Sport

Gym-Bros statt Fussballclub: So treibt die Schweiz Sport

Einzeltraining statt Mannschaftssport: Schweizerinnen und Schweizer gehen lieber in Fitnesscenter als in Sportvereine. Auch das Skifahren gerät unter Druck.
Trainieren im Fitnesscenter boomt in der Schweiz.
Bild: Bid: Keystone

Wie viel Sport treibt die Schweiz?

Die Schweizerinnen und Schweizer stehen auf dem Podest. Hinter Finnland und Schweden schnappt sich die Schweiz die Bronzemedaille für die aktivsten Sporttreibenden in Europa. 52 Prozent aller Befragten gaben an, dass sie mehrmals pro Woche und insgesamt mindestens drei Stunden Sport treiben. Dazu kommen weitere 17 Prozent, die «mindestens einmal pro Woche, insgesamt zwei Stunden und mehr» Sport machen.

Demgegenüber gibt es nur 17 Prozent, die angeben, gar keinen Sport zu treiben. Zum Vergleich: In Portugal, wo die grössten Sportmuffel Europas wohnen geben 73 Prozent aller Befragten an, dass sie nie Sport machen. Auch in Deutschland (32 Prozent), Italien (56 Prozent) und Frankreich (45 Prozent) ist der Anteil an Menschen, die keinen Sport treiben, massiv höher.

In der Schweiz wurden rund 15'000 Personen ab 15 Jahren nach ihrem Sportverhalten befragt.

Also alles bestens?

Um im Sportlerdeutsch zu bleiben: Es läuft gut, aber wir dürfen jetzt nicht nachlassen. Während in den vergangenen Jahren der Trend stets nach oben zeigte, stagnieren die Zahlen nun. «Auf hohem Niveau», wie die Autoren der Studie und Bundesrat Martin Pfister an der Medienkonferenz betonten. Fraglich sei, ob der Sportboom seinen Zenit erreicht habe, oder ob es sich nur um einen Marschhalt handle.

Was sind die beliebtesten Sportarten?

Die Schweiz ist ein Land von Wanderern. Das Laufen auf gelb markierten Wegen ist des Schweizers liebste sportliche Aktivität. 49 Prozent aller Befragten gaben an, zu wandern oder bergzuwandern. Wie oft eine einzelne Person wandern war, spielte in der Studie keine Rolle. Die Studie spricht vom helvetischen Fünfkampf: Dazu gehören nebst Wandern noch Velofahren, Schwimmen, Skifahren und Joggen. Jede dieser Sportarten wird von mindestens einem Fünftel ausgeübt.

Doch die Vielfalt ist weit grösser: Die Befragten gaben 317 verschiedene Sportarten an. Das geht von Aqua-Fitness (1,2 Prozent) über Surfen/Stand-Up-Paddle (2,2 Prozent) bis zu Walking (3,2 Prozent). Auch Jassen wurde von einzelnen Menschen genannt – das haben die Autorinnen und Autoren aber nicht gelten lassen. Auch Grillsport und Baby-Tragen wurde der Status als Sportart nicht gewährt, wie es im Bericht heisst.

Und wo sind all die Gym-Bros und Fit-Girls?

Die sind vor allem: auf dem Vormarsch. Krafttraining und Muskelaufbau sind die am stärksten wachsenden Sportaktivitäten in der Schweiz. Rund jeder und jede Fünfte stählt ihren oder seinen Körper in einem Fitnesscenter oder macht Workouts daheim. Gegenüber der letzten Befragung vor sechs Jahren wuchs dieser Bereich um über 6 Prozentpunkte. Zum Vergleich: Noch im Jahr 2000 gab bei der Befragung kaum jemand Krafttraining als Sportart an.

Auffällig ist dabei auch, wie oft die Menschen ihre Muskeln trainieren: Im Durchschnitt betreiben sie an 100 Tagen pro Jahr Krafttraining. Das entspricht knapp zwei Trainingstagen pro Woche. Und eben, das ist ein Mittelwert: Es dürfte zahlreiche Menschen geben, die deutlich öfter Hanteln stemmen.

Ebenfalls stark gewachsen sind Yoga und Pilates. Sie liegen damit ebenfalls nur noch knapp hinter den Disziplinen des «helvetischen Fünfkampfs».

Wenn die Fitnessbesuche so stark gewachsen sind, was ist dann geschrumpft?

Zu den grossen Absteigern in der Befragung gehören Schwimmen und Skifahren. Beide verloren über 10 Prozentpunkte. Während vor 6 Jahren noch rund 35 Prozent aller Befragten angaben, dass sie im Winter auf den Skiern stehen, sind es nun nur noch 23 Prozent.

Mannschaftssportarten – auch der Fussball – haben an Bedeutung verloren.
Bild: Keystone

Durchwegs verloren haben auch praktisch alle Mannschaftssportarten. Am deutlichsten dabei der Fussball. Nur noch 5,7 Prozent aller über 15-Jährigen gaben an, dass sie in der Freizeit tschutten.

Schlägt sich das auch in anderen Zahlen nieder?

Ja. Zum ersten Mal haben mehr Leute ein Abo für ein Fitnessstudio (22 Prozent) als eine Mitgliedschaft für einen Sportverein (19 Prozent). Und der Trend wird anhalten: «Die Sporttreibenden im Verein nehmen kontinuierlich ab, jene im Fitnesscenter im gleichen Masse zu», heisst es in der Studie.

Das ist doch kein Problem: Hauptsache Sport!

Das ist maximal die halbe Wahrheit. Gerade bei Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren erleben viele Vereine einen regelrechten Boom. Fussballvereine müssen teilweise einen Aufnahmestopp verhängen, Wartelisten gibt es auch in anderen Sportarten. Je älter die Sportler und Sportlerinnen werden, desto häufiger verlassen sie die Vereine. «Das hat viele Gründe», sagte Sportminister Pfister. Er nannte unter anderem den Wechsel in die Berufs­welt und den Wunsch nach mehr Individualität: «Die Menschen wollen dann Sport machen, wenn sie Zeit haben und nicht dann, wenn es ihnen eine Vereinsstruktur vorgibt.»

Viele der Vereine kämpfen mit fehlenden Trainern und Funktionärinnen. Und das bei steigenden Mitgliederzahlen im Juniorenbereich. «Es ist wichtig, dass wir die Leute im Sportsystem behalten können», sagt Pfister. Derzeit erarbeitet sein Departement eine neue «Strategie Sport», dabei wolle man genau auf diesen Punkt «ein gewisses Augenmerk» legen, wie der Bundesrat ausführte.

Einen schwierigen Stand hat auch der Wintersport. Was macht der Bund da?

Derzeit gebe es keine speziellen Massnahmen, um das Skifahren stärker zu fördern, so Pfister. Gerade im Jugendbereich könnte er sich aber eine verstärkte Förderung vorstellen. Das Skifahren sei «für die Schweiz nicht nur aus sportlichen Gründen wichtig». Dass das Skifahren an Bedeutung eingebüsst hat, hänge auch mit dem Klimawandel zusammen. Viele der tiefergelegenen Skigebiete hätten in den letzten Jahren viel Mühe gehabt, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Man beobachte die Entwicklungen.

Der Anteil an Skifahrern hat in den letzten sechs Jahren stark abgenommen.
Bild: Keystone

Wird derzeit nicht auch über den Schulsport diskutiert?

Doch. Einige Kantone möchten, dass die Bundesvorgabe von drei Stunden Schulsport pro Woche gekippt wird. Bildung ist grundsätzlich Sache der Kantone, aber bis jetzt macht der Bund klare Ansagen, wie viele Stunden Sport unterrichtet werden müssen. Bundesrat Pfister zeigte sich dann auch kämpferisch und will sich gegen den möglichen Abbau wehren: «Wir sind der Meinung, dass auf nationaler Ebene drei Stunden Sport vorgeschrieben werden sollen. Auch für die Chancengleichheit zwischen den Regionen.»

Gibt es denn da Unterschiede zwischen den Sprachregionen?

Den Röstigraben und den Polentagraben gibt es bei den Sportaktivitäten weiterhin. Die Deutschschweiz ist die sportlichste aller Sprachregionen. Der Anteil jener, die gar keinen Sport machen, ist etwa im Tessin doppelt so hoch wie im deutschsprachigen Teil. «Die Unterschiede zwischen den drei Sprachregionen haben kulturelle und historische Gründe und sie korrespondieren augenfällig mit dem Sportverhalten der umliegenden Länder», heisst es in der Studie. Eine Erklärung für den schlechten Tessiner Wert sehen die Autoren auch bei der Covid-19-Pandemie, die die Region härter getroffen habe.

Und Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Nachdem die Frauen in den vergangenen Jahren kräftig aufgeholt hatten, sind die Sportaktivitäten bei den Frauen in den letzten sechs Jahren leicht zurückgegangen, während bei den Männern ein minimaler Anstieg festgestellt wurde. Dabei zeigt sich, dass vor allem junge Männer zwischen 15 und 24 Jahren extrem viel Sport treiben – knapp 70 Prozent geben an, mehr als drei Stunden pro Woche zu trainieren. Bei den jungen Frauen sind es über 15 Prozentpunkte weniger. Mit steigendem Alter verschwinden die Unterschiede: Ab 65 Jahren treiben Frauen und Männer ähnlich häufig Sport.

Mehr zum Thema: