Glosse

Das harte Los der Hinterbänkler: Wenn einfach kein Journalist anruft

Das Bundesratskarussell hat noch nicht richtig Fahrt aufgenommen. Für alle Hinterbänkler und Möchtegern-Papabili heisst das: Noch ist es nicht zu spät, sich ins Spiel zu bringen.

Für Nationalräte und Ständerätinnen ist es, wie wenn du als Fussballprofi von Murat Yakin nicht für die Nati aufgeboten wirst: Wenn einfach kein Journi dich anruft, um zu fragen, ob du für die Nachfolge von Guy Parmelin kandidieren willst. Gut zehn Tage ist es her, seit der Bundespräsident seinen Rücktritt auf Ende Jahr angekündigt hat.

Es ist eine lange Zeit für all jene SVP-Fraktionsmitglieder, die bisher nicht einmal von ihrer Quartierzeitung als mögliche Regierungsmitglieder ins Spiel gebracht worden sind: Barbara Steinemann, Bruno Walliser oder Sandra Sollberger zum Beispiel. Auch von Nina Fehr-Düsel oder Roberta Soldati gibt es keine Hinweise auf Bundesratsambitionen – obwohl doch von allen Seiten eine Frau ins Spiel gebracht wird. Dieses Kriterium erfüllt Mauro Tuena zwar nicht, doch könnte er die Minderheit der Zürcher in der Regierung vertreten. Bloss: Sogar Mauro Tuena wurde, soweit ersichtlich, bisher nicht als Bundesratskandidat gehandelt.

Das sind die Härten eines Politikerlebens, die mit keinem Sitzungsgeld abgegolten werden.

Tuena kann sich trösten: Gemäss einer Online-Recherche fehlen bisher rund 45 SVP-Parlamentarierinnen und Parlamentarier auf der Liste möglicher Papabili. Mit anderen Worten: Zwei Drittel der SVP-Fraktion gelten Stand heute als (noch) nicht bundesratsfähig. Und all die bewährten Regierungsrätinnen und Staatsräte in den Kantonen sind da noch gar nicht mitgezählt. Dabei besteht kein Zweifel: Mit dem Satz «Ich überlege mir eine Kandidatur» könnten sie sich alle zitieren lassen. Ungelogen.

Im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe rufen wir deshalb all die Übergangenen und Unterschätzten auf: Melden Sie sich, anonym, bei unserer Redaktion. Wir werden umgehend zurückrufen und sie fragen, ob sie für eine Bundesratskandidatur zur Verfügung stehen. Und dann können sie sagen, dass sie diese Frage mit ihrer Partnerin oder dem Ehemann gründlich erörtert hätten. Es sei ein reizvolles Amt und ja, natürlich sähe man sowohl im Justiz- wie im Verteidigungsdepartement grossen Handlungsbedarf, aber die Familie habe sich soeben einen Hund angeschafft. Vielleicht schildern Sie uns lieber, wie Sie seit Tagen von Ihrem Umfeld zu einer Kandidatur ermuntert werden, dieser Schritt aber jetzt gerade noch ein wenig zu früh komme. Vielleicht dann bei Röstis Rücktritt.

Oder Sie sagen uns einfach, wie es ist: Dass soeben Murat Yakin angerufen und Sie für die Nati aufgeboten habe. Beides zusammen gehe in Gottes Namen nicht.

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