
In den Träumen von Kasun Chamika taucht immer wieder ein blonder Typ namens David auf. «Er sieht gut aus, ist jung, ein Instagram-Model, hat die Welt bereist», sagt Kasun Chamika, wenn er durch die Leere seines Zimmers blickt. «Er hat eine liebe Schwester und viel Geld.» David bewegte sich auf Facebook, wo er mit lockeren Unterhaltungen neue Kontakte knüpfte und früher oder später dann ein paar Tipps zu Finanzinvestitionen gab. Denn auch darin kannte sich David aus. Ein Typ, den man gern kennenlernt?
Den Job, für den er sich beworben hatte, gab es nicht
Wenn Kasun Chamika an diesen ungefähr gleichaltrigen Mann denkt, schüttelt es ihn, sagt er. «David war einer von vier Charakteren, die ich spielte.» Drei weitere habe es gegeben, mit denen er auf sozialen Medien Fremde ansprach, um deren Vertrauen zu gewinnen. «Als Köder hatte ich noch einen Typen und zwei hübsche Frauen», so Chamika. «Heute bereiten sie mir Albträume.» Denn mit diesen Personas hat der Mann aus Sri Lanka grossen Schaden angerichtet. Oder genauer gesagt: anrichten müssen.
Kasun Chamika, dessen Name zu seiner eigenen Sicherheit hier geändert ist, hat über längere Zeit als Scammer – oder Onlinebetrüger – gearbeitet. Er ist damit Teil einer Industrie gewesen, mit der auf die eine oder andere Art wohl schon jede Person, die das Internet nutzt, in Kontakt geraten ist: Früher war es der angebliche nigerianische Prinz, der akut Geld braucht, um noch viel mehr Geld freizulegen. Heute locken Versprechen hoher Renditen mit Kryptowährungen oder Ähnlichem. Die Gemeinsamkeit: Es wird viel Geld gestohlen.
Der Schaden ist immens. Allein in Europa wird er auf 50 Milliarden Euro geschätzt, weltweit sprechen Beobachter von einem bis zu dreistelligen Milliardenbetrag. Das entspräche dem, was eine mittelgrosse Volkswirtschaft in einem ganzen Jahr an Mehrwert produziert. Und die Tendenz ist stark steigend: Noch zu Beginn dieses Jahrzehnts galten die Betrugsmaschen als eher primitiv, sodass auch Potenziale begrenzt schienen. Doch längst boomt die Scambranche, und zwar weltweit.
Ihr Zentrum liegt in Südostasien, wie Kasun Chamika schmerzlich erfahren musste. «Es war mitten in der Pandemie, als ich dringend einen Job suchte», erinnert sich der junge Mann. Inmitten Lockdowns und Störungen globaler Lieferketten war die sri-lankische Wirtschaft in eine Rezession gestürzt, auch er hatte seine Arbeit im Hotelsektor verloren. «Da fand ich auf Facebook ein Jobangebot für Dateneingabe. Ich musste dafür Englisch und schnelles Tippen beherrschen. 1400 Dollar Monatslohn, Arbeitsort Thailand.»

Für jemanden aus Sri Lankas Mittelschicht klang das nach einem guten Angebot, also schickte Kasun Chamika 2022 eine Bewerbung – und bekam den Job. «Als ich am Flughafen Bangkok-Suvarnabhumi gelandet war, führte mich ein Typ, der ein Foto von mir hatte, direkt zu einem Van.» Alles sei so schnell gegangen, dass Chamika nicht mal lokales Internet auf seinem Smartphone freischalten konnte. «Hinten im Auto sass noch eine junge Frau. Wir sprachen kaum. Es ging über Landstrassen, stundenlang.»
Als die Sonne untergegangen ist, verlangen Fahrer und Beifahrer, das Fahrzeug zu wechseln. «Dann standen um die 15 Männer um uns, verluden uns. Wehren konnten wir uns nicht.» Bald geht es per Boot über einen Fluss, zu einem Gebäudekomplex. «In einem Büro mussten wir Dokumente unterschreiben und bekamen lange Ausdrucke von Unterhaltungen in die Hand gedrückt. Bis zum nächsten Morgen sollten wir sie alle lesen.» Es sind Musterchats, die Kasun Chamika noch mit Leben ausfüllen würde.
Was Kasun Chamika zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiss: Er befindet sich nicht mehr in Thailand, sondern im benachbarten Myanmar, wo seit einem Militärputsch im Februar 2021 ein Bürgerkrieg herrscht. Was er aber schnell verstanden hat: «Den Job, für den ich mich beworben hatte, gab es nicht. Hier musste ich mit Fake-Identitäten Menschen betrügen.» Und beim Versprechen «Gratisunterbringung», wie es in der Ausschreibung geheissen hatte, handelt es sich um ein enges Hochbettzimmer für acht Personen.
Und dann wurde gearbeitet, oft 12 bis 16 Stunden: In dunklen Räumen, gefüllt mit Computern, die auf schnellem Internet laufen, legt sich Kasun Chamika Profile auf Facebook und Tinder an, basierend auf geklauten Fotos, zu denen er sich eine Story überlegt und diese in ein Excelfile einträgt. «Dann mussten wir auf diversen Plattformen Kontakte aufbauen.» Wie das geht? «Bei Tinder likt man einfach jedes Foto. Irgendwann likt dich jemand zurück. Und auf Facebook kommentiert man fremde Bilder.»
Ab und zu reagiere schon jemand. Dass Kasun Chamika ausser Englisch keine weitere Fremdsprache beherrscht, ist kein Hindernis dafür, Opfer in allen Ländern zu finden. KI-Modelle übersetzen seinen Text schnell in die gewünschte Sprache. Und ist der Kontakt erst aufgebaut, übernehmen seine Bürokollegen, locken die Personen für Kryptoinvestments auf selbstgebaute Seiten, die in Wahrheit Fallen sind. Wer dorthin Geld transferiert, wird keine Rendite erhalten. Er oder sie hat an eines dieser Scamzentren überwiesen.
Aus Casinos werden Betrugszentren
Laut der Organisation Cyber Scam Monitor, die die Zentren observiert, operieren allein in Südostasien mehr als 300. Sie befinden sich vor allem dort, wo staatliche Strukturen schwach sind oder die Anfälligkeit für Korruption hoch, etwa in Myanmar, Laos, Kambodscha oder den Philippinen. Oft florieren sie in Konfliktgebieten, allerdings auch dort, wo zuvor in Grenznähe zu China Glücksspielzentren gewachsen waren, ehe diese auf Druck aus Peking schliessen mussten – woraufhin aus Casinos Scamzentren wurden.

Hunderttausende arbeiten in den oft streng bewachten Anlagen – unter sklavenhaften Bedingungen. «Die meisten Opfer werden über Onlineplattformen gelockt», sagt Andrey Sawchenko von der NGO International Justice Mission, die für Opfer der Scamindustrie arbeitet. «In grossem Ausmass geschieht dies in Südostasien. Aber Personen, die auf die Anlagen entführt werden, haben wir aus mehr als 80 Ländern dokumentiert.» Denn auch die Maschen gegenüber jenen, die dann zum Betrug gezwungen werden, seien raffiniert.
Vorbei sind offenbar die Zeiten, in denen eine gefälschte E-Mail-Adresse oder ein mit Photoshop gefaktes Dokument mit dem blossen Auge schnell als Betrug entzifferbar ist. Mit Künstlicher Intelligenz, Deepfakes und sogar Fake-Videochats werden auch misstrauische Personen schnell in die Irre geführt. «Die Scamindustrie hat es heute auch auf gut ausgebildete Personen abgesehen», erklärt Andrey Sawchenko über Videogespräch von Bangkok aus. «Und sie spielt mit den Hoffnungen junger Menschen.»
So muss es auch die Indonesierin Angela Girlani erfahren. Die Marketingexpertin aus Jakarta war von ihrer einstigen Nachbarin in die philippinische Hauptstadt Manila gelockt worden. «Ich kannte sie von früher», erzählt Angela Girlani, die ihren wahren Namen ebenfalls geheim hält. «Wir waren in derselben Kirchengemeinde. Und sie sagte, in Manila gebe es einen gutbezahlten Marketingjob für 30 Millionen Rupien (rund 1400 Franken) Basisgehalt. Ich müsse nur herkommen. Dann werde mein Arbeitsvisum geregelt.»

Als die heute 44-jährige Girlani um 2023 nach Manila reist, erhält sie vor Ort ihren Pass nicht mehr zurück. «Mir wurde dann erklärt, worin mein Job bestehen sollte: Neue Scammer anwerben. Ich verweigerte. Aber damit ich meinen Pass zurückerhielt, hätte ich 60'000 philippinische Peso (rund 800 Franken) zahlen sollen. So viel Geld hatte ich nicht!» Also musste auch sie auf eine dieser Anlagen ziehen, auf denen sie rund um die Uhr bewacht wird. «Ich wollte das alles nicht. Aber ich fürchtete um mein Leben.»
Die Lebens- und Arbeitsumstände für Angela Girlani in Manila ähneln denen, die Kasun Chamika in Myanmar erfährt. «Es gibt strenge Umsatzvorgaben. Wer sie nicht erreicht, wird gefoltert.» Chamika sei einmal an den Kopf getreten worden, als er am Computer im Schneidersitz gesessen sei. Über Angela Girlanis Alltag hängt die Drohung, dass man auch ihre Leber verkaufen könne. Beide sagen unabhängig voneinander: «Es herrschte ein Klima der Angst. Unsere Handys hatten sie eingesackt. Wir konnten nur gehorchen.»
Im Schutz des Staates
Die Scamindustrie ist nicht nur riesig, sie ist auch mächtig – was den bereits laufenden Kampf gegen sie umso schwieriger macht. In diversen Ländern, wo sich die Anlagen ausgebreitet haben, operieren sie nicht nur im Dunkeln, sondern auch im schützenden Schatten staatlicher Aufsicht. In Thailand trat im Oktober ein stellvertretender Finanzminister zurück, weil er Kontakte zu Scamzentren in Kambodscha gehabt haben soll. In Myanmar stehen Zentren unter dem Schutz des Militärs oder lokaler Armeen.
In den Philippinen hatte Alice Guo, Bürgermeisterin der Stadt Bamban, eine Anlage mitverantwortet. Und bevor der chinesische Unternehmer Chen Zhi – der mit der Prince Group wohl eines der grössten Scamzentren überhaupt managte – Anfang 2026 festgenommen und nach China ausgeliefert wurde, zählte er zum Beraterkreis von Hun Sen, der grauen Eminenz in Kambodschas Politik. Beobachter sehen Kambodscha schon als «Scamstaat», wo die Regierung von den Syndikaten unterwandert sei.
Was die Welt dagegen tun kann? Kasun Chamika zuckt mit den Schultern. Dass sich das Problem schnell lösen lässt, glaubt er nicht. «Aber man könnte viel mehr tun als bisher», meint er zu wissen. Nach monatelangen Versuchen haben es Chamika und einige Bürokollegen endlich geschafft: sie können einen Vorgesetzten davon zu überzeugen, sie gegen den Verzicht auf einen Monatslohn und ohne drohende Schüsse der Wachposten das Gelände verlassen zu lassen. Doch Anfang 2023 steht Chamika im Konflikt mit der thailändischen Justiz.
«Aus deren Sicht hatte ich mein Visum überzogen und mich ausserdem in einem illegalen Geschäft verdingt. Dabei tat ich ja nichts von alledem freiwillig!» Über Monate muss er sich gegenüber Behörden erklären. Vertreter der International Justice Mission helfen dabei, dass ihn die thailändischen Behörden nicht als Täter, sondern als Opfer einstuften. Ähnlich gelingt es auf den Philippinen, wo es auch Angela Girlani raus aus der überwachten Anlage geschafft hat.
«Aber unsere Fälle sind noch lange nicht die Regel», sagt Kasun Chamika, daheim an seinem Computer sitzend, die Füsse zum Schneidersitz überschlagen, als wollte er die Drangsalierungen aus dem Scamzentrum verarbeiten. «Ich weiss, dass mich viele in Europa als Täter sehen.» Um Entführten wie ihm zu helfen, gründet Kasun Chamika aktuell eine neue NGO namens Human Resilience Network. «Wir wollen Verfahren etablieren, mit denen wir Überlebenden die Anerkennung als Opfer erleichtern.»
Das würde nicht nur jenen Betroffenen helfen, die in abgeschotteten Büros gegen ihren Willen fremde Menschen betrügen müssen. Sondern ultimativ auch jenen, die auf diese Weise um ihr Erspartes gebracht werden. Denn beim Versuch, Scamzentren zu sprengen, könnten Behörden vielfach auf das Wissen derer zurückgreifen, die vor Ort beschäftigt gewesen sind.



