
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Leitzinsen vorsichtshalber um einen Viertelprozentpunkt erhöht. Der Iran-Krieg hatte die Energiepreise in die Höhe gedrückt, und das hat wiederum die Inflation in der Eurozone stark erhöht, im Mai auf 3,2 Prozent. Die EZB musste etwas tun. EZB-Chefin Lagarde sagte: «Der Krieg erzeugt Inflationsdruck.»
In den USA hat die Notenbank Fed diese Woche ihren Leitzins zwar gleich hoch belassen, zwischen 3,5 und 3,75 Prozent. Aber auch die Fed musste auf den Iran-Krieg reagieren. Die Inflation ist im Mai unter anderem deshalb auf 4,2 Prozent gestiegen. Deshalb rechnet jetzt neu die Hälfte aller Fed-Offiziellen, die Schätzungen abgaben, gegen Ende Jahr mit steigenden Leitzinsen. Das reichte. Die Zinsen auf US-Staatsanleihen sind deutlich gestiegen.
Die Schweizerische Nationalbank (SNB) macht es nun anders. Sie belässt ihren Leitzins bei null Prozent. Obschon laut dem Landesindex der Konsumentenpreise der Preis von Heizöl im Mai zum Vorjahresmonat stark gestiegen ist, und Diesel und Benzin deutlich teurer geworden sind. Und obwohl auch Flugbenzin mehr kostet, weshalb man für Flugreisen gerundet 6 Prozent mehr zahlen muss als noch vor einem Jahr.
Doch die Schweiz ist eines der Länder, in denen die Konsumenten im internationalen Vergleich besonders wenig ausgeben müssen für Energie – gemessen an ihren gesamten Ausgaben. Deshalb ist die Inflation hierzulande insgesamt im Mai lediglich um 0,6 Prozent gestiegen. Das alles muss der SNB wenig Sorgen machen. Sie sieht die Preisstabilität bis zu einer Inflation von 2 Prozent gewahrt.
SNB-Präsident Martin Schlegel begründete den Entscheid damit, dass die Inflation zwar infolge der höheren Energiepreise in den vergangenen Monaten angestiegen sei, der mittelfristige Inflationsdruck aber gegenüber der letzten Lagebeurteilung praktisch unverändert sei. Schlegel sagte deshalb: «Unsere Geldpolitik ist angemessen, um die Inflation im Bereich der Preisstabilität zu halten, und sie stützt die Wirtschaftsentwicklung.»
Mit anderen Worten: Anders als nach Corona und dem russischen Angriff auf die Ukraine bleibt der Schweiz dieses Mal ein Inflationsschock anscheinend erspart. Damals stieg die Inflation auf über 3 Prozent an und die SNB war zu Leitzinserhöhungen gezwungen. Sie ging hinauf bis auf 1,75 Prozent.
Schon damals stieg die Inflation jedoch in der Schweiz weit weniger stark als im Ausland. In der Eurozone sprang die Jahresteuerung in einem Monat gar über die Marke von 10 Prozent. Die EZB musste damals ihren wichtigsten Leitzins bis auf 4,5 Prozent erhöhen.
Es war ein globaler Inflationsschock und Zentralbanken in Neuseeland oder Kanada mussten ihre Leitzinsen ebenfalls in die Höhe schrauben. In beiden Ländern hat dieser Zinsschock dazu geführt, dass die Immobilienpreise bis zuletzt weiter gefallen sind.
Der Zinsentscheid der SNB bedeutet auch, dass der Tagesgeldsatz Saron gleich bleibt, zu welchem Banken einander über Nacht ihr Geld leihen. Wie Fredy Hasenmaile, Chefökonom der Raiffeisenbank ausführt, werden sich damit auch die Zinsen auf Saron-Hypotheken kaum bewegen. Die Zinsen auf langfristige Hypotheken sind zuletzt etwas gestiegen, so Hasenmaile. Allzu viel weiter in die Höhe werde es jedoch nicht gehen.
Der Aufwärtstrend bei den Zinsen auf langfristige Hypotheken wurde unter anderem durch den Energiepreis-Schock angetrieben. Dadurch hatte die Gefahr zugenommen, dass auch die Schweizerische Zentralbank zum Mittel von Leitzinserhöhungen würde greifen müssen. Diese Gefahr scheint nun weitgehend gebannt zu sein.
Preiswachstum bleibt hoch
Die Inflation ist bisher in der Schweiz nicht allzu stark gestiegen. Und die Energiepreise sollten in den kommenden Monaten wieder sinken. Denn US-Präsident Donald Trump scheint sich mit dem Iran einigen zu können.
Trump muss dafür zwar, wie die «New York Times» schreibt, dem Iran für minimale Zugeständnisse wichtige Wirtschaftshilfen gewähren. Aber gemäss dem vorläufigen Abkommen wird der Iran die Strasse von Hormus wieder freigeben, zumindest für 60 Tage.
Bei den Immobilien werde das Preiswachstum sogar «eher noch etwas stärker zulegen», sagt Hasenmaile. Denn mit dem SNB-Entscheid bleiben die Zinsen sehr tief und damit auch die Hypotheken günstig für den Kauf eines Hauses oder einer Wohnung. Die Nachfrage nach Immobilien dürfte deshalb hoch bleiben.
Zugleich ist das Angebot voraussichtlich knapp. Dies unter anderem, weil sich laut der ETH-Expertin Sibylle Wälty viele Städte gegen eine Forcierung des Wohnbaus sperren würden.
Unterdurchschnittliches Wachstum der Wirtschaft
Ein weiteres Mal scheint die Schweiz einen Inflations-Schock vergleichsweise gut zu überstehen. Hingegen läuft es ihr nur mässig, was das Wirtschaftswachstum angeht. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) rechnet für 2026 nur mit einem «deutlich unterdurchschnittlichen Wachstum» von 0,9 Prozent.
Die höhere Inflation bremst die privaten Konsumausgaben. Gleichzeitig werde die Schweizer Exportwirtschaft belastet durch das verhaltene Wachstum der Weltnachfrage. Das wiederum wirke dazu, dass die Investitionen geschwächt werden.




