Ukraine-Krieg

Europas Geschenk zum Feiertag: Milliarden, Patriots und geheime Baupläne

Pünktlich zum 35. Unabhängigkeitstag erhält Kiew neue Zusagen seiner europäischen Verbündeten. Sie sollen die Ukraine besser vor Russlands Raketen schützen. Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Mitbringsel im Gepäck: Wolodimir Selenski überreicht Premierminister Andy Burnham (rechts) an der Zeremonie zum ukrainischen Unabhängigkeitstag eine Dankesurkunde an das britische Volk.
Bild: Efrem Lukatsky/AP

Zum 35. Unabhängigkeitstag erhält die Ukraine neue Unterstützung für ihren Abwehrkampf gegen Russland. Die EU gibt Milliarden für Waffen frei, Frankreich beschleunigt die Lieferung von Abfangraketen, Grossbritannien hilft beim Aufbau einer eigenen Raketenproduktion – und Deutschland hat Hunderte Patriot-Flugkörper zugesagt.

Für Kiew sind es wichtige Schritte auf dem Weg zu einer stärkeren und zunehmend eigenständigen Luftverteidigung gegen ballistische Raketen. Die Übersicht:

Was hat die Ukraine zum Unabhängigkeitstag zugesagt bekommen?

Die umfangreichste Unterstützung kommt von der EU. Brüssel gibt Verteidigungskredite über 6,1 Milliarden Euro frei. Das Geld kann unter anderem für Flugabwehr, Raketen, Munition und Radarsysteme eingesetzt werden. Damit sind für 2026 bereits rund 22 Milliarden Euro aus dem Verteidigungsanteil des europäischen Unterstützungskredits zugeteilt.

Welche Waffen erhält die Ukraine konkret?

Frankreich will die Lieferung von Abfangraketen und weiterer militärischer Ausrüstung beschleunigen. Deutschland wiederum hat laut Präsident Wolodimir Selenski rund 600 PAC-2-Abfangraketen für Patriot-Systeme zugesagt. Allerdings sollen diese erst 2027 und 2028 geliefert werden. Paris will Kiew zudem dabei helfen, weitere Länder mit Patriot-Systemen für Lieferungen zu gewinnen.

Warum sind Patriot-Raketen so wichtig?

Die grösste Schwachstelle der ukrainischen Luftverteidigung sind derzeit ballistische Raketen. Gegen russische Marschflugkörper kann Kiew verschiedene Systeme einsetzen, darunter IRIS-T und Hawk sowie Kampfflugzeuge. Für die Abwehr ballistischer Raketen sind die Möglichkeiten wesentlich begrenzter. Gerade dafür benötigt die Ukraine Patriot-Systeme und deren Abfangraketen.

Reichen die zugesagten Raketen für den kommenden Winter?

Nein. Die ukrainische Luftwaffe fordert laut Selenski 360 Patriot-Abfangraketen für das Winterpaket. Kiew hofft deshalb weiterhin auf Lieferungen aus den USA und wäre bereit, dafür zu bezahlen. Selenski spricht davon, fünf bis zehn Prozent der amerikanischen Bestände erhalten zu wollen. Das Problem ist die Produktion: Nach seinen Angaben werden jährlich nur etwa 600 Patriot-Raketen hergestellt, und die Trump-Administration zeigt sich nach anfänglicher Zustimmung immer unwilliger, an die Ukraine Raketenbestände abzugeben.

Auch der österreichische Militärexperte Markus Reisner dämpft im ORF-Interview die Erwartungen. Die Ukraine benötige ungefähr 50 Abwehrraketen pro Monat. Die europäische Produktion hinke diesem Bedarf deutlich hinterher.

Was tut Europa, um diese Abhängigkeit zu verringern?

Ein wichtiger Teil der neuen Unterstützung zielt nicht auf Lieferungen, sondern auf die Produktion in der Ukraine. Frankreich hat Kiew Lizenzen für die Herstellung von Aster-Abfangraketen für das SAMP/T-System und von Scalp-Marschflugkörpern zugesagt.

Grossbritannien will zudem bislang geheime Informationen über britische Komponenten des weitgehend baugleichen Storm Shadow freigeben und Frankreich beim Aufbau von Produktionslinien in der Ukraine unterstützen. Beim Besuch des britischen Premiers Andy Burnham zur 35. Unabhängigkeitsfeier in Kiew am Montag wurde eine entsprechende offizielle Ankündigung erwartet.

Wie reagiert Moskau auf diese Zusage?

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow verurteilte am Montag insbesondere das britische Hilfsangebot als «extrem negativ». Dieses würde «Öl ins Feuer» giessen und sich «gegen sämtliche Friedensbemühungen richten». Laut Agenturberichten sagte Peskow weiter, Russland würde bereits Zielinformationen zu möglichen künftigen Produktionsstandorten sammeln, um diese später ausschalten zu können.

Kann die Ukraine künftig ein eigenes Gegenstück zu Patriot bauen?

Zumindest arbeitet sie daran. Das Projekt «Freyja» von europäischen und ukrainischen Rüstungsunternehmen soll ein neues antiballistisches Raketensystem hervorbringen. Nach Angaben Selenskis ist das Projekt inzwischen von politischen Gesprächen in die technische Phase übergegangen. Bis ein solches System einsatzbereit ist, dürfte allerdings noch Zeit vergehen.

Und was macht die Ukraine bis dahin gegen russische Raketen?

Kiew versucht zunehmend, die Raketen auszuschalten, bevor sie abgefeuert werden. Die ukrainischen Streitkräfte haben eine Operation gestartet, bei der mobile russische Abschussrampen nahe der Grenze aufgespürt und angegriffen werden sollen. Am Wochenende sei dabei ein Iskander-Werfer getroffen worden, sagte Selenski.

Der ukrainische Präsident behauptet, erste Auswirkungen seien bereits sichtbar: In einem Fall hätten russische Streitkräfte einen vorbereiteten Angriff nicht ausgeführt. Für die Ukraine eröffnet sich damit neben der klassischen Flugabwehr eine zweite Verteidigungslinie – nicht nur Raketen am Himmel abzufangen, sondern ihre Abschussmöglichkeiten bereits am Boden zu bekämpfen.

Ist die Ukraine damit für die nächsten russischen Angriffswellen gerüstet?

Längst nicht ausreichend. Die europäischen Zusagen bringen zusätzliches Geld, mehr Abfangraketen und vor allem Perspektiven für eine eigene Produktion. Kurzfristig bleibt jedoch der Mangel an Abfangraketen gegen ballistische Geschosse die entscheidende Schwachstelle. Genau deshalb verfolgt Kiew nun mehrere Wege gleichzeitig: schnellstmöglich zusätzliche Patriots beschaffen, europäische Alternativen entwickeln, Waffen selbst produzieren – und russische Abschussrampen zerstören, bevor sie zum Einsatz kommen.

Wie gross ist der Leidensdruck in der Ukraine?

In einem Wort: enorm. Die russischen Raketenangriffe setzen die ukrainische Flugabwehr unablässig unter Druck. Die Folgen sind tragisch: Im Monat Juli wurden 437 ukrainische Zivilisten bei Luftangriffen getötet, darunter viele Kinder und Jugendliche. 2610 wurden verletzt, wie offizielle Statistiken auflisten.

Der verheerende Jetdrohnen-Angriff auf einen Supermarkt in Selenskis Geburtsstadt Krivii Rih am 21. August hat international für Entsetzen gesorgt. Allein bei diesem Angriff kamen 16 Menschen ums Leben, unter den 130 Verletzten befanden sich 23 Kinder.

Zweifellos steht die Ukraine vor weiteren schweren Wochen und Monaten: Aus Mangel an militärischen Siegesoptionen eskaliert der Kreml seine Luftoffensive immer weiter, mit dem offensichtlichen Ziel, die Moral der ukrainischen Bevölkerung zu brechen. Irgendwelche ethischen Bedenken scheinen dabei nicht zu existieren.

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