Was ist zu tun, wenn der Schweizer Boden derart bebt, dass Häuser einstürzen, Rohre brechen, Asphalt reisst und Strommasten knicken? So lautet das fiktive Szenario, das Armee, Zivilschutz und internationale Helferinnen und Helfer diese Woche in der Romandie üben: Ein schweres Erdbeben der Magnitude 6,5 verursacht sehr grosse Schäden in den Kantonen Genf, Waadt und Freiburg.
Im Übungsszenario kommen die Behörden schnell an den Anschlag. Die Schweiz hat zu wenige Kapazitäten, um die Katastrophe zu bewältigen. Also beantragt der Bundesrat internationale Hilfe über den europäischen Katastrophenschutzmechanismus. Die Europäische Union mobilisiert daraufhin Einsatzkräfte aus mehreren Ländern.
Bald schon stehen Helfende aus Italien, Belgien oder Kroatien mit Suchhunden und schwerem Einsatzgerät den hiesigen Rettungskräften bei. Mit Presslufthämmern schlagen sie Löcher in eingestürzte Betonwände, suchen nach Verschütteten, betten sie auf Tragbahren und bergen sie aus den Trümmern. Gleichzeitig versuchen Einsatzkräfte in Payerne den beschädigten Militärflugplatz wieder betriebsfähig zu machen.
Das nächste Beben kommt bestimmt
Das scheint viel Aufwand zu sein für etwas, das in der Schweiz sehr selten passiert. Erdbeben lassen sich zwar nicht vorhersagen, statistisch betrachtet passiert ein Beben der Magnitude 6 hierzulande aber ungefähr alle hundert Jahre. «Das ist genau der Punkt», sagt der Seismologe Florian Haslinger, stellvertretender Leiter des Schweizerischen Erdbebendiensts. «Schwere Beben sind selten, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis das nächste passiert.»
Viele Menschen in der Schweiz wissen nicht, was zu tun wäre, wenn die Erde stark bebt. In den Türrahmen stehen? «Das hat man früher geraten», sagt Haslinger. «Heute gilt: Wer drinnen ist, sollte unter einem stabilen Tisch in Deckung gehen und sich an den Tischbeinen festhalten. Wer draussen ist, sollte sich von allem fernhalten, das einstürzen oder herunterfallen könnte.»
Im internationalen Vergleich sei die Schweiz weder besonders gut noch besonders schlecht für ein schweres Beben gewappnet, sagt Haslinger. «Unser Vorteil ist: Die Schweiz ist klein und kompakt, die Kommunikationswege kurz. Wer in der Katastrophenbewältigung tätig ist, kennt einander in der Regel.»
Aber: «Wir haben noch kein fertiges Rezept in der Schublade, nach welchem wir im Ernstfall arbeiten können», sagt Haslinger. Heisst: Würde die Erde morgen drastisch beben, wäre das ungünstig. Vieles müsste spontan entschieden und organisiert werden. Aber der Bund sei auf einem guten Weg. 2024 hat der Bundesrat beschlossen, dass auf nationaler Ebene bis 2028 die Massnahmen aus der Vorsorgeplanung Erdbeben umgesetzt werden müssen.
«Übungen wie jene in Genf sind extrem wichtig, um im Ernstfall auf erprobte, effiziente Mechanismen zurückgreifen zu können», sagt Haslinger. Sie dienen vor allem dazu, Logistik und Organisation zu üben. Wie kommt die internationale Hilfe in die Schweiz und an den Ereignisort? Wie werden die Teams versorgt und wie werden die Einsätze geplant? «Alle zuständigen Akteure müssen wissen, was zu tun ist», sagt Haslinger. «Denn trotz der Gefahr muss alles Administrative vernünftig geregelt sein.»
Schweiz will sich EU annähern
Insgesamt sind 500 Personen an der Übung beteiligt, teilt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz mit. Mehr als die Hälfte davon kommt aus dem Ausland. Es ist die erste solche Übung, die auf Schweizer Boden stattfindet. Die Schweizer Behörden sind gemäss dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz bestrebt, beim europäischen Katastrophenschutzmechanismus mitzumachen. Er soll die Prävention, die Vorbereitung und die Bewältigung von Natur- oder menschgemachten Katastrophen verbessern, indem die Mitgliedstaaten einander unterstützen.
Nebst den EU-Ländern machen zehn weitere europäische Länder am Katastrophenschutzmechanismus mit, darunter Norwegen und die Türkei. Die Schweiz ist kein aktives Mitglied, war aber allein dieses Jahr an fünf Übungen beteiligt. Dass internationale Hilfe im Katastrophenfall unabdingbar ist, zeigte Anfang Jahr die Brandkatastrophe von Crans-Montana: Dank des Katastrophenschutzmechanismus konnten 35 Brandopfer in ausländische Spezialkliniken verlegt werden.



