Ukraine-Krieg

«Russisches WEF» in St. Petersburg eröffnet: Selenski blamiert Putin an dessen Heimspiel

Mit dem St. Petersburger Wirtschaftsforum will Kreml-Herrscher Wladimir Putin wirtschaftliche Stärke demonstrieren. Doch ukrainische Drohnenangriffe überschatten die Prestigeveranstaltung.
Für alle sichtbar: Passanten in der Fussgängerzone von St. Petersburg betrachten die schwarzen Rauchwolken.
Bild: Anadolu/Getty

Es ging schon schlecht los: Mitten in die Vorbereitungen für «Putins russisches WEF» platzte eine ukrainische Drohnenattacke. In der Nacht auf Dienstag griffen ukrainische Streitkräfte nach Angaben aus Kiew den Ölterminal von St. Petersburg sowie militärische Ziele auf der vorgelagerten Insel Kronstadt an. Über der Geburtsstadt des Kreml-Herrschers stiegen schwarze Rauchwolken auf, der Flugverkehr wurde zeitweise beeinträchtigt.

Dieser Angriff war alles andere als Zufall und geschah zu einem symbolträchtigen Zeitpunkt. Das St. Petersburger Internationale Wirtschaftsforum (SPIEF) gilt als Putins wichtigste Bühne, um wirtschaftliche Stabilität und internationale Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Seit dem Überfall auf seinen Nachbarn dient die Veranstaltung zunehmend dazu, den Eindruck zu vermitteln, Russland lasse sich weder durch westliche Sanktionen noch durch diplomatische Isolation schwächen.

Doch diesmal liess die Ukraine die Möglichkeit, dazwischenzufunken, nicht ungenutzt. Wie schon vor der Moskauer Mai-Parade signalisierte Kiew, dass Putin seine Prestigeanlässe nur noch unter dem Damoklesschwert ukrainischer Langstreckenattacken durchführen kann. Präsident Wolodimir Selenski sprach auf X von Angriffen auf «wichtige Einrichtungen» tief im russischen Hinterland.

Ukrainische Militärs veröffentlichten am Mittwoch Aufnahmen eines Drohnenschlags gegen die Korvette «Boikij», ein mit Lenkwaffen ausgerüstetes, modernes Kriegsschiff der Baltischen Flotte. Die «Boikij» wurde zuvor als Begleitschiff für Öltanker der russischen Schattenflotte in der Nord- und Ostsee gesichtet und dürfte nun während ihrer Werftüberholung in der Marinebasis von Kronstadt schwer beschädigt worden sein.

Trump entsendet Vertreter, die AfD auch

Diese Angriffe überschatteten den Auftakt der viertägigen Veranstaltung, an der neben Vertretern aus Asien, Afrika und dem Nahen Osten auch erstmals seit mehreren Jahren wieder ein Mitglied der US-Regierung teilnimmt. Gemäss russischen Agenturangaben wurde der Vorsitzende der US Commission of Fine Arts, Rodney Mims Cook, am Anlass erwartet. Damit will Moskau zeigen, dass es trotz des Bruchs mit dem Westen weiterhin internationale Gesprächspartner findet.

Politisch sorgten nach den ersten beiden Tagen Äusserungen russischer Hardliner für Aufsehen. Der ultranationalistische Ideologe Alexander Dugin und der Oligarch Konstantin Malofejew zeichneten in einer Veranstaltung Zukunftsszenarien für Russland bis 2050.

Wladimir Putn hat am Freitag am Wirtschaftsforum seinen grossen Auftritt.
Bild: Anatoly Maltsev/EPA

In ihrer «optimistischen Variante» erobert Russland weitere ukrainische Grossstädte, während die Europäische Union bis 2036 zerfällt. Das berichtete die Deutsche Presse-Agentur. Im Negativszenario verliert Russland den Krieg und wird langfristig kolonisiert, während die Ukraine der Nato beitritt. Das mittlere Szenario sagt Russlands Entwicklung im Schatten einer «amerikanisch-chinesischen Hegemonie» voraus.

Beobachter sehen in diesem und ähnlichen Programmpunkten den Versuch des Kremls, extreme Positionen öffentlich zu präsentieren und Putin dadurch als moderate Stimme erscheinen zu lassen.

Ähnlich viel Aufmerksamkeit wurde einem Treffen zwischen Gazprom-Chef Alexej Miller und dem AfD-Bundestagsabgeordneten Markus Frohnmaier zuteil. Nach Angaben Frohnmaiers wurde über eine mögliche Wiederaufnahme russischer Gaslieferungen nach Deutschland und über die Zukunft der Nord-Stream-Pipelines gesprochen.

Die 2022 zerstörten Leitungen bleiben ein Symbol für den tiefen Bruch zwischen Russland und Europa. Die Teilnahme mehrerer AfD-Abgeordneter und Wirtschaftsvertreter hat in Deutschland für massive Kritik gesorgt und wird als «Kniefall vor einem Kriegsverbrecher» gewertet. Über andere bekannte Besucher unter den rund 20'000 Teilnehmenden – etwa den polizeilich gesuchten Influencer Andrew Tate, den Dirigenten Justus Frantz oder Ex-Hollywood-Star Steven Seagal – wird im Westen als «Putins Fünfte Kolonne» gespottet.

Wladimir Putin selbst ist heute Donnerstag nach St. Petersburg gereist, um sich zunächst mit dem usbekischen Präsidenten und danach mit Vertretern von Nachrichtenagenturen zu treffen. Sein Auftritt am Hauptanlass des Forums findet am Freitag statt. Inhaltlich dürfte Putin in seiner Rede zwar wirtschaftliche Themen in den Vordergrund stellen. Kremlsprecher Dmitri Peskow kündigte jedoch an, dass auch politische Fragen zur Sprache kommen werden.

Angesichts der für ihn blamablen Drohnenexplosionen dürfte der Präsident bemüht sein, ein Bild von Kontrolle und Stabilität zu vermitteln. Die Bilder von brennenden Anlagen in seiner Heimatstadt und die grassierende Benzinknappheit machen jedoch auch dem letzten seiner Untertanen klar, dass der Krieg inzwischen das russische Hinterland erreicht hat. So musste der russische Vizeregierungschef Alexander Nowak am Wirtschaftsforum einen Rückgang der vereinbarten Ölfördermengen zugeben.

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