Reportage aus Sachsen-Anhalt

Auch mit dem Dauerlächler Siegmund bleibt die AfD die Partei der Bitterkeit

Für den Kandidaten gleicht der Wahlkampf einem Triumphzug: Auch in Naumburg wollen sich Hunderte mit ihm fotografieren lassen. Manchen, die ihm zujubeln, würde man nachts lieber nicht begegnen.

Auf den ersten Blick scheint Naumburg jedes Klischee über Ostdeutschland zu widerlegen: Fast meint man, sich im Badischen zu befinden, wenn man im Zentrum der 30’000-Einwohner-Stadt im Süden Sachsen-Anhalts umhergeht.

Es ist warm, die Stadt ist alt, sie ist schön, und die Leute, die vor den Cafés in der Sonne sitzen, strahlen eine Genussfähigkeit aus, wie man sie so wahrscheinlich nur in Weinbauregionen findet. Längst können die besten Gewächse von Saale und Unstrut mit westlichen Pendants konkurrieren, zumal der Klimawandel Deutschlands nördlichster Anbauregion neue Chancen eröffnet.

So bildet, was Ulrich Siegmund, der Spitzenkandidat der sachsen-anhaltischen AfD, am Abend auf dem Naumburger Marktplatz sagt, einen merkwürdigen Kontrast zur heiteren Szenerie: «Wir wollen nicht so werden wie die, die unser Land dorthin gebracht haben, wo es ist», ruft er seinen Anhängern von der Bühne aus zu.

Die Jungen wirken aggressiv, die Alten müde und bitter

Allerdings passen auch Siegmunds Zuhörer nicht so recht ins Bild des bürgerlich-behaglichen Naumburg: Die Jungen – und von ihnen sind viele gekommen – wirken aggressiv, die Älteren – und auch sie sind überdurchschnittlich vertreten – müde und bitter.

«Die Mitte der Gesellschaft» habe sich hier versammelt, behauptet der Kandidat. Bedenkt man, dass die AfD bei der Landtagswahl am 6. September mehr als 40 Prozent der Stimmen gewinnen könnte, dürfte die Zuhörerschaft allerdings nicht einmal für die Wähler der Rechten repräsentativ sein: Eher ist es ein harter Kern von Sympathisanten, der auf den Marktplatz gekommen ist.

«Der Ulli», wie viele Siegmund hier nennen, spricht nur kurz und spult bekannte Programmpunkte ab: ein Deutschland, das seine Souveränität endlich wieder leben werde, Bürger, die morgens um fünf aufstünden und ausgepresst würden wie eine Zitrone und – was angesichts altehrwürdiger Bürgerhäuser und der wuchtigen Stadtkirche St. Wenzel etwas unpassend wirkt – «unsere alten Städte, die nicht mehr wiederzuerkennen sind».

Die eigentliche Attraktion des Abends sind weniger die Reden als vielmehr Siegmund selbst: Näher an der Macht als der 35-Jährige war noch kein AfD-Politiker, und so betreiben seine Anhänger schon jetzt einen regelrechten Personenkult: Unter einem Zeltdach kann man sich mit ihm fotografieren lassen; die Schlange derer, die dies tun wollen, umfasst Hunderte und reicht diagonal über den gesamten Platz.

Wer Streamer hat, braucht keine Journalisten mehr

Längst zieht der Siegmund-Kult auch Geschäftemacher an. So wird am Stand des parteinahen «Deutschland-Kuriers» die Ausgabe des «Spiegels» verkauft, die vor zwei Wochen erschienen ist – mit Siegmund auf dem Cover. Dass das Magazin den Kandidaten als «gefährlichsten Mann Deutschlands» bezeichnete, wird von den Anhängern der AfD als ungewollte Wahlkampfhilfe betrachtet. Schon bald sind alle Ausgaben des «Ulli-Spiegel» verkauft, trotz eines stolzen Preises von 15 Euro.

Die Ablehnung traditioneller Zeitungen, Magazine und Sender bringt es mit sich, dass eine Vielzahl von Alternativmedien rund um die AfD blüht. Mindestens fünf sogenannte Streamer streifen an diesem Abend über den Platz, machen Aufnahmen mit dem Handy und führen Interviews mit den Anhängern der Partei, die ihnen aufgeschlossen begegnen.

Wer dagegen – etwa durch einen Schreibblock – als Journalist alten Stils erkennbar ist, hat auf AfD-Veranstaltungen einen schweren Stand. Feindselige Blicke verfolgen den Berichterstatter. Gelegentlich macht es ihm die Gehässigkeit der Umstehenden aber auch einfacher: Er wird angepöbelt, und schon ist er mit den Leuten im Gespräch. «Sind Sie von der Stasi?», fragt mich ein älterer Mann und lacht höhnisch. Die heutigen Zeitungen, so wirft seine Ehefrau ein, seien doch alle wie das «Neue Deutschland», das einstige Zentralorgan der DDR-Staatspartei SED.

Euphorisch macht Siegmunds Höhenflug den Rentner offenbar nicht: «Ich habe Hoffnung in Anführungszeichen», sagt er auf Nachfrage. «Die Gleise» seien schon «zu weit eingefahren», als dass sich Deutschland noch retten liesse. «Unser Geld geht woanders hin», klagt der pensionierte Installateur und verweist auf die Ukraine.

Allerdings ist in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten auch sehr viel Geld aus Westdeutschland nach Ostdeutschland geflossen; Naumburgs liebevoll herausgeputzte Altstadt kündet davon. Ob er den Ärger mancher Westdeutscher über die AfD-wählenden «Ossis» verstehen könne, frage ich den Pensionär. Westdeutsche Firmen hätten doch am Aufbau ostdeutscher Städte verdient, entgegnet er. «Die Löhne im Osten waren niedrig, und unsere Renten sind es immer noch.» Den Einwand, deutsche Unternehmen könnten irgendwann auch am Wiederaufbau der Ukraine verdienen, wischt er mit einer unwilligen Handbewegung beiseite.

Putin wird gefürchtet, wie man den Schulhofschläger fürchtet

Der Gegensatz zwischen Ost- und Westdeutschland und der Krieg in Osteuropa scheinen die Leute hier mehr zu beschäftigen als die Migrationspolitik, die als eigentliches Gewinnerthema der AfD gilt. Ein stoppelbärtiger Mann mit Sonnenbrille trägt ein rotes T-Shirt, auf dem der russische Präsident ebenfalls mit Sonnenbrille zu sehen ist, darüber die kyrillische Aufschrift «Wladimir Wladimirowitsch Putin».

Etwas widerwillig zeigt sich der Putin-Bewunderer zu einem Gespräch bereit. In der DDR, so behauptet er, sei es um die Meinungsfreiheit besser bestellt gewesen als heute. «Wir werden überall überwacht, durch das Handy oder durch Chips auf unseren Kreditkarten.» Er arbeite seit vierzig Jahren als Busfahrer, kürzlich sei er bei seinem Arbeitgeber als Neonazi denunziert worden. Konsequenzen habe dies für ihn allerdings nicht gehabt.

Sahra Wagenknecht finde er «eine Top-Frau», und auch den Linken-Politiker Gregor Gysi finde er gut, der habe alles kommen sehen. Doch leider seien beide in den falschen Parteien. «Der letzte gute Kanzler», so beendet der Mann seine Suada, sei der Sozialdemokrat Helmut Schmidt gewesen. Der derzeitige Amtsinhaber Friedrich Merz sei dagegen ein Kriegstreiber.

Etwas überraschend, aber auch verräterisch ist der Grund seiner Sympathie für den russischen Präsidenten, den er auf Nachfrage darlegt: «Putin überlegt sich als einziger Politiker, was er tut. Sonst hätte er längst ganz Europa plattgemacht.» So wirkt der Mann ein wenig wie ein verängstigter Eckensteher, der dem Schulhofschläger seine Reverenz erweist, in der Hoffnung, dass dieser ihn auch künftig verschone.

Die AfD bleibt eine Partei der Widersprüche – ihre Wähler stört das nicht

Die AfD bleibt eine Partei der Widersprüche. Das gilt nicht nur für einige ihrer Anhänger, bei denen DDR-Nostalgie und Antikommunismus, Pazifismus und Nationalismus, Deutschland-Stolz und Russland-Romantik eine seltsame Melange bilden. Auch, was die Funktionäre erzählen, wirkt oft nicht konsistent. So sagt etwa die lokale Landtagskandidatin Juliane Waehler auf der Bühne, sie wolle ein Deutschland, in dem ihre Kinder nachts noch sicher nach Hause kämen, doch gleichzeitig ist im Publikum der Anteil derer, denen man nachts lieber nicht begegnen möchte, grösser als bei jeder anderen deutschen Partei.

In einem Pavillon am Rand des Platzes hat sich die kampfsportaffine Jugend versammelt, die bei jeder grösseren AfD-Veranstaltung zum Stadtbild gehört. Eiserne Kreuze sind auf den T-Shirts zu sehen, die sich über den Muskeln spannen, und Sprüche wie «Heimatliebe ist kein Verbrechen». Der Verdacht, dass derartige Zeichen und Redewendungen auch als Ersatz für verbotene Nazi-Symbolik dienen, liegt in einigen Fällen nicht allzu fern.

Unterdessen hat Martin Reichardt, der Chef der sachsen-anhaltischen AfD, die Bühne betreten. Auch er ist ein Mann der Widersprüche, bringt er es doch fertig, zunächst Anstand vom politischen Gegner einzufordern und buchstäblich im nächsten Satz linke Politikerinnen als «übergewichtige Trullas» zu beschimpfen. Das Publikum spendet ihm dafür Beifall. Ob die «Mitte der Gesellschaft», von der Ulrich Siegmund redet, solche Worte goutiert? Man will es nicht hoffen.

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