
Wie viele Koffer besitzen Sie?
Damien Mignot: Etwa 15, denn ich teste laufend unsere neuen Koffer, und oft behalte ich sie.
Haben Sie einen Lieblingskoffer?
Unser neustes Modell, ein Hartschalen-Rollkoffer der Reihe Nexis, ein besonders leichter, robuster und bestens ausgestatteter Koffer. Diese Kollektion haben wir Anfang Jahr lanciert, bisher mit grossem Erfolg.

Welche Eigenschaften sind Ihnen bei einem Koffer besonders wichtig?
Ich unterscheide mich da kaum von anderen Leuten. Für mich ist die Kombination aus geringem Gewicht und hoher Widerstandsfähigkeit entscheidend. Zudem reise ich grundsätzlich nur mit Handgepäck. So spare ich mir die das Einchecken am Schalter und das Warten am Gepäckband.
Und Sie müssen sich keine Sorgen um verloren gegangenes Gepäck machen...
Wenn der aufgegebene Koffer verloren geht, ist das natürlich sehr stressig und ärgerlich, auch wenn die tatsächliche Zahl an betroffenen Passagieren insgesamt sehr gering ist. Mir selbst ist das in den letzten 40 Jahren nur einmal passiert, obwohl ich jede Woche unterwegs bin. Die meisten unserer Check-in-Modelle verfügen aber inzwischen über ein spezielles Fach für die Airtags und andere Tracker, die viele Leute benutzen, um den Ort ihres Gepäcks auf dem Handy stets verfolgen zu können.
Sie selber reisen nur mit Handgepäck. Ihre Kundschaft auch?
Ja. Der Markt entwickelt sich stark in Richtung «Underseater», also Taschen oder Koffer, die unter den Vordersitz passen. Für zwei Tage reicht so ein Gepäckstück oft aus.
Der Trend dürfte allerdings auch mit geizigen Airlines zu tun haben, die bei den Koffer-Grössen an Bord immer strenger werden.
Natürlich. Viele Fluggesellschaften in Europa haben sehr genaue Vorgaben, was man kostenlos mitnehmen darf, und tendenziell werden sie strenger, weil es Billigairlines wie Easyjet oder Ryanair vorgemacht haben.
Solche Anpassungen der erlaubten Koffer-Dimensionen sind gut für Ihr Geschäft.
Das lässt sich nicht leugnen. Aber das ist auch ein Vorteil, wenn man bei uns einkauft. Wir erklären den Kunden ganz genau, welche Koffer für welche Airlines an Bord von der Grösse her erlaubt sind. Denn bei all den unterschiedlichen Regelungen ist es wichtig, gut informiert und beraten zu sein.
In Social-Media-Videos werden zuweilen Reise-Gepäcktricks beworben, seien es mit Wäsche vollgestopfte Nackenkissen, oder Bauchtaschen, die nicht als solche erkennbar sind, um die Airline-Gepäckregeln zu umgehen. Reagieren Sie darauf?
Wir bieten eine grosse Auswahl an Zubehör. Aber klar, angesichts der strengen Regeln wollen heute die meisten Leute so effizient wie möglich packen. Das zeigt sich bei der Nachfrage nach so genannten Packing Cubes, die stark gewachsen ist, weil sie die Wäsche im Koffer noch stärker zusammendrücken.
Sie haben kürzlich den ersten Samsonite-Shop in der Schweiz, der kein Outlet ist, an der Zürcher Bahnhofstrasse eröffnet. Was zeichnet die hiesige Kundschaft aus?
Es ist hinlänglich bekannt, dass die Schweizer europa- oder sogar weltweit zu den Menschen gehören, die am meisten reisen. Also brauchen sie überdurchschnittlich oft Gepäck. Das sehen wir auch in unseren Geschäften in der EU, anhand der Mehrwertsteuer-Rückerstattungen. Zudem erzielen wir schon heute in der Schweiz den höchsten Pro-Kopf-Umsatz in Europa. Schweizer Reisende legen Wert auf Qualität. Und diese bieten wir als 116-jähriges Unternehmen.
Ihre Produkte werden bei Manor oder Coop City oft mit 20 oder 30 Prozent Rabatt angeboten. Das zeigt doch, dass Sie ansonsten die hohe Kaufkraft mit viel Marge abschöpfen.
Rabatte gehören zum Geschäft dazu. Aber nochmals: Schweizer Kunden entscheiden sich überdurchschnittlich häufig für unsere höherwertigen Produktlinien, und die kosten mehr. Zudem sind Zürich und Genf wichtige Wirtschaftsstädte mit viel Geschäftsreisenden.
Wie hoch ist der durchschnittliche Verkaufspreis eines Koffers?
Bei Samsonite liegt er bei etwa 240 bis 270 Euro, bei Tumi bei rund 400 Euro und bei American Tourister bei etwa 145 Euro.
Bei den Schweizer Detailhändlern ist Samsonite bereits im Sortiment, zu höheren Preisen. Weshalb brauchen Sie einen Shop an der teuersten Einkaufsstrasse der Schweiz?
Wir möchten den Kundinnen und den Kunden das bestmögliche Einkaufserlebnis bieten. Zudem verkleinern in Europa viele Warenhäuser ihr Sortiment oder schliessen Filialen. In eigenen Geschäften können wir deutlich mehr anbieten: Personalisierungen des Gepäcks, also mit Gravur, sowie Reparaturen direkt vor Ort.
Reparaturen sollten bei Koffern, die mehrere Hundert Franken kosten, doch eigentlich nicht nötig sein ...
Unsere Produkte sollen möglichst lange halten, das ist unser Versprechen für all unsere Marken, sei es Samsonite, Tumi oder American Tourister. Aber natürlich kann Gepäck zu Schaden kommen. Denken Sie nur schon an den Ladeprozess am Flughafen. Da kann es manchmal ruppig zu und her gehen. Wir bieten eine weltweite Garantie, je nach Produkt bis zu 10 Jahren, die in all unseren Shops in über 115 Länder gelten.

Was geht am häufigsten kaputt?
Das ist unterschiedlich. Aber meistens können wir im Shop sofort helfen, sei es mit einem neuen Rad oder einem neuen Griff. Nur Näharbeiten sind aufwendiger. Genau wegen solcher Services, welche die Marke erlebbar machen, sind unsere eigenen Filialen so wichtig. Demnächst eröffnen wir einen neuen Tumi-Shop auf der Champs-Élysées in Paris.
Könnten Sie sich weitere Geschäfte in der Schweiz vorstellen, etwa in Genf, Basel oder Luzern?
Ja, drei bis fünf Filialen könnte ich mir in der Schweiz durchaus vorstellen. Wir haben hier etwas länger gewartet, weil wir bereits über ein sehr gutes Netz an Partnern verfügen. Aber wir schliessen weitere Standorte nicht aus.
Sie verkaufen ein Produkt, das die meisten Leute viele Jahre nutzen. Wie überzeugt man jemanden, einen neuen Koffer zu kaufen?
Es geht bei uns ja nicht nur um Koffer. Wir bieten ganz unterschiedliche Gepäcklösungen an, auch Taschen oder Rucksäcke. Bei der Business-Marke Tumi erzielen wir sogar rund die Hälfte des Umsatzes mit Taschen. Bei Business- oder Lifestyle-Taschen ist der Ersatz-Kaufzyklus mit ein bis zwei Jahren deutlich kürzer als bei Koffern, die man in der Regel erst nach drei bis fünf Jahre ersetzt.
Weshalb?
Die meisten Familien besassen früher ein, zwei grosse Koffer, die im Sommer aus dem Estrich geholt wurden. Heute haben beide Elternteile eine Karriere, zuweilen sogar einen zweiten Wohnsitz. Sie benötigen ihr eigenes Gepäck. Die Bedürfnisse ändern sich laufend. Manchmal braucht man eine schöne Tasche fürs Büro, manchmal für den Sport, einen Event oder einen Wochenendtrip. Hatte man einst nur eine Allzweck-Tasche, mag man es heute individueller, insbesondere die jüngeren Konsumentinnen und Konsumenten.
Ist das leichtere Reisen mit Handgepäck die grösste Veränderung der vergangenen Jahre im Gepäckgeschäft?
Es gab mehrere grosse Veränderungen. Wenn wir nur schon an die 80er-Jahre zurückdenken: Damals hatte man Koffer ohne Räder. Und sie waren horizontal ausgerichtet. Wir haben dann den Rollkoffer-Boom vorangetrieben. Und plötzlich war die Ausrichtung der Koffer vertikal. Zudem ist der Koffer vom Gebrauchsgegenstand zum Lifestyle-Produkt geworden. Er ist heute Ausdruck des eigenen Stils.
Sieht man das auch an der Farbpalette über die Jahre hinweg?
Absolut. Früher waren fast alle Koffer braun, schwarz oder grau. Heute ist die Auswahl viel bunter, gerade bei Hartschalenkoffern, wo vielfältigere Designs möglich sind. Viele möchten ihren Koffer auf dem Gepäckband zudem sofort wiedererkennen. Dennoch bleibt Schwarz die mit Abstand beliebteste Koffer-Farbe.
Wie wichtig sind technische Innovationen wie Koffer, die einem dank KI selbstständig folgen, oder auf denen man sitzen und herumfahren kann?
Es gibt echte Innovationen, und es gibt Konzepte, die in erster Linie viel Aufmerksamkeit generieren sollen. Koffer, die gleichzeitig auch ein Fortbewegungsmittel sein sollen, gehören für mich in die zweite Kategorie. Mit Ausnahme der Rollkoffer für Kinder. Unsere Disney-Linie, insbesondere mit «Cars»-Sujets, ist sehr gefragt, bestimmt auch, weil die Kinder darauf Platz nehmen können.
Sie sprechen von echten Innovationen. Woran denken Sie da zum Beispiel?
Wir haben Anfang der 90er-Jahre dem Spinner zum Durchbruch verholfen, dem Rollkoffer mit vier 360-Grad-Rädern. Damit konnte man den Koffer plötzlich neben sich herschieben, anstatt ihn auf zwei gerade ausgerichteten Rädern zu ziehen. Heute verkaufen wir nur noch Rollkoffer. In unserer Entwicklungszentrale in Belgien arbeiten viele Ingenieure an solchen Lösungen. Unsere Nexis-Koffer haben beispielsweise Snap-on-Räder, die sich innert zwei Minuten ohne Schrauben austauschen lassen.
Und wie sieht der Koffer in zehn, zwanzig Jahren aus?
Schwer zu sagen. Wir arbeiten daran, dass er noch leichter und noch widerstandsfähiger wird. Und wahrscheinlich wird er noch individueller. Kürzlich haben wir die Taschen- und Gepäckmarke Béis übernommen, die sich an die jüngere, digital affine und vor allem weibliche Kundschaft richtet.
Der Grossteil Ihres Sortiments wird in Asien hergestellt, wo die Kosten tiefer sind. Wie hoch ist Ihr europäischer Produktionsanteil?
Die europäischen Gepäckartikel, die unter anderem in Belgien und Ungarn gefertigt werden, sind für fast die Hälfte unseres Umsatzes verantwortlich und für etwas weniger nach Stückzahlen. Tendenziell nimmt der Anteil des «Made in Europe»-Sortiments in Europa zu, da er den Kunden Vertrauen vermittelt.
Und die weltweiten Lieferketten teurer wurden?
Es gab natürlich einige Herausforderungen wie die Corona-Pandemie oder die Einflüsse der Geopolitik. Bisher haben wir die Preise aber deswegen nur geringfügig erhöht.
Weil Plattformen wie Temu Billig-Koffer für einen Bruchteil Ihres Preises verkaufen?
Nein. Temu und die anderen Billiganbieter sind für uns keine Konkurrenten. Wir sprechen eine andere Kundschaft an. Und der Qualitätsunterschied ist offensichtlich. Das merkt man schnell, wenn man viel reist.
Tatsächlich wird vielerorts wieder viel gereist. In Europa sind Ihre Umsätze relativ stabil, in den USA sind sie jedoch eingebrochen. Und der Krieg im Iran hält viele Leute vom Reisen ab. Welche Entwicklung erwarten Sie künftig?
Ich bin langfristig sehr optimistisch und rechne mit einem durchschnittlichen Wachstum unseres Geschäfts von rund 5 Prozent pro Jahr. Nach den sehr starken Jahren 2022 und 2023, als viele Leute nach der Pandemie das Reisefieber packte, befinden wir uns wieder in einer normaleren Phase.
In Europa wird das Bahnangebot zunehmend ausgebaut. Müssen Sie Ihre Produkte anpassen?
Die Anforderungen sind praktisch gleich wie im Flugzeug. Im Zug trägt man den Koffer etwas häufiger, weshalb die Ergonomie und das geringe Gewicht wichtig sind. Aber die Vier-Rollen-Koffer funktionieren in beiden Verkehrsmitteln hervorragend.
Haben Sie als Vielflieger eine Lieblingsairline?
Für meine Reisen ab Paris ist Air France natürlich die praktischste Airline.
Und wie finden Sie Swiss?
Zur Swiss habe ich keine grosse Meinung, da ich in die Schweiz meistens mit dem TGV reise. Er ist pünktlich und fährt direkt ins Stadtzentrum, also künftig nahe bei unserem Geschäft in Zürich.


