Gastbeitrag

Gymnasium oder Lehre? KI wirbelt die Ausbildungswelt durcheinander

Wer sich gegen den technologischen Wandel wappnen wollte, dem hat man lange zum Studium geraten. Doch die KI trifft ausgerechnet die Kopfarbeit – und stellt die alte Faustregel infrage, schreibt Gastkolumnistin Patricia Schafer.
Nicht so schnell durch KI ersetzbar: Diese junge Frau hat den Weg der Berufslehre zur Schreinerin gewählt.
Bild: Pius Amrein

Die Sommerferien neigen sich dem Ende zu. Für knapp 100'000 Jugendliche heisst das: Die obligatorische Schulzeit ist vorbei, ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Rund zwei Drittel von ihnen absolvieren eine Lehre, knapp ein Viertel das Gymnasium. Beide starten in unsicheren Zeiten: Die Künstliche Intelligenz krempelt den Arbeitsmarkt gerade um. Wie also ist die Schweiz für diesen technologischen Umbruch aufgestellt?

Möglicherweise erstaunlich gut. Und zwar schon nur durch die Architektur des Bildungssystems: Dass mit dem berufsbildenden und dem akademischen Weg zwei etablierte Optionen bestehen, ist ein Luxus. Denn statt alle durch dieselbe Ausbildung zu schleusen, bietet die Schweiz über die beiden Wege unterschiedliche Möglichkeiten. Unter Unsicherheit ist das eine kluge Strategie. Niemand weiss, welche Kompetenzen der Arbeitsmarkt von morgen verlangt. Wer alle gleich ausbildet, riskiert, komplett am Bedarf vorbei zu qualifizieren.

Doch welcher der beiden Wege ist im technologischen Wandel im Vorteil? Lange lautete die Antwort: längerfristig der akademische. Denn berufsspezifische Kompetenzen, wie etwa das Bedienen von bestimmten Programmen und Maschinen, «altern» schlechter: Sie werden vom Fortschritt eher überholt. Als besser gewappnet galten deshalb Arbeitnehmende mit breiten, allgemeinbildenden Kompetenzen.

Ob diese Gleichung unter KI noch aufgeht, ist aber fraglich. Denn KI ist die erste Technologie, die kognitive Tätigkeiten wie Schreiben, Recherchieren oder Programmieren nicht nur unterstützt, sondern ersetzen kann. Wie sich das in den nächsten Monaten und Jahren auf den Arbeitsmarkt auswirkt, ist noch offen. Derzeit sind allerdings in der Tat vor allem Einstiegsstellen in Büro- und Wissensberufen, etwa in der Administration, der Finanzbranche, der Informatik oder im Marketing von Arbeitslosigkeit betroffen.

Die Berufsbildung bringt im KI-Zeitalter zudem systemische Stärken mit. Die meisten Jugendlichen absolvieren ihre Ausbildung in einem Lehrbetrieb und sammeln so von Beginn an Berufserfahrung. Das erleichtert den Arbeitseinstieg im Vergleich zu Uni-Abgängern. Und selbst wenn die in der Lehre erworbenen Kompetenzen schlechter altern sollten: Die praktische Arbeitserfahrung nimmt einem niemand weg: Disziplin, Verantwortung, Teamarbeit – solche Soft Skills bleiben gefragt. Natürlich sammeln viele Studierende auch erste Arbeitserfahrung parallel zum Studium. Aber bei der Berufslehre ist sie ins System integriert.

Gleichzeitig macht die Nähe zur Wirtschaft die Berufsbildung anpassungsfähig: Branchenverbände und Unternehmen gestalten die Inhalte mit und reagieren vergleichsweise schnell. So sind in den letzten Jahren diverse neue Berufslehren entstanden, etwa die «Solarinstallateurin» oder der «Entwickler digitales Business». Gerade unter KI ist diese rasche Anpassungsfähigkeit entscheidend.

Ganz ungeschoren dürfte allerdings auch die Berufsbildung nicht davonkommen. Es gibt Lehrgänge mit grossem Automatisierungspotenzial – man denke an die beliebteste aller Ausbildungen, das KV. Handwerkliche Berufe wie Maler, Bäckerin oder Coiffeur blieben bislang eher verschont. Das dürfte sich wohl auch erst ändern, wenn Robotik und KI weitere grosse Fortschritte machen.

Wie sich der berufsbildende und der akademische Weg unter KI behaupten werden, weiss also niemand mit Sicherheit. Genau deshalb liegt der eigentliche Trumpf der Schweiz nicht einfach im einen oder anderen Weg, sondern in der Wahl zwischen beiden – und in der Durchlässigkeit dazwischen. Wer eine Lehre macht, kann später studieren; wer studiert hat, kann eine höhere Berufsbildung anhängen. Keine Entscheidung ist eine Sackgasse, sondern Arbeitnehmende können sich ein Leben lang individuell anpassen. Gerade in Zeiten des Umbruchs ist das zentral.

Die Frage «Gymnasium oder Lehre?» ist damit weniger schicksalhaft, als sie oft scheint. Das sollten sich besonders jene zu Herzen nehmen, die Kinder auf Biegen und Brechen Richtung Gymnasium drängen: Einiges spricht dafür, dass der Nachwuchs mit dem berufsbildenden Weg mindestens ebenso gut gewappnet ist. Und dank der Durchlässigkeit können die Jugendlichen nach den Sommerferien so oder so zuversichtlich in ihre nächste Lebensphase starten.

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