Als Samstagnacht im Zürcher Langstrassenquartier die Barrikaden brannten, war Alina* dabei. Der Aufruf habe sie angesprochen, sagt die 24-Jährige aus Zürich. «Es ging darum, wie Kapitalismus und die Klimakrise unsere Welt verwüsten.» Das beschäftigt Alina. Sie sagt: «Für die Jugend und für meine Generation gibt es keine Perspektive.» Sie erzählt, wie sie die Ereignisse vom Wochenende erlebt hat.
Feierliche Stimmung zu Beginn
Als sie am Samstagabend zur Langstrasse gekommen sei, habe sie die Stimmung zunächst als friedlich wahrgenommen. «Die Leute haben getanzt.» Es seien auch viele Jugendliche dabei gewesen, sagt Alina. «Es war schön, sich die Strasse zu nehmen und gemeinsam im öffentlichen Raum zu feiern.» Einige hätten sich auch spontan angeschlossen. Fast alle seien verkleidet oder vermummt gewesen. Aus Eigenschutz, wie Alina sagt.
Später hätten die Demonstrierenden versucht, sich in Richtung Europaallee zu bewegen. «Dabei kam es zu Konfrontationen mit der Polizei.» Brennende Barrikaden, Tränengas, Gummischrot, Angriffe auf die Sicherheitskräfte. Alina habe sich am Rand der Demonstration aufgehalten, sagt sie. Sie habe damit gerechnet, dass es zu Ausschreitungen kommen würde.

Dass die Aktion für Aussenstehende nicht als Protest erkennbar gewesen sei, bestreitet Alina. «Wenn man den Aufruf gelesen und sich mit den Gründen der Proteste im Ausland befasst hat, dann konnte man es schon verorten», sagt sie.
Von der Politik enttäuscht
Der Aufruf, der auf den sozialen Medien kursierte, bezog sich unter anderem auf die Jugendproteste in Frankreich. Für Alina gibt es auch in der Schweiz genügend Gründe, auf die Strasse zu gehen. «Man meint immer, dass es den Menschen in der Schweiz so gut geht. Aber auch hier öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter.»
Alina engagiert sich in der linksautonomen Szene. Von der institutionellen Politik sei sie enttäuscht. Weil sie zu wenig für den Klimaschutz unternehme, weil sie Migrantinnen und Migranten abschiebe und weil sie Rüstungsgüter exportiere.
Linke Stadtzürcher Parteien wie die SP und die Grünen haben die Ausschreitungen scharf verurteilt. Auch sie holen Alina nicht ab. Für Alina sind sie Teil des «bürgerlichen Staats».
Krawall als Protest?
Für Alina waren die Ereignisse der Samstagnacht – inklusive der gewaltsamen Ausschreitungen – ein politischer Protest einer «revolutionären Bewegung, die sich von Grund auf gegen den Kapitalismus stellt und die Rolle des Schweizer Staates kritisiert».
Die Kritik der Parteien, dass die Ausschreitungen keinen politischen Inhalt gehabt hätten, bestreitet sie. Sie sagt: «Was heisst das schon, nur auf Krawall aus sein? Krawall ist doch auch Ausdruck von Unzufriedenheit.»
Der Schaden der Samstagnacht ist noch nicht beziffert. Klar ist: Es kam zu zahlreichen Sachbeschädigungen, gemäss Informationen der Polizei wurden Sicherheitskräfte angegriffen, ein Polizist musste mit Verdacht auf Rauchvergiftung zwischenzeitlich ins Spital.
Konfrontiert damit sagt Alina: «Ich finde es falsch, dass nur friedlicher Protest als legitim gilt. Es gibt viele verschiedene Arten von Gewalt.» Dazu gehörten ihrer Meinung nach auch die Zerstörung der Natur durch Rohstoffunternehmen, die Hitzetoten aufgrund des Klimawandels oder Geflüchtete, die auf dem Mittelmeer sterben. «Das ist systemische Gewalt, die Menschenleben kostet.»
Alina spricht im Gespräch ausführlich über gesellschaftliche Missstände und strukturelle Gewalt. Von der Gewalt der Demonstrierenden will sie sich hingegen auch auf mehrmaliges Nachfragen nicht distanzieren.

Im Gegenteil: Ihr Fazit der Samstagnacht ist ein positives. «Es war ein starker Abend. Die Menschen waren sehr mutig und sehr hässig.» Die Krawalle der Samstagnacht sind nun Gegenstand laufender Ermittlungen.
Extremismusexperte: Aufmerksamkeit als Ziel
Dass Protestierende wie Alina Sachbeschädigungen und Gewalt als legitimes Mittel betrachten, sieht Extremismusexperte Dirk Baier einer «linksextremen Optik» geschuldet. «Wenn man sagt, man schädigt einen Menschen, hätte man davor wohl eine gewisse Zurückhaltung», sagt Baier.
«Wenn man jemanden aber als Feindbild und Teil eines Systems ansieht, entmenschlicht man diese Person.»
Der Gedanke, gegen ein System zu handeln, entlaste von der Verantwortung, sagt Baier. Etwa, wenn Protestierende Polizeikräfte angreifen würden. «Aber es entschuldigt nichts», sagt Baier.
Die Anliegen des Protests an sich zu delegitimieren, halte er für falsch. «Es ging um Themen, die die jungen Menschen umtreiben.» Ein grosser Teil der Teilnehmenden sei friedlich geblieben. «Aber der Protest wurde gekapert von Leuten, die ihn nutzten, um den Schritt in die Gewalt zu gehen.»
Ausschreitungen wie jene in der Samstagnacht sollten seiner Meinung nach vor allem Aufmerksamkeit für politische Anliegen erregen. Und dadurch neue Menschen für die Bewegung gewinnen. «Es geht gar nicht darum, dass man mit solchen Aktivitäten bei konkreten Themen wie Wohnungsnot oder Klimaschutz einen Schritt weiterkommt», so Baier.
«Die Protestierenden wollen zeigen, dass sie unbequem sind und sich mit dem Staat und der Polizei messen können.» Dirk Baier, Kriminologe
Keine vorschnellen Reaktionen
Der Extremismusforscher mahnt dennoch zur Vorsicht, wenn Politikerinnen und Politiker nun mit politischen Forderungen nach strengeren Gesetzen reagieren. Laut Baier sollten die Ereignisse von den Strafverfolgungsbehörden aufgearbeitet werden. «Es braucht keine neuen Gesetze, die solche Ausschreitungen sowieso nicht verhindern können. Und es braucht keine angedrohte Härte, die möglicherweise noch mehr Öl ins Feuer giesst», so Baier. Er sagt: «Lasst den Rechtsstaat seine Arbeit machen.»

Während die angesprochenen Probleme der Jugendproteste nicht von einem Tag auf den anderen gelöst werden könnten, sollte die Politik mehr Möglichkeiten für politische Mitbestimmung schaffen, findet Baier. «Grundsätzlich ist es eine gute Idee, wenn Politik signalisiert, dass ihr junge Menschen und ihre Anliegen wichtig sind.» Allerdings müsse dies immer mit der Verurteilung von Gewalt einhergehen.
(*Name geändert)
