Gastbeitrag

Was in WGs selbstverständlich ist – und Bundesbern schwerfällt

Ämtlipläne, Prüfungsphasen und WG-Partys lehren fürs Leben, was in keinem Stundenplan steht – und in der Politik oft fehlt, findet Gastkolumnistin Patricia Schafer.

In diesen Tagen beginnen zehntausende junge Menschen in der Schweiz ihr Studium. Für viele bedeutet das auch: raus aus dem Elternhaus, rein in eine WG in einer neuen Stadt. Plötzlich stellen sich ganz praktische Fragen: Wer kauft WC-Papier? Wie werden gemeinsame Ausgaben aufgeteilt? Und wer räumt die Küche auf? Dazu kommt die vielleicht wichtigste Übung: mit dem eigenen – oft knappen – Budget auszukommen. Das WG-Leben bringt Lektionen fürs Leben mit sich. Und zwar solche, die in Bundesbern nur allzu gerne ignoriert werden.

1. Ohne klare Zuständigkeiten geht nichts: Nach der Anfangseuphorie zeigt sich rasch: Ohne Putzplan fühlt sich in der WG niemand zuständig. Das Geschirr stapelt sich, das Badezimmer bleibt schmutzig, und irgendwann quillt auch die Tasche mit Altglas und Kartons über. Am Ende sind alle genervt. Deshalb gibt es in den meisten WGs Ämtlipläne mit klaren Verantwortlichkeiten. Dann weiss man, wer wofür zuständig ist – und wen man zur Rede stellen kann.

In der Schweizer Politik sieht das oft anders aus. Viele Aufgaben teilen sich Bund und Kantone oder Kantone und Gemeinden – von der Prämienverbilligung über die Bahninfrastruktur bis zur Kinderbetreuung. Läuft etwas nicht wie gewünscht, lässt sich die Verantwortung leicht weiterschieben. Und ist eine Aufgabe erst einmal auf mehrere Staatsebenen verteilt, lässt sie sich später nur schwer wieder sauber zuordnen. Die Folge: Zuständigkeiten werden unübersichtlich, und es herrscht eine allgemeine Verantwortungsdiffusion.

2. Aus vorübergehend wird dauerhaft: Das erste Semester vergeht wie im Flug, die Prüfungen stehen an. In dieser stressigen Zeit mag in der WG niemand kochen. Die Take-Aways freut’s: Montags gibt es Pizza, mittwochs Sushi und freitags Burger. Natürlich nur vorübergehend, nach der Prüfungsphase wird wieder selbst gekocht. Doch die neue Gewohnheit hält sich hartnäckig. Die Pizzakartons stapeln sich weiterhin – immerhin ist dank Putzplan klar, wer sie entsorgen muss.

Auch in der Politik wird aus der Ausnahme mitunter die Regel. Befristete Massnahmen werden verlängert und irgendwann dauerhaft verankert. Ein Beispiel ist die familienergänzende Kinderbetreuung: 2003 lancierte der Bund eine befristete Anschubfinanzierung. Nach fünf Verlängerungen wurde sie dieses Jahr definitiv. Die neue Massnahme kostet heute jährlich mehr, als in den letzten zwei Jahrzehnten insgesamt in die vorübergehende Anschubfinanzierung floss – über eine halbe Milliarde Franken. Das stellt so manches WG-Provisorium in den Schatten.

3. Auch «Sonderausgaben» müssen finanziert werden: Die ersten überstandenen Prüfungen gehören mit einer WG-Party gefeiert. Doch die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner merken schnell: Wollen sie ausgiebig feiern, müssen sie nun definitiv auf Pizza, Sushi und Burger verzichten, an die sie sich bereits gewöhnt hatten. Für alles reicht das WG-Budget nicht. Kurz kommt die Idee auf, die Eltern um einen finanziellen Zustupf zu bitten. Doch die würden zwar einspringen, wenn etwas Unerwartetes passiert – also etwa wenn das Fahrrad gestohlen wird. Für eine Party muss hingegen das normale Budget reichen.

Auch beim Bund gilt: Ausgaben müssen mit den vorhandenen Einnahmen im Einklang sein. Dafür sorgt die Schuldenbremse. Für ausserordentliche Situationen gibt es hingegen Ausnahmen – etwa wenn eine Pandemie plötzlich Milliardenkosten verursacht. Also Momente, in denen wohl auch in der WG die Eltern aushelfen würden. Der Haken: Was als ausserordentlich gilt, lässt sich politisch auslegen. Und das wird mitunter ziemlich weit gefasst, wie etwa die aktuelle Diskussion um die Armeefinanzierung zeigt. So möchten gewisse Kreise Rüstungsausgaben am regulären Budget vorbeiführen. Eine veränderte politische Lage macht diese Ausgaben jedoch nicht automatisch zu ausserordentlichen.

Zugegeben, eine WG-Party mit Militärausgaben zu vergleichen, ist etwas weit hergeholt. Doch die Lektionen aus dem WG-Leben reichen weit über den Alltag von Studierenden hinaus: Zuständigkeiten müssen klar sein, Ausnahmen sollten nicht zur Regel werden, und ein Budget verlangt Prioritäten. Im Kleinen liesse sich eben viel fürs Grosse lernen – wenn man sich denn davon inspirieren liesse.

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