
Anwohner berichten, das ganze Wohnhaus habe gezittert, als der vermutlich aus der Distanz gezündete Sprengstoff explodierte. Es war am Montagabend um 21 Uhr. Wadim Jermolaiew wollte mit seiner Frau und einem seiner vier Söhne das Gebäude durch die gläserne Eingangstür verlassen. Das Ehepaar wurde schwer verletzt; sie schwebte die Nacht über in Lebensgefahr. Der 13-Jährige musste notoperiert werden.
Dass es sich um ein Attentat handelte, steht ausser Frage. Überwachsungskameras hatten einen Mann gefilmt, wie er beim Eingangsportal des Gebäudes in der Rue Révérend Père Louis Folla einen schwarzen Rucksack deponierte, um den Ort sofort zu verlassen. Später filmten Kameras, wie der Mann mittleren Alters die öffentliche Treppe Richtung Grenze hocheilte; auf der französischen Seite in Beausoleil angekommen, verlor sich seine Spur.
Jermolaiew ist in dem zwischen Frankreich und Italien gelegenen Fürstentum kein Unbekannter: Der Ukrainer geriet als Geschäftsmann mit Beziehungen zu Russland immer wieder in die Kritik. Im Fürstentum am Mittelmeer lebte er diskret, obwohl er seinen Reichtum nicht verbarg: Im Sommer 2022, also wenige Monate nach Beginn des Krieges in seinem Herkunftsland, wurde er vor dem berühmten Casino in Monaco neben seinem Bentley abgelichtet.

Medien in Kiew nannten Jermolaiew sarkastisch einen «VIP-Flüchtling». Der aus Dnipro stammende Geschäftsmann hatte sein auf 300 Millionen Euro geschätztes Vermögen zuerst mit Immobilien, Baumaterialen und Zahnmedizin gemacht. Nach 2014 investierte er auf der russisch besetzten Halbinsel Krim in den Weinbau. Zu Exportzwecken wurde der Rebensaft als «ukrainische Produktion» ausgegeben.
Nicht nur deshalb belegte ihn der nationale Sicherheitsrat unter Präsident Wolodimir Selenski Ende 2023 mit Wirtschaftssanktionen. Eine ihm und einem Geschäftspartner gehörende estnische Versobank soll zudem Geldwäsche betrieben haben. Auf Presseberichte reagierte Jermolaiew mit Prozessdrohungen; als die Kritik nicht abriss, gab er die ukrainische Staatszugehörigkeit auf und erwarb den zypriotischen Pass, der ihn zum EU-Bürger machte.
In der Ukraine hatte der heute 58-jährige Oligarch nur noch wenig Freunde. Ob dies ein Motiv für den Anschlags hergibt, bleibt aber völlig offen. Der monegassische Staatsminister Christophe Mirmand erklärte am Dienstag, der mutmassliche Attentäter sei auf der Flucht, aber «identifiziert». Details nannte er nicht. In dem Steuerparadies Monaco wird der Anschlag auf die Familie Jermolaiew mit grosser Zurückhaltung behandelt, obwohl die Staatsführung die Ermittlungen zweifellos eng überwacht.

Albert II. sprach am Dienstag von einer «kriminellen Explosion», die ein «Schock für die Gemeinschaft Monacos» darstelle. Der Fürst bemüht sich seit 2022, den russisch-ukrainischen Konflikt vom «Felsen» (Rocher), wie das Fürstentum der Grimaldis genannt wird, fernzuhalten. Vor Kriegsbeginn hatten etwa 700 Russen in Monaco gelebt, ohne ihren Reichtum zu verhehlen. Wie an der ganzen Côte d’Azur verkauften sie aber heute ihre Villen zum Teil wieder. In die Lücke springen zum Teil reiche Ukrainer wie Jermolaiew. Sie waren vor 2022 weniger als hundert gewesen, zählen aber heute an die 400 Bürger Monacos.
Krieg kein Gesprächsthema
Zu Spannungen zwischen den zwei Gemeinschaften schien die neue ukrainische Präsenz bisher nicht zu führen. Die wichtigsten russischen Oligarchen wie Süleyman Kerimov oder Roman Abramowitsch leben ohnehin eher auf der französischen Seite an der Côte d’Azur, zumeist an der Luxusadresse des Cap Ferrat. In Monaco selbst äussern sich Geschäftsleute wie Dmitiri Rybolowlew, Besitzer des Fussballklubs AS Monaco und persönlicher Freund von Albert II., aus Prinzip nicht zum Krieg in der Ukraine.
Die ukrainischen Oligarchen wiederum lassen sich auch kaum zum Krieg vernehmen. Sie gelten in ihrem eigenen Land als schlechte Patrioten. Der Geheimdienst in Kiew zählte und überprüfte 2022 insgesamt 84 ukrainischen Oligarchen an der Riviera, angeführt von den Milliardären Rinat Achmetov und Viktor Pintschuk, aber auch Jermolaiew. Sie werden in ihrem Land mit bissiger Ironie das «Monaco-Bataillon» genannt.
