
Der Tag beginnt in Basel - wie oft bei der Deutschen Bahn (DB) - mit einer Negativmeldung. Die Abfahrt des ICE 200 nach Hamburg, fahrplanmässig um 9.16 Uhr, verspäte sich um 20 Minuten, steht an der Anzeigetafel. Im Zug klärt die Zugführerin mit einer Durchsage auf: Der Lokführer sei wegen Problemen auf dem deutschen Netz noch nicht in Basel. Sobald er eintreffe und sich eingerichtet habe, gehe es los.
Gegen 9.30 Uhr verkündet die Zugführerin, der Lokführer sei eingetroffen. Doch es tut sich minutenlang nichts. Wieder meldet sich die Zugführerin: «Bitte entschuldigen Sie die Verzögerung. Aber es gibt gerade heftige Diskussionen zwischen der Deutschen Bahn und den SBB Basel, ob der Zug überhaupt noch ausfahren darf.» Sie fügt hinzu: «Bitte bleiben Sie sitzen. Der Fall ist nicht abschliessend geklärt.»
Fünf Minuten später - es ist 9.52 Uhr - tritt der befürchtete Gau ein. «Leider darf der ICE nicht ausfahren», sagt die Zugführerin. «Bitte benutzen Sie die S-Bahn nach Basel Badischer Bahnhof um 10.06 Uhr.» Die Passagiere des vollbesetzten ICE 200 packen ihre Koffer und eilen von Gleis 8 auf Gleis 2.
Dass deutsche Züge sich verspäten oder ausfallen, ist keine Meldung wert. Zu sehr hat man sich daran gewöhnt. Aufhorchen lassen in diesem Fall jedoch zwei Merkwürdigkeiten: erstens der ungewöhnliche Grund für die Probleme der DB im süddeutschen Raum – und zweitens der offene Streit zwischen DB und SBB.
Ein höchst umstrittener Blitzeinschlag
Gegenüber CH Media hält die Deutsche Bahn am Sonntag fest, ein Blitzeinschlag habe am Samstag gegen 4 Uhr morgens zu einer Oberleitungsstörung bei Herbolzheim zwischen Offenburg und Freiburg geführt. Ab 14.20 Uhr am Samstag sei die Strecke wieder frei gegeben worden.
Weiter schreibt die DB, die Störung habe im Fernverkehr zu Verspätungen und Teilausfällen auf mehreren ICE-Linien geführt. Betroffen war auch die Schweiz mit ICE-Zügen nach Basel, Brig, Interlaken Ost, Zürich, und Chur. Bei den SBB bestätigt man den Ausfall mehrere deutscher Züge. Die SBB hätten die fehlenden deutschen Zügen ersetzt.
Damit bleiben zwei offene Fragen: Kann es erstens sein, dass Gewitter und Blitze im Winter auftreten? Zweitens: Gab es in der Nacht auf Samstag tatsächlich Gewitter und Blitze in Herbolzheim?
Zur ersten Frage: Zwar sind Gewitter gemäss Universität Innsbruck im Winter selten, sie können aber auftreten. Und ihre Blitze verursachen immer wieder starke Schäden an Infrastrukturen.
Interessant wird es bei der zweiten Frage: Metereologe Jörg Kachelmann, Gründer des Kanals Kachelmannwetter, schliesst einen Blitzschlag praktisch aus. «Zu jenem Zeitpunkt gab es nicht mal einen Schauer über Herbolzheim», sagt er gegenüber CH Media. «Nicht weiter überraschend haben weder das Satellitensystem noch das terrestrische System in Herbolzheim oder irgendwo in Nah und Fern einen Blitz registriert.» Auch von der Wetterlage her an sich «würden wir einen Blitzschlag ausschliessen wollen», hält Kachelmann fest. Die Modellvorhersage des sehr empfindlichen Multimodells von «Kachelmannwetter» für den entsprechenden Zeitpunkt lege das nahe.

Zweifel an der Version der DB mit dem Blitzschlag waren schon am frühen Samstagmorgen im Forum der «Drehscheibe-Online» aufgekommen, einem Portal für Bahnfreunde. «Moin! Blitzeinschlag in die Oberleitung im Bahnhof Herbolzheim um 3:55 Uhr mit grösseren Schäden», schrieb User Cargoführer um 7.25 Uhr. Um 9:57 Uhr konterte User Michael Seelzee: «Da die frei zugänglichen Blitzortungen um 3:55 Uhr am 07. Februar keinen Blitz registriert haben und auch die Radarbilder keinen Hinweis auf hochreichende Konvektion um Offenburg und Freiburg liefern, halte ich Blitzschlag als Ursache für unwahrscheinlich.»
Bis zur Publikation des Artikels reagierte die DB nicht auf eine Anfrage zu Kachelmanns Aussagen. Ein Verdacht drängt sich allerdings auf: Die überarbeitete EU-Bahngastrechteverordnung von 2023 sagt, dass Eisenbahnunternehmen keine Entschädigungen zahlen müssen, wenn die Ursache der Verspätungen auf «höhere Gewalt» zurückzuführen ist – was bei einem Blitz durchaus der Fall wäre.
Ein heftiger Zoff zwischen DB und SBB
Doch weshalb fuhr der verspätete ICE 200 nicht? Wer verhinderte es und weshalb? Die SBB? Oder die DB? Bei den SBB heisst es, für sie habe es keinen Grund gegeben, den verspäteten ICE 200 nicht fahren zu lassen. Man habe ihn nicht gestoppt. Die Verantwortung liege bei der DB, da die Störung ihre Infrastruktur betreffe. Die DB antwortete bis zur Publikation des Artikels nicht auf die entsprechende Frage.
In Basel Badischer Bahnhof stürmen die Passagiere des ICE 200 am Samstag um 10:24 Uhr in den vollbesetzten ICE 372 von Brig Richtung Berlin Ostbahnhof. Bald meldet sich die Zugführerin: «Dieser Zug hat viel zu viele Passagiere. Wir müssen unser Brandschutzkonzept einhalten. Ich bitte alle Passagiere ohne Reservierung, den Zug zu verlassen.»
Eine halbe Stunde lang tut sich nichts. Dann fährt der ICE 372 an. Die Passagiere des ICE 200, die sich im Briger ICE einen Platz ergattern, erreichen Mannheim mit zwei Stunden Verspätung.

