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«Alt oder Neu? Das ist hier die Frage»

Bild: Reto Tuchschmid

Nein, die Rede ist nicht von Analog oder Digital, Diesel oder Elektro, Babyboomer oder Generation Z. Ich spreche auf wundersame Weise von Städten und ihren Strukturen.

Aufgrund meiner Arbeit, aktuell befassen wir uns mit der Stadtentwicklung von Locarno, stellt sich mir immer wieder die Frage, welcher Teil der Stadt mir mehr gefällt: die Altstadt oder die Stadterweiterung des 19. Jahrhunderts, wobei in meinen professionellen Kreisen das Wort «Gefallen» schlichtweg ein Terminus der Inkompetenz ist, denn «Gefallen» hat mit Geschmack zu tun, ist subjektiv und somit irrelevant. Nun denn, anders ausgedrückt: Was überzeugt räumlich mehr, hat sich bewährt? Erlauben Sie mir einen kurzen Blick in die Vergangenheit. Vor Hunderten oder mehr Jahren wurde aufgrund geografischer, politischer oder wirtschaftlicher Begebenheiten wie eine Festung, ein Hafen oder ein fruchtbares Tal der Grundstein für die meisten Städte gelegt. Florierten die Orte, kam es zu beachtlichen Zuwanderungen und wurden baulich erweitert, meist sehr organisch, intuitiv. Stadtplanungen im heutigen Sinne gab es nicht, vielmehr schützte man sich vor Natur und Feldzügen, die Zwischenräume waren schmale Gassen und dienten der Ver- und Entsorgung, natürlich alles oberirdisch, sicht- und riechbar. Je nach Dringlichkeit und technischem Wissensstand wurde sechs- bis achtgeschossig gebaut, bei einem Gebäudeabstand von sechs Metern. Im Erdgeschoss wurde gehämmert, gegossen und bewirtet, in den Obergeschossen gewohnt und geruht. Ansonsten wurde geackert und gebetet. So weit, so gut.

Doch spätestens mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert kam es zu einem explosiven Bevölkerungswachstum in den «Alt»-Städten. Dieser Umstand stellte die Politik vor grosse Herausforderungen. Wollte man Ghettoisierung, Seuchen oder Brandherde vermeiden, war planlos weiterbauen keine Option. Ein Regelwerk musste her. In vielen Teilen der Welt erkannte man fast zeitgleich, dass das Prinzip eines orthogonalen Strassennetzes, übrigens erstmals angewendet im antiken Rom, am geeignetsten ist. Es ermöglicht eine absolut effiziente Nutzung des verfügbaren Raums, steuert Wachstum, integriert künftige Infrastrukturen und regelt das Verkehrsregime, wenn auch nur für echte Pferdestärken. Aber vor allem, und das ist meines Erachtens der wichtigste Punkt, baut diese moderne Art der Stadtplanung auf einer räumlichen Vision auf und stellt mit unterschiedlichen Breiten und Ausdehnungen den öffentlichen Raum wie Strassen, Parks, Plätze und Naturräume sicher. Kurz: Schafft Identität und Lebensqualität.

Durch diese geplante Stadterweiterung konnten die Altstädte in vielerlei Hinsicht entlastet und in ihrer verwinkelten Form bewahrt werden. Die Zwischenräume sind nach wie vor meist nur für Fussgänger und Velo passierbar, Gott sei es gedankt, die Bausubstanz denkmalgeschützt und die Geschäfte entweder verstaubt oder glänzend, aber mit Sicherheit nicht alltagstauglich. Im schlimmsten oder besten Fall sind Altstädte derart geschichtlich aufgeladen, mit malerischer Architektur ausstaffiert, kulturell und gastronomisch genial kuratiert, dass die Touristen überhandnehmen, die Gentrifizierung durchmarschiert, die Bodenpreise ins Jenseits und die Einheimischen aufs Land katapultiert werden. So schauts aus.

Vor diesem und mit meinem Hintergrund, ich bitte um Nachsicht, ziehe ich die neue Stadtstruktur der alten vor. Sie ist aufrichtiger, unromantischer (ich stehe dazu), pragmatischer und weitsichtiger, aber vor allem robuster. Sie ist «Werktag», die Altstadt ist «Sonntag». Sonntag ist mein Lieblingstag.

Was jedoch die Stadtentwicklung des 20. Jahrhunderts betrifft, liebe Leserschaft, dazu äussere ich mich vielleicht in einem nächsten Artikel. Nur so viel: Politik und Wirtschaft haben sich der Erfindung des Automobils hingegeben und ihr alles untergeordnet. Wir wachsen, aber weder organisch noch geplant, sondern hilf- und orientierungslos, ineffizient und ohne jegliche Vision.

«Alt oder Neu? Das ist hier die Frage!»

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