Jetzt schaltet sich Aussenminister Ignazio Cassis in den Abstimmungskampf zur SVP-Initiative ein – als bürgerliche Stimme in der von Linken, Gewerkschaften und von SP-Bundesrat Beat Jans geführten Nein-Kampagne. Cassis sagt, er verstehe die Argumente der Befürworter – Stichwort Dichtestress –, aber die Initiative wecke falsche Hoffnungen: «Die Leute irren sich, wenn sie glauben, mit einem starren Bevölkerungsdeckel bleibe alles, wie es ist», sagt der Bundesrat im grossen Interview mit der «SonntagsZeitung». «Wer Ja stimmt, löst das Problem nicht, sondern verschärft es.» Aber selbst ein Ja bedeute nicht das Aus für das Abkommen mit der EU. Der bilaterale Weg sei dann «für die Stabilisierung unserer Beziehungen noch wichtiger», so Cassis.
Prüfungsfrei an die Berufsmaturitätsschule: Lehrer befürchten sinkendes Niveau
Der Trend zur prüfungsfreien Aufnahme an die Berufsmaturitätsschule (BM) nach der Lehre hält an. Mittlerweile erlauben fast alle Kantone Lehrlingen mit einem gewissen Notendurchschnitt in der Abschlussprüfung den Zugang zur BM ohne Prüfung. Das sorgt für Kritik: «Vielen fehlt eine gute Vorbereitung, weil keine Prüfung mehr nötig ist», sagt Anja Nützi, Berufsschullehrerin in St. Gallen und Vorstandsmitglied des Verbands Berufsbildung Schweiz in der «NZZ am Sonntag».

Neu drängten auch Leute mit sehr schwachen Deutsch- und Englischkenntnissen an die Berufsmatura, und auch die Mathematik bereite zunehmend Probleme. Zudem ist der Anteil der Abbrüche gestiegen – im Kanton Zürich von rund 16 Prozent (2019) auf 28 Prozent (2024).
Auch der Zürcher Lehrpersonenkonvent der Berufsschulen (LKB) kritisiert das System: Die Lehrabschlussnote sage «wenig darüber aus, ob jemand für die schulisch-akademischen Anforderungen der BM geeignet ist», heisst es im Entwurf einer Resolution, die noch nicht verabschiedet ist, der «NZZ am Sonntag» aber vorliegt. Der Verband Berufsbildung Schweiz mache nun eine Umfrage bei den Kantonen, um das Ausmass der Probleme zu erfassen, schreibt die Zeitung.
Plagiat-Eklat: «NZZ» kündigt «Nebelspalter»-Journalist nach SonntagsBlick-Recherche
Dominik Feusi ist in der Medienbranche eine Marke. Seit dem Umbau des «Nebelspalters» zum rechtsbürgerlichen Online-Magazin vor fünf Jahren steht er als stv. Chefredaktor und Politchef fest an der Seite von Verleger Markus Somm. Nun sollte Feusi als Bundeshausredaktor ins Wirtschaftsressort der «NZZ» wechseln. Doch nach einer Recherche von «SonntagsBlick» wurde ihm jetzt noch vor dem Stellenantritt am 1. Juli gekündigt. Grund ist eine Geschichte, die der «Nebelspalter» und die «NZZ» bis heute unter dem Deckel hielten.
SonntagsBlick-Recherchen zeigen: Im Herbst 2024 schrieb Feusi grosse Teile einer Nahost-Analyse der britischen Tageszeitung «Telegraph» ab und publizierte sie beim «Nebelspalter» unter seinem eigenen Namen. Das Ergebnis ist ein Vollplagiat – ein Verstoss, der im Journalismus als besonders gravierend gilt. Der «Nebelspalter»-Journalist übersetzte die Analyse aus dem Englischen ins Deutsche und kopierte dabei nicht nur ganze Absätze, sondern auch den Aufbau, Thesen, historische Beispiele, Metaphern und Schlussfolgerungen. Eine Analyse zeigt, dass rund 90 Prozent des Textes von Feusi nahezu eins zu eins vom britischen Original übernommen wurden.
Pikant: Ausgerechnet die «NZZ» wurde damals auf das Plagiat aufmerksam, liess aber von der Geschichte ab. Nachdem SonntagsBlick am Samstag die «NZZ» mit der Recherche konfrontierte, kam es jedoch zum Knall: Der Vertrag mit Dominik Feusi wurde aufgelöst. «Wir können Sie darüber informieren, dass Dominik Feusi die Stelle bei der NZZ nicht antreten wird», schreibt ein Unternehmenssprecher. Der Sachverhalt sei den für die Rekrutierung zuständigen Personen zum Zeitpunkt der Rekrutierung nicht bekannt gewesen.
Spitäler melden mehr Fälle von Kindesmisshandlung: Bund spart Kampagne ein
Gleich mehrere grosse Schweizer Spitäler melden eine Zunahme von Kindesmisshandlungen im Jahr 2025. So erfasste die Kinderschutzgruppe des Berner Inselspitals im vergangenen Jahr 550 Verdachtsfälle. Das sei eine Zunahme von rund 100 Fällen im Vergleich zu 2024, erklärt das Spital gegenüber der «NZZ am Sonntag». Das Kinderspital Zentralschweiz in Luzern bearbeitete 2025 insgesamt 202 Fälle von möglicher Kindesmisshandlung oder -vernachlässigung. «Dies entspricht der höchsten Fallzahl der vergangenen neun Jahre. Auch das Universitätsspital Basel registriert eine deutliche Zunahme der Fälle, und das Kantonsspital Aarau wiederum berichtet von einer kontinuierlichen Zunahme der betreuten Fälle seit mehreren Jahren.

Die Politik versucht zu reagieren: Am 1. Juli tritt das Gesetz über die gewaltfreie Erziehung in Kraft, welches das Parlament mit grosser Mehrheit verabschiedet hat. Allerdings verzichtet der Bund, anders als geplant, darauf, dies mit einer nationalen Aufklärungskampagne zu begleiten. Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) begründet dies gegenüber der «NZZ am Sonntag» mit der Finanzlage des Bundes. «In vielen Bereichen, die der Bundesrat selbst als wichtig erachtet, werden Einsparungen vorgenommen», so das BSV.
Nach Bluttat in Winterthur: Strengere Gesetze gefordert
Die Attacke am Bahnhof Winterthur hat nicht nur gezeigt, dass die islamistische Bedrohung nach wie vor real ist, sie hat auch Schwachpunkte beim Informationsfluss zwischen Psychiatrie und Strafverfolgungsbehörden offengelegt. Der Mann war kurz vor seiner Tat noch in der Psychiatrie – konnte diese aber verlassen, ohne dass ihn das Personal daran hinderte. Mutmasslich fehlten den Ärzten die Informationen zu seiner extremistischen Vorgeschichte. Bei Gefährdern gibt es keinen systematischen Datenabgleich zwischen den Behörden. Bürgerliche Politikerinnen wollen das Gesetz laut «SonntagsZeitung» jetzt verschärfen. Gelegenheit dazu gibt es schon am Mittwoch im Nationalrat.
Neue Studie zeigt grosse Qualitätsunterschiede zwischen Schweizer Spitälern – doch Namen bleiben geheim, obwohl Bund Betriebsvergleiche veröffentlichen müsste
In der Schweiz gibt es weder ein flächendeckendes Ranking noch ein Ampelsystem, das Spitäler systematisch miteinander vergleicht. Dies, obwohl der Bund eigentlich Betriebsvergleiche veröffentlichen müsste. So schreibt es das Krankenversicherungsgesetz vor. Diese Intransparenz ist umso brisanter, als neue Untersuchungen der Berner Fachhochschule grosse Qualitätsunterschiede zwischen den Schweizer Spitälern zeigen. Gemäss den Ergebnissen der Forscher, die der «NZZ am Sonntag» vorliegen, sind die Unterschiede deutlich: Bei Hüftimplantaten beispielsweise ist die Komplikationsrate in den «schlechtesten» Spitälern bis zu 230 Prozent höher als in einem «durchschnittlichen» Spital. Das Risiko eines Schlaganfalls nach einer Hüftoperation ist dort massiv höher.

Die Resultate nützen Patienten allerdings wenig: Selbst die Forscher kennen die Namen der Spitäler nicht, die sie untersuchen. Sie erhalten nur anonymisierte Daten vom Bund. Weshalb ist die Qualität im teuersten Gesundheitssystem der Welt nach Jahren von Diskussionen und neuen Gesetzestexten immer noch so intransparent? (crb)


