auf Mandatsbasis bei der SRG. Mein Auftrag: Nachrichten- und Medienkompetenz an Schulen zu fördern – von Grundschulen über Gymnasien bis zu Hochschulen. Dabei geht es viel um Fake News und propagandistische Übernahmen – was ich ja aus meinen Berichterstattungsgebieten persönlich kennenlernen musste. Aktuell arbeiten wir an einer Ausstellung im Verkehrshaus Luzern. Dort geht es um Fake News und wie man sich dagegen wappnet. Ich bin zudem noch als freischaffender Journalist tätig.

Wie stark ist die Schweiz von chinesischer Einflussnahme betroffen?

Der Einfluss ist stärker, als man vielleicht denkt. China hat einen langen Arm und viel Geld. Es läuft hierzulande ganz viel vom chinesischen Machtapparat gesteuerte Propaganda – die macht auch nicht vor unserem Parlament oder unseren Universitäten halt. Dass geflüchtete Angehörige von Minderheiten wie Uiguren oder Tibeter auch hier drangsaliert werden, ist bekannt. Sie haben aber immerhin eine Lobby, die sich für sie einsetzt.

Was weniger bekannt ist: Es trifft auch Han-Chinesen, die beispielsweise hier studieren. Von einigen wurde ich kontaktiert – und habe sie dann an Menschenrechtsorganisationen verwiesen. Von offizieller Schweizer Seite passiert in solchen Fällen in der Regel nichts. Im Gegenteil: Das geht so weit, dass chinesische Dissidenten, die auffällig geworden sind, abgeschoben werden. Oder der Sonderstatus für Tibeter aufgehoben wird. Auch über Spionagefälle sieht man in der Regel hinweg. Die Schweiz ist nicht bekannt dafür, in solchen Fällen besonderes Rückgrat zu zeigen.

Wie sollen wir damit umgehen?

Wir müssen China besser verstehen. Die Frage ist nicht, ob sich der Einfluss verstärkt, sondern wie wir damit umgehen. Im Moment sind die Ukraine, Russland und die USA in den Vordergrund gerückt. China operiert derzeit im Schatten der Weltöffentlichkeit und nutzt dies krass aus. Dies ist uns zu wenig bewusst. Und wir vergessen: Es heisst nicht umsonst das «Reich der Mitte». China war nie wirklich weg. Und präsentiert sich nun als Gegenentwurf zur demokratischen Weltordnung. Und dieses Selbstverständnis verkauft sich in einem wachsenden Teil der Welt recht gut. Das sollte uns Sorgen machen. Die Antwort darauf ist aber nicht Restriktion, sondern die Rückbesinnung auf unsere wirklichen Werte – die Stärkung der Demokratie, nicht deren Schwächung.

Zur Person

Geburtsjahr: 1975 

Wohnort:  Winterthur 

Zivilstand:  verheiratet, zwei Kinder 

Hobby:  Ich engagiere mich in einem Quartier-Bioladen. 

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