
Der Druck wurde zu gross. Ende Juli kündigte Claudio Zali wegen einer Reihe an Skandalen seinen Rücktritt aus der Tessiner Regierung per Ende September an. Doch der Lega-Politiker bleibt in der Schusslinie. Wie das italienischsprachige Radio und Fernsehen RSI berichtet, hat die Staatsanwaltschaft gegen Zali ein Strafverfahren wegen Verdachts auf ein Sexualdelikt eröffnet.
Die Staatsanwaltschaft bestätigte gegenüber «Schweiz heute», dass Zali deswegen kürzlich als Beschuldigter einvernommen worden sei. Dabei habe er bestritten, sich strafrechtlich etwas zu Schulden kommen lassen zu haben. Das Verfahren wurde aufgrund von Angaben einer Drittperson eröffnet. Auch das mutmassliche Opfer wurde von der Staatsanwaltschaft befragt. Es verzichtete danach darauf, als Privatklägerin aufzutreten. Die Strafuntersuchung läuft trotzdem weiter. Die Staatsanwaltschaft erinnert an die Unschuldsvermutung.
Ausserordentliche Sitzung der Regierung
Die Tessiner Gesamtregierung fand sich am Dienstagnachmittag zu einer ausserordentlichen Sitzung ein. Aufgrund der neuesten Enthüllung forderte sie Zali dazu auf, sein Amt sofort niederzulegen. Es gehe um den Schutz und die Glaubwürdigkeit der Institutionen. Zali leistete der Aufforderung aber bis jetzt keine Folge, wie die Regierung bekannt gab. Sie behält sich vor, an ihrer ordentlichen Sitzung vom Mittwoch die Leitung von Zalis Umwelt- und Baudepartement neu zu organisieren, sollte er sich an seinen Sitz klammern.
Claudio Zali steht seit Wochen im Zentrum eines politischen Sturms, der den Kanton Tessin in eine institutionelle Krise gestürzt hat. Richtig Fahrt nahm die Affäre auf, nachdem Medien über Audioaufnahmen berichteten, die eine mutmassliche ehemalige Geliebte Zalis auf Instagram publiziert hatte. In einem Gespräch rät ihr Zali, eine Nebenbuhlerin zu verprügeln. Er habe das selbst auch schon gemacht. Zali bestritt den Vorwurf und sagte später, er habe die Frau hart angepackt. Im anderen Gespräch erwägt Zali, er könnte Freunde aus Mailand bitten, ein Problem mit einer anderen Frau zu lösen.
Der Aufruf, Konflikte mit einer Frau mit Gewalt zu managen, löste grosse Empörung aus. Schon bevor Zali seinen Rücktritt bekannt gab, hatte ihm die Gesamtregierung die Verantwortung für Polizei und Justiz entzogen. Gegen den bald 65-jährigen Politiker läuft zudem ein Strafverfahren wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch und auf versuchte Nötigung. Der Grund: Auf den 9. Juni dieses Jahres hatte er ein Treffen mit diversen Vertretern der Verwaltung anberaumt, unter anderem mit Frida Andreotti, der Leiterin des kantonalen Justizamts.
Das Thema: Zali wollte erreichen, dass der 14-jährige Sohn einer Bekannten aus dem Erwachsenengefängnis La Farera entlassen wird. Dort befand er sich in Untersuchungshaft, weil er verdächtigt wird, an einer Freiheitsberaubung beteiligt gewesen zu sein. Am 17. Juni, nach knapp einem Monat im Erwachsenengefängnis, wurde er in eine psychiatrische Klinik verlegt. Ob dies wegen Zalis Intervention erfolgte, ist nicht klar.
Frau tot im Luganersee gefunden
Fest steht hingegen, dass die Frau, welche die Aufnahmen mit Zali publiziert hatte, am 18. August in Melide tot im Luganersee gefunden worden ist. Bis jetzt gehen die Ermittler davon aus, dass die 52-Jährige, gemäss ihrer Anwältin eine gute Schwimmerin, ertrunken ist. Die Autopsie ist erfolgt, ausstehend ist ein toxikologisches Gutachten.
Pikant ist, dass die verstorbene Frau im Zentrum einer weiteren Affäre steht, in die Zali verwickelt ist. Im Jahr 2020 verlangte er in einer gepfefferten E-Mail, der Tessiner Spitalverband solle ihr eine Stelle anbieten. Man könne für sie Grenzgänger entlassen. Die Frau nahm schliesslich einen anderen Job an. Ihr Tod wühlt den Kanton Tessin auf. In Bellinzona wurde letzte Woche in einer Unterführung ein Schriftzug mit expliziten Vorwürfen an Zalis Adresse hingesprayt. Die Anschuldigungen wurden schnell mit grünen Klebern überdeckt.
Das turbulente Liebesleben von Claudio Zali ist zumindest in Tessiner Politkreisen schon länger ein Tuschelthema. Mindestens zwei Frauen – darunter eine, die Zali in einem Telefongespräch erwähnt – erstatteten gegen den Regierungsrat wegen einfacher Körperverletzung Anzeige. Sie zogen sie danach aber zurück, nachdem sich der Regierungsrat bei ihnen entschuldigt haben soll.
Zali seinerseits konterte mit Anzeigen wegen Ehrverletzungsdelikten. Zwei Frauen wurden wegen übler Nachrede verurteilt, weil sie Anschuldigungen in sozialen Medien verbreitet hatten. Eine hat das Verdikt akzeptiert, die andere hat das erstinstanzliche Urteil angefochten.


