
Am Hafen von Poel stehen die alten Männer, rauchen und stecken ihre Köpfe zusammen. Ihr plattdeutscher Dialekt ist für den Aussenstehenden nicht immer leicht zu verstehen. Allzu viel reden sie ohnehin nicht; auf Fragen reagieren sie unwirsch. «Denen hat man wohl ins Gehirn geschissen», sagt einer von ihnen und meint die Leute, die wenige Meter entfernt auf einem Parkplatz stehen: So weit anzureisen wegen eines Wals, das will ihm nicht in den Kopf hinein.
Der Meeressäuger, von dem der Mann redet, liegt irgendwo draussen in der Bucht fest, die sich in die deutsche Ostseeinsel Poel hineinschneidet. Es ist ein strahlender Frühlingstag; gleissend liegt die Wasseroberfläche unter der Sonne da; am Horizont sind die mächtigen Kirchtürme und Industrieanlagen der nahen Hafenstadt Wismar zu erkennen.
Verschärfen die angeblichen Helfer die Leiden des Wals?
Der Wal ist schon vor Wochen vor Poel gestrandet. Man solle ihn sterben lassen, meinen die alten Männer; alles andere sei Tierquälerei. Mit dieser Ansicht stehen die pensionierten Fischer, Handwerker und Arbeiter der Wissenschaft näher als manch akademisch gebildeter Aktivist oder Politiker. Vor Jahrzehnten, so berichtet einer der Alten, sei ein Finnwal in der Bucht von Poel gelegen. Die Fischer hätten ihn damals zerlegt; aufgeregt habe sich niemand darüber.
Die selbsternannten Helfer, über deren Treiben viele der 2500 Insel-Bewohner den Kopf schütteln, füttern den 12 Meter langen Buckelwal, den manche von ihnen «Timmy» und andere «Hope» («Hoffnung») nennen, mit Shrimps und Makrelen, cremen ihm den Rücken mit Zinksalbe ein und decken ihn mit Tüchern ab, um ihn vor der Sonne zu schützen.
Ob sie die Leiden des scheuen Tiers damit wirklich lindern oder nicht doch eher verschärfen, ist eine Frage, die sie sich nicht zu stellen scheinen. Ihr erklärtes Ziel ist es, den Wal in einem Netz in die Nordsee zu schleppen und dort in Freiheit zu entlassen. «Den kriegen sie nie dorthin», sagt einer der alten Männer, zieht an seiner Zigarette und schüttelt den Kopf.

Die Geschichte des Wals ist vor allem eine Geschichte von getriebenen Menschen: Aktivisten und Influencer glauben, das Tier retten zu können; an Klicks orientierte Medien bewirtschaften das Thema seit Wochen mit Livetickern, als handle es sich um ein Weltereignis.
Der prominenteste Getriebene aber ist Till Backhaus, der Umweltminister des ostdeutschen Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern: Anfang April erklärte auch er noch, man solle das Tier sterben lassen. Nun redet er über den Wal, als handle es sich um einen Menschen: Er, Backhaus, verfolge einen «humanistischen Ansatz»; wem es am schlechtesten gehe, dem müsse geholfen werden. Von der «sozialen Intelligenz» der Wale könnten sich viele Menschen «eine Scheibe abschneiden».
Der Minister erhielt Morddrohungen
Die Kehrtwende des Sozialdemokraten dürfte unter Druck zustande gekommen sein: Von einer dreistelligen Zahl von Strafanzeigen gegen ihn berichtet der Minister – und von Morddrohungen, die auch seine Familie betroffen hätten. Eine Rolle könnte auch spielen, dass Mecklenburg-Vorpommern im September einen neuen Landtag wählt; Backhaus’ SPD dürfte dabei hinter die AfD zurückfallen.
Wer mit den Einheimischen redet, fragt sich allerdings, ob hier nicht ein Populist sein Publikum verfehlt, denn während sich die Politik von Medien, Aktivisten und Influencern vor sich hertreiben lässt, bleiben die Inselbewohner gelassen. Dass Backhaus, der seit sage und schreibe 28 Jahren als Minister amtiert, seine plötzliche deutschlandweite Bekanntheit vor Ort in Mecklenburg-Vorpommern in Wählerstimmen ummünzen kann, erscheint eher fraglich.
Es ist ein phlegmatischer Menschenschlag, der hier lebt; auch wer klagt, hebt kaum einmal die Stimme: Heute sei es ruhig, erzählt eine Frau in der Fischbude am Poeler Hafen, doch an den Wochenenden sei es schlimm. Aktivisten und Schaulustige führen dann rücksichtslos mit dem Auto über Felder und Wiesen und parkierten, wo sie wollten; einige erledigten auch ihre Notdurft in der freien Natur. Mittlerweile bewacht die Polizei die Zugänge zur Bucht.

Der Fischverkäufer klagt darüber, dass kaum noch Kunden kämen, sei der Hafenparkplatz doch seit Wochen von den selbsternannten Helfern belegt. In der Tat stehen dort zahlreiche Fahrzeuge der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft; ihre Kennzeichen zeigen, dass sie aus der ganzen Republik angereist sind. Für einen Wal, der wohl ohnehin sterbe, sei das etwas viel Aufwand, meint der Verkäufer, zumal selbst während der Badesaison viele Rettungsstationen auf Poel unbesetzt blieben.
Nebenan bereiten sich die ersten Fernsehteams auf ihre Liveschaltungen vor. Viel Neues zu sagen gibt es eigentlich nicht. Am Vorabend hat Minister Backhaus verkündet, ein Denkmal für den Wal errichten zu wollen; möglich sei etwa eine Figur aus Bronze. Eine «Mahnung für die Menschen» solle das Kunstwerk werden, sagte der Politiker; welchen Schluss die Menschen aus dem Fall ziehen sollten, erklärte er allerdings nicht.
Manche Wal-Aktivisten misstrauen den Regierenden
«Die Wahnsinnigen», so meint ein Handwerker, der sich auf dem Weg zur Arbeit ein Fischbrötchen holt, erkenne man bereits an ihrem Aussehen. Er meint damit die Leute, von denen einige seit Wochen auf Poel campieren, um ihre Solidarität mit dem Wal zu demonstrieren. Eine Aktivistin, so spottet der Mann, «sah aus wie aus der Mülltonne».
Die Wal-Fanatiker sind mehrheitlich Frauen; an diesem Donnerstagmorgen im Hafen von Poel sind sie allerdings eher rar gesät. Eine von ihnen ruht sich auf dem Friedhof der nahen Dorfkirche auf einer Bank aus. Heike ist aus Nordrhein-Westfalen gekommen, um, wie sie sagt, «einer geschundenen Kreatur beizustehen». Heruntergekommen sieht die Mittfünfzigerin nicht aus, eher wirkt sie in ihrer bunten Funktionskleidung wie eine patente Kindergärtnerin.
Seit einer Woche, so berichtet sie, sei sie nun auf Poel, um für den Wal zu beten und zu demonstrieren. Dafür, so sagt die Heilpraktikerin, habe sie Ferien genommen. Der Politik misstraut sie: Minister Backhaus behaupte zwar, das Tier retten zu wollen, warte aber in Wahrheit auf den Tod des Wals. Das, so erklärt Heike, «sagt mir mein Instinkt».
Den Einheimischen wirft die Frau Herzlosigkeit vor. Beim Bäcker oder im Kaufladen rede sie nur noch das Nötigste mit den Inselbewohnern. Wie lange sie sich noch auf Poel aufhalten wird, weiss Heike nicht: «Ich bleibe, solange der Wal mich braucht», sagt sie. Die Frage, wofür er sie brauchen sollte, vermag sie nicht zu beantworten.


