
Ein wesentlicher Teil politischer Arbeit besteht darin, abzuschätzen, was Wählerinnen und Wähler denken. Welche Argumente ziehen, welche Ideen verfangen, ist die Wählerschaft für diese oder jene Reform schon bereit? Je nachdem, was sie der Basis zutrauen, richten Parteien und einzelne Politikerinnen und Politiker ihre Kampagnen aus. Aber was ist, wenn sie dabei konsequent daneben liegen?
Eine Studie der Universität Zürich hat anhand von Daten aus den eidgenössischen Wahlen 2023 untersucht, wie die Kandidierenden die Meinung ihrer Wählerschaft einschätzen. Es zeigt sich: Von links bis rechts halten sie die Wählerschaft für konservativer, als sie ist.
Die Forschenden haben Bürgerinnen und Bürgern die Frage gestellt, wie sie zu vier Themen stehen:
Anschliessend haben sie Politikerinnen und Politiker, die für den Einzug ins Bundesparlament kandidierten, schätzen lassen, wie viel Prozent der Wählerinnen und Wähler ihrer Partei die Vorschläge gutheissen. Und es zeigt sich: Bei allen vier schätzen die Kandidierenden die Wählerschaft systematisch falsch ein.
Kandidierende der SP und der Grünen verschätzen sich insbesondere beim Rentenalter. Sie gehen davon aus, dass ihre Wählerschaft eine Erhöhung stärker befürwortet, als das tatsächlich der Fall ist. Zwischen Vermutung und Wirklichkeit liegen 25 Prozentpunkte. Beim Ausländerstimmrecht und den Rechten gleichgeschlechtlicher Paare liegen die linken Parteien hingegen nahe an der Realität.
Am weitesten liegt die GLP mit ihrer Einschätzung zum Mindestlohn daneben. Sie vermutet, ihre Wählenden würden den Mindestlohn stärker ablehnen, als sie das tatsächlich täten. Hier beträgt die Differenz 27 Prozentpunkte.
Im Schnitt unterschätzt aber die Mitte am stärksten, wie progressiv ihre Wählerschaft ist. Gerade beim Mindestlohn und bei den Rechten gleichgeschlechtlicher Paare fühlen sie den Puls ihrer Basis nicht.
Auch FDP und SVP halten ihre Wählerschaft für deutlich konservativer, als sie ist. Bei der FDP sind ausgerechnet bei den wirtschaftspolitischen Themen Mindestlohn und Rentenalter die Unterschiede am grössten. Nur in einem einzigen Fall ist es umgekehrt: Die SVP schätzt ihre Wählerschaft beim Ausländerstimmrecht als progressiver ein, als sie ist.
Allerdings zeigen die Studienergebnisse: Diese Fehleinschätzungen haben keinen Einfluss darauf, ob ein Kandidat ins Bundesparlament gewählt wird oder nicht. Massgebend sind etwa Listenposition oder politische Erfahrung.
Die verzerrte Wahrnehmung erzeugt aber eine Art politischer Vorsicht, schreiben die Forschenden. Wenn Politikerinnen und Politiker mit starkem Widerstand gegen progressive Reformen rechnen, wirkt sich das auf das Reformtempo und die Kommunikationsstrategie aus. Offen bleibt die Frage, was die Ursache der Verzerrung ist und warum sie sich hartnäckig hält.


