Die Entscheidung Selenskis, den beliebten Verteidigungsminister Michajlo Fedorow abzusetzen, hat in der Ukraine zu einer innenpolitischen Krise geführt. Denn dessen Abberufung löste in Kiew und anderen Städten Massenproteste aus. Die Demonstranten forderten zweierlei: Dass der 35-jährige erfolgreiche Ex-Digitalminister Fedorow wieder zum Verteidigungsminister ernannt wird und die sofortige Entlassung von General Sirski. Letzterem ist der Präsident nun nachgekommen.

Neuer Armeechef soll Michajlo Drapatyj werden, wie Selenski am Dienstag in sozialen Medien mitteilte. Der Streit zwischen Sirski, der seine Militärkarriere noch in der Sowjetunion begann, und dem früheren Digitalminister Fedorow hat tiefe Spaltungen zwischen der alten Garde des Militärs und jungen Innovationstreibern offengelegt.
Viele Ukrainerinnen und Ukrainer sind überzeugt, dass Fedorow der Ukraine durch die Förderung innovativer Drohnentechnologie in seiner nur sechsmonatigen Amtszeit Vorteile auf dem Schlachtfeld verschafft hat. Aus Sicht von Beobachtern ging er zudem gegen Korruption innerhalb des Militärs vor. Aus Militärkreisen gab es zugleich auch offene Unterstützung für Sirski.

Ausdrücklich dankte Selenski dem scheidenden General und würdigte seine militärischen Verdienste. Der Präsident hatte angesichts fortdauernder Proteste gegen die Entlassung von Fedorow seit Tagen Gespräche mit Militärs geführt, wie er auf der Plattform X mitteilte.
Schon am Samstag hatte er in seiner täglichen Videoansprache angesichts der Strassenproteste gesagt, dass er darauf höre, was die Leute sagen. Er habe auch lange mit Fedorow und Sirski gesprochen, sagte er. Am Dienstagabend folgte nach Angaben von Selenskis Sprecher Dmytro Lytwyn ein weiteres Gespräch mit Fedorow. Zu dessen neuer Rolle gab es zunächst keine Angaben.
Die Ukraine wehrt sich seit mehr als vier Jahren gegen die russische Invasion. Sirski war seit Februar 2024 Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte. Der aus Russland stammende 60-jährige Berufsmilitär hat sich vor allem bei der Verteidigung von Kiew und der erfolgreichen Gegenoffensive im Raum Charkiw 2022 verdient gemacht. (dpa/chm)


