
Das Spitzenpersonal der Bundesverwaltung besteht meist aus grauen Mäusen. Helene Budliger Artieda ist unter ihnen der bunte Hund. Während selbst politisch Interessierte die meisten Staatssekretärinnen kaum kennen, sucht die Luzernerin die Öffentlichkeit – und scheut auch den Konflikt nicht. Spätestens mit den turbulenten US-Zollverhandlungen rückte sie ins Rampenlicht.
Nun hat die 61-Jährige gekündigt. Sie tritt per Ende März 2027 als Chefin des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zurück, wie der Bund am Mittwoch mitteilte. Offizielle Begründung: Budliger Artieda wolle für die letzten Jahre ihrer beruflichen Laufbahn nochmals «eine neue Herausforderung» suchen. Wohin es sie zieht, ist noch nicht bekannt. Ihr Chef, Wirtschaftsminister Guy Parmelin (SVP), bedauert diesen Schritt laut Medienmitteilung sehr.
Budliger Artieda war es, die nach dem 39-Prozent-Zollhammer von US-Präsident Donald Trump vom 1. August 2025 die festgefahrenen Verhandlungen wieder ins Laufen brachte. Sie setzte dabei auf das Netzwerk des «Teams Switzerland» um Partners-Group-Boss Alfred Gantner. Dies tat sie mit der Rückendeckung von Parmelin.
Dem als uneitel geltenden Waadtländer Weinbauern schien es lange nichts auszumachen, dass ihm seine durchsetzungs- und meinungsstarke Chefbeamtin oft die Schau stahl und ihm auch mal öffentlich widersprach. Die beiden galten gar als «Dream Team».
Einige Stunden vor der offiziellen Abgangsbestätigung hatte der «Blick» jedoch gestützt auf «gut unterrichtete Quellen» berichtet, dass Parmelin seiner Staatssekretärin bereits einige Wochen zuvor nahegelegt habe, einen vorzeitigen Rücktritt zu prüfen. In Parmelins Departement bestreitet man diese Darstellung vehement.
Parlament untersucht mögliche Amtsgeheimnisverletzung
Doch auch gegenüber «Schweiz heute» heisst es aus dem Umfeld der Landesregierung, das Verhältnis zwischen Budliger und Parmelin sei seit Monaten extrem schlecht: «Es giiget nicht mehr», sagt eine Quelle gegenüber dieser Redaktion. Zwar habe die Seco-Chefin immer Resultate geliefert, namentlich mehrere grosse Freihandelsabkommen ausgehandelt. Dennoch sei es dem SVP-Bundesrat zunehmend schwergefallen, Budligers Dominanz hinzunehmen – so soll sie versucht haben, Parmelin in Richtungen zu drängen, die seinen politischen Überzeugungen widersprachen. Klappte das nicht, habe sie ihn einfach übergangen.
Vor Kurzem wurde auch ein kurioser Konflikt innerhalb des Wirtschaftsdepartements ums Schweizerkreuz ruchbar. Während Budligers Seco sich im Zusammenhang mit der sogenannten «Lex On» für eine grosszügigere Auslegung der Swissness-Regeln eingesetzt hatte, bekämpfte Parmelin diese Haltung im Bundesrat mit einem Mitbericht. Wegen ihres Weibelns für die Schuhmarke On soll bereits die Geschäftsprüfungskommission (GPK) auf die Seco-Chefin aufmerksam geworden sein.
Dort ist Budliger Artieda kein unbeschriebenes Blatt. Seit dem Sommer 2025 untersucht die ständerätliche Geschäftsprüfungskommission (GPK-S) das Handeln des Bundes in den Zollverhandlungen mit den USA. Der Abschlussbericht wird in den nächsten Wochen erwartet. Untersucht werden soll unter anderem, ob die Seco-Chefin dabei eine Amtsgeheimnisverletzung begangen hat.
Wie der «Sonntagsblick» berichtete, soll die Kommission prüfen, ob vertrauliche Verhandlungspositionen freizügig mit privaten Akteuren – konkret den Wirtschaftsführern im «Team Switzerland» um Alfred Gantner – geteilt wurden.
Im Seco dürften viele froh sein
Während Budliger der GPK-S Auskunft gab, weil sie als Bundesangestellte gesetzlich dazu verpflichtet ist, wehrte sie sich andernorts vehement gegen Transparenz: Als ein Wirtschaftsredaktor der NZZ vom Seco um Einsicht in die Akten zur Zusammenarbeit mit dem «Team Switzerland» verlangte, soll Budliger persönlich bei der NZZ-Chefredaktion interveniert haben. Auch dem Eidgenössischen Datenschützer verweigerte sie die Akteneinsicht. «Ein aussergewöhnlicher Vorfall in Bundesbern», notierte der «Sonntagsblick», und fragte: «Was hat die Seco-Chefin zu verbergen?»
Eine mögliche Feststellung einer Amtsgeheimnisverletzung im bevorstehenden GPK-Bericht wäre ein denkbarer Grund für den Abgang, der im Seco und im Parlament für viele überraschend kommt.
Ein anderer: Ein Rücktritt von Wirtschaftsminister Parmelin in den kommenden Wochen. Manche werten Budligers Kündigung als weiteres Anzeichen dafür, dass das amtsälteste Bundesratsmitglied noch in der laufenden Herbstsession seinen Rückzug ankündigt. «Er löst mit Budligers Rücktritt ein gröberes Personalproblem und überlässt seinem Nachfolger einen ‹ordentlichen Stall›», sagt ein Insider.
Denn viele im Seco hätten die Zusammenarbeit mit Budliger als zunehmend schwierig empfunden: Dass sie extrem fordernd sei, sei nicht das Problem – das sei man sich gewohnt, sagt eine Quelle. Doch Budliger höre niemandem zu, wisse immer alles besser und brülle schon auch einmal jemanden nieder, der nicht so tue, wie sie will. Im Seco würden daher jetzt nicht nur Sektkorken knallen – man hole wahrscheinlich sogar den Champagner hervor.


