
Mecklenburg-Vorpommern, das Bundesland im Nordosten Deutschlands, gilt als strukturkonservativ. Ginge die Welt unter, so soll Otto von Bismarck angeblich gesagt haben, werde er nach Mecklenburg ziehen, denn dort geschehe alles fünfzig Jahre später.
Tatsächlich ist die Welt an der Ostseeküste aus Sicht von Deutschlands politischem Establishment wenigstens noch halbwegs in Ordnung, obwohl die AfD bei den Wahlen am Sonntag auch im Schweriner Landtag stärkste Kraft werden könnte. Von der Macht scheint sie indes weit entfernt zu sein; auch dass sie noch hinter die SPD zurückfällt, erscheint möglich.
Zu verdanken hat die Sozialdemokratie, die andernorts in Deutschland ums Überleben kämpft, ihre verhältnismässig komfortable Lage vor allem einer Frau: Manuela Schwesig, die das Bundesland seit neun Jahren regiert. Die 52-Jährige geniesst, was Sozialdemokraten in den Augen der Wähler allzu oft fehlt: Glaubwürdigkeit. «Authentizität» lautet das Modewort, das Marketingstrategen wohl mit ihr in Zusammenhang bringen würden.
Ihre Haltung zu Russland nimmt ihr im Osten kaum einer übel
Wenn die frühere Steuerfahnderin davon redet, ihr Vater sei nach der Wende arbeitslos geworden, können sich ostdeutsche Wähler darin ebenso wiedererkennen wie in ihrer Erzählung, als junge Frau in Frankfurt an der Oder habe auch sie zum Tanken nach Polen fahren müssen, weil ihr die deutschen Benzinpreise zu hoch gewesen seien.
«Oststolz», so sagt Schwesig bei einem Treffen mit ausländischen Journalisten in Rostock, sei «richtig und wichtig». Er dürfe aber nicht instrumentalisiert werden. Instrumentalisieren ist aus Politikerinnen-Sicht immer etwas, das der Gegner tut, in diesem Fall die AfD: Als Jugendliche, so erzählt die Ministerpräsidentin, sei sie auf einer «Simson» zum Baggersee gefahren. «Ostalgie», so die Botschaft, überlässt sie nicht der AfD, deren sachsen-anhaltischer Kandidat Ulrich Siegmund Ausfahrten auf dem DDR-Töffli zum festen Bestandteil seines Wahlkampfs gemacht hatte.
Selbst etwas, das vor allem Westdeutsche für Schwesigs grösstes Handicap halten, muss sich im Osten nicht unbedingt zu ihrem Nachteil auswirken: dass sich die Ministerpräsidentin einst für den Bau der Pipeline Nord Stream 2 eingesetzt hat, durch die russisches Gas nach Deutschland fliessen sollte. Je häufiger ihre Kritiker daran erinnern, desto eher dürften sich ihre Wähler in ihrem Gefühl bestätigt sehen, die Sozialdemokratin sei eine von ihnen. So profitiert Schwesig von einer ostdeutschen Gefühlslage, die sonst der AfD zugutekommt: Wir gegen das Berliner Establishment.
Das Land kommt vergleichsweise gut durch die Krise
Dass sie sich längst von ihrer einstigen Position distanziert hat und nun erklärt, mit einem Aggressor wie Wladimir Putin seien keine Geschäfte möglich, kann sie sich leisten. Zur Ukraine, so erklärt Schwesig, gebe es «unterschiedliche Meinungen im Land». Sie finde es ebenso falsch, jeden, der keine Waffen liefern wolle, «Putin-Versteher» zu nennen, wie sie es ablehne, die andere Seite als «Kriegstreiber» zu bezeichnen. So darf sich jeder von seiner Ministerpräsidentin verstanden fühlen.
Während viele Westdeutsche das Bundesland mit dem sperrigen Namen gern salopp «Meck-Pomm» nennen, bevorzugen Schwesig und ihre Leute das Kürzel «MV». Dass Journalisten das 1,5-Millionen-Einwohner-Land vor allem der AfD wegen beachten, scheint die Ministerpräsidentin zu stören. Sie redet lieber vom Wirtschaftswachstum, bei dem «MV» 2025 mit 1,4 Prozent an der Spitze in Deutschland lag. Dass das Land mit Tourismus, Werften, Landwirtschaft und erneuerbaren Energien breiter aufgestellt ist als Industrieländer wie Baden-Württemberg, hilft ihm in der Krise.
Vergleichsweise stabil dürften auch die politischen Verhältnisse in Schwerin bleiben: Selbst wenn ihre SPD am Sonntag einige Prozentpunkte hinter der AfD landen sollte, könnte Schwesig wohl ohne grössere Probleme eine Regierung bilden, etwa mit der Linkspartei und den Grünen. Schwierig für sie könnte es allenfalls werden, wenn die Grünen den Einzug ins Parlament verpassen sollten. Dann müsste die SPD-Politikerin die Christdemokraten dazu bringen, ihre Aversion gegen eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei zu überwinden.
Der AfD-Bankräuber taucht in fast jeder Wahlkampfrede auf
Dass Schwesig trotz ihrer guten Aussichten noch immer vor einer AfD-Regierung warnt, dürfte ein Versuch sein, in der Endphase des Wahlkampfs zuzuspitzen: «Frau gegen Blau» lässt die SPD unter Anspielung auf die Parteifarbe der AfD plakatieren. Diese, so wird die Ministerpräsidentin nicht müde, zu erwähnen, habe unter anderem einen Bankräuber und einen Mann, der mit Wehrmachtshelm herumlaufe, als Kandidaten für den Landtag aufgestellt.

Leif-Erik Holm, der Spitzenkandidat der AfD, eignet sich dagegen weniger gut als Feindbild: Redet der ehemalige Radiomoderator, könnte man meinen, einem konservativen Christdemokraten zuzuhören. Begriffe wie «Remigration» nimmt er nicht in den Mund. Für das Publikum ist er das freundliche Gesicht einer Partei, die deutlich weiter rechts steht als er selbst. Dass Holm nach der Wahl wohl Abgeordneter im Bundestag bleiben wird, statt nach Schwerin zu wechseln, hilft ihm im Wahlkampf kaum.
Vielleicht werden Schwesig und er sich in ein paar Jahren in Berlin wiedersehen: Sollte die Sozialdemokratin am Sonntag ordentlich abschneiden, wird sie zweifellos als mögliche Kanzlerkandidatin und Parteichefin gehandelt werden. Erfolg ist in der SPD schliesslich ein rares Gut.


