Am Samstag wurde bekannt, dass die italienische Regierung den Botschafter in der Schweiz, Gian Lorenzo Cornado, nach Rom zurückbeorderte. In der italienischen Hauptstadt werde das weitere Vorgehen zwischen der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, Aussenminister Antonio Tajani und Botschafter Cornado besprochen. Letzterer sagte eine Woche nach der Katastrophe, dass dies die grösste Bewährungsprobe seiner Karriere sei, «sowohl in professioneller als auch in menschlicher Hinsicht.»
Bei ihrer Unterredung mit dem Botschafter haben Meloni und Tajani diesen am Samstagmorgen aufgefordert, «unverzüglich Kontakt mit der Staatsanwältin des Kantons Wallis Béatrice Pilloud aufzunehmen und ihr die grosse Empörung der italienischen Regierung und Italiens» zu übermitteln.

Ausserdem habe die Unterredung dazu gedient, «weitere mögliche Schritte zu erörtern». In einer Mitteilung aus dem Regierungssitz Palazzo Chigi in Rom halten die Ministerpräsidentin und der Aussenminister fest, dass die Entlassung des Barbesitzers Jacques Moretti aus der Untersuchungshaft «eine schwere Beleidigung und einen weiteren Schmerz für die Familien der Opfer darstelle» und auch für alle, die sich noch im Krankenhaus befänden.

«Italien verlangt mit lauter Stimme Wahrheit und Gerechtigkeit; nach dieser schlimmen Katastrophe müssen respektvolle Massnahmen ergriffen werden, die dem Leid und den Erwartungen der Familien in vollem Umfang Rechnung tragen», heisst es von der italienischen Regierung.
Freunde von Moretti bezahlten Kaution
Der Entscheid der Walliser Justiz, Moretti am Freitag nach Bezahlung einer Kaution von 200'000 Franken auf freien Fuss zu setzen, ist in Rom und im übrigen Italien auf Unverständnis gestossen, zumal, wie es in der Note der Regierung heisst, Moretti «extrem schwerwiegende Delikte» zur Last gelegt werden. Auf ihm laste eine grosse Verantwortung für die Katastrophe. Es bestehe weiterhin «evidente Fluchtgefahr» sowie die Möglichkeit, dass er Beweismittel beseitige.
Das Zwangsmassnahmengericht von Sitten im Kanton Wallis hatte Jacques Moretti am Freitag auf freien Fuss gesetzt, nachdem Freunde von ihm die Kaution bei der Staatsanwaltschaft gezahlt hatten. Strenge Auflagen sollen eine Flucht verhindern: Moretti musste seine Ausweis- und Aufenthaltsdokumente bei der Staatsanwaltschaft hinterlegen, darf nicht ausreisen und muss sich täglich bei einer Polizeidienststelle melden. Für seine Frau Jessica, die nie in U-Haft genommen wurde, gelten ähnliche Auflagen.
Die Walliser Staatsanwaltschaft ermittelt gegen das Ehepaar Moretti wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Brandstiftung. Am Freitag erklärte Staatsanwältin Pilloud, dass sie sich vorbehalte, das Verfahren auf weitere Personen auszuweiten.
Vorgehen der Walliser Justiz irritiert Italien seit Beginn
Beim Brand in der von den Morettis geführten Bar Le Constellation in Crans-Montana waren in der Silvesternacht vierzig vorwiegend junge Gäste ums Leben gekommen, darunter auch sechs italienische Teenager. 116 Menschen, darunter 14 Italiener, wurden verletzt. Die meisten von ihnen haben schwere Wunden erlitten und müssen sich teils auf monate- oder jahrelange Behandlungen einstellen.
Die italienische Regierungschefin Meloni hatte schon am Freitag ihrer Empörung freien Lauf gelassen und angekündigt, «von den Schweizer Behörden Rechenschaft zu fordern». Aussenminister Tajani bezeichnete die Haftentlassung als «eine Schande». Das Problem seien aber nicht die Schweiz und die Schweizer Regierung, sondern die Justizbehörden im Kanton Wallis, betonte Tajani.
In Italien hat das Vorgehen der Walliser Justiz von Anfang an für Irritationen gesorgt. So erklärte der italienische Botschafter Gian Lorenzo Cornado schon zwei Tage nach der Katastrophe in Crans-Montana, dass die beiden Betreiber der Bar in Italien längst verhaftet worden wären. Im Wallis dagegen liess sich die Staatsanwältin dafür über eine Woche Zeit.
Auf Unverständnis stösst auch, dass bis heute nicht gegen die Gemeindebehörden ermittelt wird, die zugaben, das Lokal fünf Jahre lang nicht kontrolliert zu haben. Die Römer Staatsanwaltschaft hat deswegen schon in der ersten Januarhälfte eigene, parallele Ermittlungen eingeleitet und ein Rechtshilfegesuch an die Schweizer Behörden gestellt. Der italienische Staat wiederum wird sich in dem künftigen Prozess gegen die Verantwortlichen als Zivilklägerin konstituieren.
Bundesrat Parmelin kann die Entrüstung verstehen
Kurz nach Mittag meldete sich auch die angefeindete Beatrice Pilloud zu Wort. Sie bestätigte, am Samstagmorgen mit dem Botschafter Kontakt gehabt zu haben.

Gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA liess sie ausrichten: «Ich möchte nicht für einen diplomatischen Zwischenfall zwischen unseren beiden Ländern verantwortlich sein.» Sie werde möglichem Druck der italienischen Behörden nicht nachgeben. Deshalb habe sie Cornado geraten, seine Bedenken über den Entscheid an die nationalen Behörden zu richten.
In Näfels GL hat am Samstag die Delegiertenversammlung der SVP stattgefunden. Mit dabei ist auch Bundespräsident Guy Parmelin. Gegenüber dem «Blick» äusserte er sich ebenfalls zum Thema.
Einerseits zeigte er Verständnis für die Entrüstung, die in Italien herrscht. Andererseits betonte er, dass die Schweiz andere Verfahren habe als das südliche Nachbarland. Er sagte allerdings, dass die Justiz die Untersuchung nun transparent führen müsse. «Wenn Fehler gemacht wurden, muss es Sanktionen geben.» Zu Giorgia Meloni, die sagte, sie wolle die Schweizer Regierung zur Rechenschaft ziehen, habe er ebenfalls Kontakt. Parmelin ging aber nicht auf die Details der Gespräche ein.

Auf X meldete sich noch Bundesrat Ignazio Cassis (FDP) zu Wort. Der Schweizer Aussenminister äusserte sich ähnlich wie sein Bundesratskollege.
Wie Italien trauere auch die Schweiz um die vierzig Opfer und die vielen Verletzten der Tragödie. «Wir verstehen den Schmerz, denn es ist auch unser Schmerz.» Man wolle ebenfalls Klarheit und man verfolge die Arbeit der Walliser Justiz aufmerksam. Dies habe er am Samstag auch mit Tajani besprochen.


