
Um Valérie Dittli ist es einsam geworden. Die Waadtländer Kantonsregierung wirft der Mitte-Politikerin vor, das Gremium angelogen zu haben. Die Koalitionspartner von FDP und SVP schliessen eine weitere Zusammenarbeit aus. Die linken Parteien fordern schon länger ihren Rücktritt – und brachten am Dienstag diese (wenn auch symbolische) Forderung durchs Kantonsparlament.
Im Verlauf der Woche mehrten sich in Westschweizer Medien auch kritische Stimmen aus der eigenen Partei. So forderte der Präsident der jungen Mitte Waadt, Dittli solle bei den Regierungsratswahlen im nächsten Frühling nicht erneut antreten. Und der Co-Präsident der Lausanner Sektion beklagte sich darüber, dass «80 Prozent unserer Diskussionen der Affären unserer Ministerin gewidmet sind».
Plötzlich herrscht Einstimmigkeit
Umso überraschender kommt der Ausgang der Krisensitzung der Waadtländer Mitte vom Donnerstagabend – zumindest auf den ersten Blick. Man halte am «Vertrauen» in Dittli fest, teilte die kantonale Parteiführung mit. Die Regierungsrätin habe die Fragen «offen und ehrlich» beantwortet. Der Entscheid der rund 20 Parteistrategen fiel «einstimmig».
Die «Ungeschicklichkeiten und Fehler» werden im Communiqué nicht bestritten. Gleichzeitig betont die Partei, dass ihre Regierungsrätin «keine öffentlichen Gelder für private Zwecke» verwendet und sich «keinen persönlichen Vorteil» verschafft habe. Damit nimmt sie einen Widerspruch zum jüngst veröffentlichten Expertenbericht in Kauf: Er kam zum Schluss, dass Dittli dem Ex-Präsidenten einer Landwirtschaftskommission ein Mandat für 10'000 Franken verschafft hatte und dieser im Gegenzug eine Strafanzeige gegen die Regierungsrätin zurückzog.
Der Spagat ist offenkundig. Dittlis Fehler lassen sich nicht mehr schönreden, und doch will man sie – das Gesicht der Partei – nicht desavouieren. Neben Nationalrätin Isabelle Chappuis ist sie die einzige profilierte Figur der Waadtländer Mitte. Im Kantonsrat ist die Partei nicht vertreten. Hinzu kommt: Dittli geniesst in der Bevölkerung mehr Rückhalt, als man vermuten könnte. Ein FDP-Politiker sagt hinter vorgehaltener Hand, dass die Mitte-Frau durchaus Chancen auf eine Wiederwahl hätte. Auf dem Land interessiere man sich weniger für ihre Affären als für ihre Politik als Landwirtschaftsministerin.
Die nationale Mitte hält sich zurück
Die andere Frage ist: Würde sich die 33-Jährige eine erneute Kandidatur antun? Und setzt die Partei nicht ohnehin darauf, Dittli die Legislatur noch gesichtswahrend beenden zu lassen – und danach mit einer neuen Person anzutreten?
Vorderhand erhält die Regierungsrätin von ihrer Partei nur eine Galgenfrist. Man nimmt sich Zeit, um vertieft über die Strategie für die Wahlen 2027 zu diskutieren. Dittli müsse ihre Absichten bis im Sommer 2026 mitteilen.
Auf nationaler Ebene hielt sich die Parteileitung um Philipp Matthias Bregy mit öffentlichen Stellungnahmen zurück. Es handle sich um eine kantonale Angelegenheit, lautet die Devise. Gleichwohl wird die Affiche eng verfolgt – ein Jahr vor den eidgenössischen Wahlen steht im einwohnermässig drittgrössten Kanton viel auf dem Spiel.

