
Sean Hannity gilt als enger Freund des amerikanischen Präsidenten. In Washington wird der TV-Moderator als der heimliche Stabschef des Weissen Hauses bezeichnet – schliesslich soll er täglich mehrmals mit Donald Trump telefonieren.
Auch deshalb wartete das «Fox News»-Publikum am Mittwoch gespannt darauf, welche Schlussfolgerungen Hannity aus der historischen Wahlschlappe der Republikaner ziehen würde. Die Kernaussage des Moderators fiel allerdings überraschend zaghaft aus. Hannity rief seinen Parteifreunden zu: «Verzichtet darauf, mit dem Finger auf andere zu zeigen oder Schuldzuweisungen zu machen.»
Das mag auch dem Wunsch von Trump entsprechen, der sich gleichentags geweigert hatte, die Verantwortung für die massiven Sitzverluste seiner Partei bei den Midterms zu übernehmen. Aber Hannitys Ratschlag kam viel zu spät. Die Debatte um die Zukunft der Trump-Partei lässt sich nicht mehr stoppen.
Dafür verantwortlich ist auch der Stellvertreter des Präsidenten. JD Vance veröffentlichte bereits am Mittwoch auf dem Kurznachrichtendienst X eine längliche Stellungnahme, in der er den Iran-Krieg für das Wahldebakel seiner Partei verantwortlich machte. Und die politische und militärische Allianz mit Israel. «Jeder weiss, warum wir verloren haben», behauptete Vance. «Der Präsident selbst hat das gestern Abend gesagt.»
Mehr als 65 Millionen Mal wurde das Traktat von Vance auf X bereits angeklickt. Das zeigt, wie gross sein Gewicht in der Partei ist – gilt der 42-Jährige doch bei vielen Republikanern bereits als designierter Nachfolger des Präsidenten.
Selbst Trump sah sich gezwungen, einen Kommentar abzugeben. Er teile die Meinung von Vance «weitgehend», sagte er, die Wählerinnen und Wähler ärgerten sich tatsächlich über die Folgen des Iran-Kriegs. Dabei nannte Trump explizit die hohen Benzinpreise. Aber er bereue den Befehl zum Angriff gegen den Iran nicht, bekräftigte der 80 Jahre alte Präsident. Er könne es nicht zulassen, dass Teheran in den Besitz von Atomwaffen komme, selbst wenn diese Meinung politisch unbeliebt sei.
Vance will Partei umbauen, kritisiert eine Kolumnistin
Vance nutzte seine Stellungnahme auch dazu, vor einer übertriebenen Kurskorrektur seiner Partei zu warnen. So riet er in scharfen Worten von Zugeständnissen in der Einwanderungspolitik ab, der viele Wähler schlechte Noten gegeben hatten. Auch scheint er nach wie vor der Meinung zu sein, dass die Republikaner mit gesellschaftspolitischen Themen punkten können.
Im Wahlkampf hatte Vance zum Beispiel den demokratischen Senatskandidaten James Talarico in Texas als Pädophil beschimpft. «Ich weiss ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich möchte niemals den Browserverlauf dieses Typen sehen», höhnte der Vizepräsident am Parteitag der Republikaner in Dallas.
Mit solchen vulgären Attacken überzeugte Vance nur ganz wenige Wählerinnen und Wähler. Talarico triumphierte am Dienstag in der ehemaligen republikanischen Hochburg Texas mit 55 Prozent der Stimmen. Auch in anderen Staaten, in denen sich der Trump-Stellvertreter im Wahlkampf mehrmals gezeigt hatte, scheiterten die Kandidaten der Trump-Partei kläglich. Vivek Ramaswamy, ein alter Studienfreund von Vance, brachte es im Gouverneurswahlkampf von Ohio nur auf 44 Prozent.
Der Vizepräsident sei stärker daran interessiert, das Programm der Republikanischen Partei zu ändern, «als sie zum Sieg zu führen», schrieb die bekannte Kolumnistin Kimberley Strassel am Tag nach den Midterms. Das sei «seltsam», urteilte Strassel, die für das einflussreiche Wirtschaftsblatt «Wall Street Journal» schreibt.
Von der Schwäche des Vizepräsidenten könnten nun andere mögliche Präsidentschaftskandidaten der Republikaner profitieren. Die Namen von Aussenminister Marco Rubio, Senator Ted Cruz (Texas) sowie Gouverneur Ron DeSantis (Florida) werden in diesem Zusammenhang immer wieder genannt.
Genau diese Politikernamen sind auch auf einer Liste zu finden, die am Mittwoch von Newt Gingrich lanciert wurde. Gingrich, 83 Jahre alt und der Gatte der aktuellen US-Botschafterin in der Schweiz, gilt als Weggefährte des Präsidenten. Er besucht das Weisse Haus immer noch regelmässig und geniesst den Status eines «Elder Statesman».
Über Vance schrieb Gingrich auf X: «Ein beträchtlicher Teil des Glanzes ist verflogen.» Dabei hatte Gingrich den heutigen Vizepräsidenten vor zwei Jahren noch als «spektakulär» bezeichnet. «Er repräsentiert eine neue Generation von Ideen und Energie», schrieb er im Juli 2024.
DeSantis sagt: «Die Wähler vertrauen uns»
Rubio liess am Donnerstag erneut dementieren, dass er schon bald zurücktreten und für die Präsidentschaftswahlen 2028 kandidieren werde. Ein Sprecher bezeichnete einen entsprechenden Artikel als «Fake News».
Einen anderen Kurs schlug DeSantis ein. Der 48-Jährige nimmt offensichtlich einen neuen Anlauf aufs Weisse Haus. Dabei kommt dem Gouverneur entgegen, dass Florida am Dienstag der einzige grosse Staat war, in dem die Republikaner wichtige Wahlen gewannen.
Sein Erfolgsrezept? «Die Wähler vertrauen uns.» Im Gegensatz zu Washington mache er in Florida verlässliche Politik und reagiere auf Stimmungsumschwünge in der Bevölkerung, sagte DeSantis während mehrerer Fernsehauftritte. So sei der Kulturkampf «die Schlacht von gestern», ein klarer Seitenhieb gegen Vance. Und auf «Fox News» behauptete DeSantis: «Viele unserer Wähler, die zu Hause blieben, waren frustriert über die fehlende Produktivität der Republikaner im Repräsentantenhaus und im Senat.»
Weil DeSantis weitab von Washington politisiert, kann er sich diese deutliche Kritik an den Parteifreunden in der Hauptstadt leisten. Vance hingegen ist Teil der Bundesregierung. Und er kann es sich nicht leisten, den Präsidenten vor den Kopf zu stossen. Denn sollte Trump die Geduld mit seinem jungen Stellvertreter verlieren, hätte das katastrophale Folgen für Vance.


