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Enthüllung

Schossen reiche Schweizer in Sarajevo auf Menschen?

Während der Belagerung im Bosnienkrieg waren gerüchteweise auch vermögende Ausländer an den Menschenjagden beteiligt. In einem Buch wird nun behauptet, dass auch Schweizer mitmachten.
Zwei Kinder suchen in Sarajevo hinter Barrikaden Schutz vor den Heckenschützen.
Bild: AP

Es macht eines der grausamsten Kapitel des Bosnienkriegs noch grausamer: Bei der Belagerung von Sarajevo sollen vermögende Ausländer gegen Bezahlung auf Menschen geschossen haben. Der Mailänder Autor  und Journalist Ezio Gavazzeni hat mehrere Jahre über die angeblichen Gräueltaten recherchiert. Vieles bleibt im Ungefähren. Doch der Schauer bleibt.

Nun ist Gavazzenis Buch «Cecchini del Weekend» («Die Wochenend-Scharfschützen») in Italien erschienen – bei PaperFirst, dem Verlag der Tageszeitung «Il Fatto Quotidiano». Darin lässt Gavazzeni mehrere Protagonisten zu Wort kommen, die direkt oder indirekt an den Aktionen beteiligt gewesen sein sollen. Darunter auch ein Mann, der nur «Franzose» genannt wird. Er soll Gruppen von solchen «Jägern» betreut und begleitet haben.

Auf die Frage, was für Leute daran teilgenommen haben, sagt der Franzose: «Ein befreundeter italienischer Agent hat mir gesagt, dass an dem Spiel von Ende 1991 bis 1995 rund 230 italienische ‹Arciere› (Bogenschützen) teilgenommen haben; aus Frankreich und Belgien etwas weniger, einige aus der Schweiz.» Ebenfalls beteiligt seien einige Österreicher gewesen, die wollten aber «vor allem auf Serben schiessen». Weitere Hinweise auf eine Beteiligung von Schweizern liefert das Buch nicht.

Erste Verdächtige wurden vorgeladen

Gerüchte und Geschichten über solche «Jäger», die extra nach Bosnien reisten, um aus Vergnügen mit dem Scharfschützengewehr Menschen zu erschiessen, gibt es schon länger. Bereits in den späten 1990er-Jahren gab es erste Zeitungsberichte, und 2022 erschien ein Dokumentarfilm zum Thema.

Waren Schweizer tatsächlich Teil dieses mörderischen Systems? Beim Bundesamt für Justiz und bei der Bundesanwaltschaft hat man keine Kenntnisse von Ermittlungen gegen Personen aus der Schweiz. Auch ein Rechtshilfegesuch in dieser Sache ist nicht eingegangen, wie es auf Anfrage von CH Media heisst.

Fest steht: Seit kurzem ermittelt die italienische Justiz. In diesem Frühjahr wurde ein erster Verdächtiger einvernommen. Gemäss Medienberichten handelt es sich um einen mittlerweile 80-jährigen Waffennarr aus dem Norden Italiens. Er habe alle Vorwürfe zurückgewiesen und seine Unschuld betont.

Töten als Wochenend-Hobby

Im Buch von Ezio Gavazzeni wird das Töten als Entertainment für eine Elite dargestellt. Gelangweilt vom Alltag in der Führungsetage, reisten sie am Wochenende ins Kriegsgebiet. Hinflug am Freitag, Eskorte zur belagerten Stadt, anschliessend viel Alkohol und am Sonntag wieder zurück zur Familie.

Je nach Opfer sollen die Schützen eine Gebühr bezahlt haben. Dabei waren die Preise nach Alter abgestuft: Für ein totes Kind musste angeblich mehr als das doppelte bezahlt werden als für eine erwachsene Person. Auch über Taktiken, wie Menschen am besten aus ihren Verstecken gelockt werden konnten, berichten angebliche Zeugen im Buch.

Der Autor betont selbst, dass er nicht alles überprüfen konnte, was ihm die Leute erzählt haben. Gavazzeni hofft, dass er mit seinem Buch aufrüttelt und vielleicht bei einem oder anderen Täter das schlechte Gewissen weckt: «Vielleicht bin ich ein Träumer. Aber ich bin überzeugt, dass es irgendwo jemanden gibt, der nachts nicht schlafen kann, geplagt von den Bildern eines getroffenen Kindes», sagt er der Süddeutschen Zeitung.

Bei der Belagerung von Sarajevo wurden über 10'000 Menschen getötet, über 50'000 Menschen verletzt. Unter den Opfern waren auch zahlreiche Kinder. (chm)

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