Zwei Jahre nach dem Wahlsieg des Republikaners Donald Trump schlägt das Pendel in den USA zurück. Bei den Kongresswahlen am 3. November prognostizieren Meinungsforscher fast übereinstimmend einen Sieg der Demokraten.
Auch die politisch unabhängige Demoskopin Natalie Jackson geht von einem Sieg der bisherigen Oppositionspartei aus. In ihrer aktuellen Umfrage beziffert die Besitzerin des Instituts Centerline Research & Strategy den Vorsprung der Demokraten unter wahrscheinlichen Wählern auf acht Prozentpunkte.
Am Rande einer Podiumsveranstaltung an der University of Virginia nimmt sich die promovierte Politikwissenschafterin Zeit, um die drängendsten Fragen im Schlussspurt des amerikanischen Wahlkampfes zu beantworten – obwohl sie gerade «verrückte Tage» durchlebe, wie sie etwas erschöpft sagt.
Einer der wichtigsten politischen Verbündeten von Donald Trump hat diese Woche gesagt: «Ich glaube den Umfragen nicht. Sie sind falsch, weil sich Republikaner nicht mehr an solchen Erhebungen beteiligen.» Hat Mike Johnson, der Speaker des Repräsentantenhauses, mit dieser Aussage recht?
Natalie Jackson: Er hat ein bisschen recht. Republikanische Wählerinnen und Wähler nehmen tatsächlich seltener an Umfragen teil als Demokraten. Und zwar besonders dann, wenn es für ihre Partei schlecht läuft. Und für die Republikaner läuft es gerade gar nicht gut.
Wo liegt der Speaker falsch?
Die Umfragen müssten etwa zehn Prozentpunkte danebenliegen, damit die Republikaner die Demokraten noch überflügeln könnten. Selbst wenn alle Umfragen fehlerbehaftet wären, würde die Abweichung vielleicht zwei bis vier Punkte ausmachen – nicht zehn. Die Frage, die sich uns Meinungsforschern stellt, lautet also: Steht uns am 3. November eine grosse demokratische Welle bevor, ein Erdrutschsieg, oder ein normaler Wahlerfolg?
Am Sieg der Demokraten gibt es also nichts mehr zu rütteln?
Selbst wenn man mit republikanischen Wahlkampfstrategen spricht, dann sehen diese Berater kaum etwas, das die Aussagen von Mike Johnson stützen würde. Aber als Sprecher des Repräsentantenhauses kann man ein paar Wochen vor der Wahl natürlich nicht sagen, dass man verlieren wird. Man muss die Zuversicht aufrechterhalten.
Im Kern trifft die Aussage von Johnson aber einen wunden Punkt, nicht? Die US-Umfragen unterschätzten vor den letzten Präsidentschaftswahlen, wie gross die Unterstützung für Trump war. Wie gehen Sie vor, damit Ihnen das nicht erneut passiert?
Das ist die Frage, auf die alle Meinungsforscher gern eine Antwort hätten. Grundsätzlich analysieren wir die letzte Wahl und passen dann unsere Modelle an. In gewisser Weise orientieren wir uns also immer an der Vergangenheit. Mit meinem Unternehmen versuche ich, vorauszuschauen und verschiedene Bevölkerungsgruppen genauer zu betrachten. Zum Beispiel schaue ich mir die Religion der Wähler an. Wir wissen ungefähr, wie die religiöse Zusammensetzung der amerikanischen Bevölkerung aussieht. Können wir das nutzen, um die politische Landschaft besser abzubilden?
Wie würde das in der Praxis aussehen?
Die treuesten Wähler der Republikaner sind weisse Evangelikale. Sie machen etwa 13 Prozent der Bevölkerung aus, aber teils bis zu 17 Prozent der Wählerschaft. Ihr Anteil unter den Wählenden ist also überproportional hoch. Kürzlich sah ich in einer meiner Umfragen, dass der Anteil der Evangelikalen nur etwa halb so gross war wie erwartet. Also fragte ich mich: Gibt es einen Grund, warum derart viele von ihnen nicht wählen gehen wollen? Und meine Erfahrung sagt mir, dass es dafür keine Anzeichen gibt. Selbst in einem schlechten Jahr für die Republikaner würden wir erwarten, dass sie weiterhin an die Urne gehen.
Evangelikale Wähler könnten theoretisch aus den gleichen Gründen wie der Rest der Bevölkerung wütend über die Republikaner sein.
Klar, das ist möglich. Alles ist möglich. Aber ich glaube nicht daran. Selbst in den Midterms 2006 und 2018, in denen die Republikaner Verluste erlitten, sind die Evangelikalen wählen gegangen. Und Trump hat etwas erreicht, worauf diese Gruppe 50 Jahre lang hingearbeitet hatte. Er hat Richter für den Supreme Court nominiert, die das nationale Recht auf Abtreibung gekippt haben.
Das Wahlverhalten einer Bevölkerungsgruppe kann sich ändern. Wie stellen Sie sicher, dass Sie Ihre Umfragen nicht zu stark zugunsten der Republikaner korrigieren?
Traditionell machen wir uns eher Sorgen um Republikaner, die sich nicht ausreichend an Umfragen beteiligen. Aber, ja: Die Gefahr ist, dass wir es mit diesen Korrekturen übertreiben. Darum orientieren wir uns nicht an der Wählerschaft des Urnengangs 2024. Denn diese begünstigte Trump, der vor fast zwei Jahren landesweit mit einem Vorsprung von 1,5 Prozentpunkten gewann.
Trump reist derzeit kreuz und quer durchs Land und ruft seinen Fans zu: «Tut einfach so, als stünde ich auf dem Wahlzettel!» In Ihren Umfragen sehen Sie also keine Belege dafür, dass diese Strategie den republikanischen Kandidaten hilft?
Bei Trumps Basis funktioniert das sicher, aber diese Gruppe ist relativ klein. Sorgen machen sollten sich die Republikaner um die Menschen, die von Trump nie besonders begeistert waren. Sie fanden gut, dass er Probleme anpackt, die ihnen wichtig sind. Aber nun könnten sie abspringen, weil der Präsident sich nicht mehr auf diese Themen konzentriert.
In diesem Zusammenhang werden immer wieder die Latino-Wähler genannt, die 2024 stark nach rechts rückten. Folgt nun die Kurskorrektur?
Hispanische Wähler sind schwierig zu erfassen. So führen viele Umfrageinstitute keine Interviews auf Spanisch durch – das ist ein Fehler, wenn man diese Gruppe wirklich verstehen will. In diesem Herbst rechne ich damit, dass diese Bevölkerungsgruppe sich wieder stärker den Demokraten zuwendet. Der Trend deutet darauf hin, dass die Latinos politisch unabhängiger werden. Wir erwarten daher, dass sie je nach Wirtschaftslage und den aktuellen Entwicklungen zwischen den Parteien wechseln. Sie sind von einer schlechten Konjunktur besonders hart betroffen, auch wegen der Branchen, in denen viele arbeiten. Und natürlich spielt die Einwanderungspolitik eine Rolle.
Aber ein Latino-Wähler in Texas tickt anders als eine Latina-Wählerin in Florida, oder?
Richtig. Ein Teil des Unterschieds hängt davon ab, woher die Menschen stammen. Viele Latino-Wähler in Florida sind Kubaner, während es in Texas überwiegend Mexikaner sind. Das sind ganz andere Lebensumstände. Wer in Südflorida lebt, ist vielleicht vor einer linksautoritären Regierung geflohen und daher eher konservativ eingestellt.
Zurück zu den Umfragen: In der breiten Bevölkerung stösst Ihre Arbeit auf Skepsis. Man hält Ihnen immer wieder falsche Resultate vor. Ärgert Sie das?
Nein. (Lacht.) Ich kann die Kritik nachvollziehen. Auch ich finde eigentlich, dass diese Dauerberieselung mit Wahlkampfumfragen nicht sehr hilfreich ist. Der interessanteste Teil meines Berufes ist es, die Menschen zu fragen: Welche Themen sind ihnen wichtig? Was beeinflusst ihren Alltag? So können wir der Bevölkerung eine Stimme geben. Abgesehen von Wahlen gibt es nicht viele Gelegenheiten, bei denen Menschen gehört werden. Deshalb erfüllt Meinungsforschung eine bedeutende Funktion.
Das sind aber nicht diejenigen Umfragen, über die Medien in fetten Schlagzeilen berichten.
Sie erzeugen nicht so viel Aufmerksamkeit wie eine Erhebung über eine Wahl.
Meinungsumfragen, in denen politische Zweikämpfe im Zentrum stehen, werden derzeit im Stundentakt veröffentlicht. Haben Sie überhaupt Zeit, sich die Produkte der Konkurrenz anzuschauen?
Ein bisschen. Ich bin aber nicht so besessen davon wie viele andere. Man kann sich auch zu viele Umfragen anschauen.




