Wetter

Löst der historisch starke El Niño die Trockenheitsprobleme der Schweiz?

Die Trockenheit stellt die Schweiz weiterhin vor Probleme. Möglicherweise wird dafür der Winter nass.

Die Schweiz kämpft selbst im Spätherbst noch mit den Folgen des trockenen Hitzesommers. Der Regen im Oktober hat die Situation zwar etwas entschärft, sie bleibt aber angespannt: Die Pegel der Seen und Flüsse liegen weiterhin aussergewöhnlich tief, die Böden sind in der Tiefe noch trocken, Grundwasser und Quellen haben sich nicht erholt.

Laut der Trockenheitsplattform des Bundes hatten die Niederschläge etwa auf den Rhein oder den Boden- und Zürichsee kaum einen Einfluss. Weite Teile des Mittellandes und der Alpen sind weiterhin trocken oder sehr trocken – in der Region um den Zürichsee, in den Glarner Alpen und im Rheintal herrscht gar extreme Trockenheit. Als einziger Kanton kann das Tessin aufatmen: Hier ist die Trockenheit flächendeckend vorbei.

Der Oktober war gemäss Meteo News eher mild und trocken im Vergleich zu den Vorjahren. Er reiht sich damit in den diesjährigen Trend ein. Alle Monate ausser dem Januar waren wärmer als das langjährige Mittel. Ausser dem Februar waren alle zu trocken. Wie geht es im November weiter?

«In den ersten zehn Novembertagen passiert kaum etwas», sagt der Meteorologe Klaus Marquardt von Meteo News. Die Temperaturen sinken und es zieht Nebel auf, aber mit Niederschlag ist nicht zu rechnen, höchstens mit Nieselregen.

«Sag niemals nie»

Langfristigere Prognosen wagt Marquardt ungern. Dieses Jahr traten global zu viele meteorologische Phänomene mit nie dagewesenen Eigenheiten auf, sagt er. «Sie werden gerade erst erforscht. Es gibt dafür noch keine Erfahrungswerte in der Wissenschaft.»

Zum Beispiel bricht El Niño gerade alle Rekorde. Dabei handelt es sich um ein Wind-Phänomen, das den Ostpazifik erwärmt. Das aktuelle könnte das stärkste seit Jahrhunderten sein. Vor allem die Tropen und Subtropen sind davon betroffen. El Niño verschiebt sozusagen das Wettersystem: Er sorgt für Trockenheit in den Regenwäldern und für Überschwemmungen in den Wüsten, dieses Jahr mehr denn je. Und er erhöht die globale Durchschnittstemperatur. Im Dezember dürfte er seinen Höhepunkt erreichen.

Die Auswirkungen des Phänomens auf Mitteleuropa und die Schweiz sind üblicherweise schwach bis nicht-existent. In wissenschatflichen Kreisen drängt sich angesichts der aktuellen Umstände die Frage auf: Ist das dieses Jahr anders? Bisher spürte man hierzulande eher die höheren Preise für Kaffee oder Kakao wegen Ernteausfällen in den Anbaugebieten. «Aber sag niemals nie», sagt Marquardt. «Mit diesem El Niño geht ein neues Kapitel auf.» Es könne sein, dass das Phänomen indirekt über komplexe meteorologische Zusammenhänge für einen milden und nassen Winter in der Schweiz sorge.

Gleichzeitig verhalte sich der Polarwirbel, ein grosses Tiefdruckgebiet über dem Nordpol, ganz anders als gewohnt, sagt Marquardt. Er schwäche sich gerade ab, so früh im Jahr wie nie zuvor. Das würde eher für einen kalten Winter sprechen. Aber auch hier: es gibt kaum wissenschaftliche Erfahrungswerte. «Wie sich das auswirkt, wird sich erst zeigen müssen», sagt der Meteorologe. Das erste Mal, dass der Polarwirbel sich viel früher als im langjährigen Mittel abgeschwächt hat, war letztes Jahr.

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