Pipeline öffnen

Sie wittern das grosse Geschäft: USA drängen Europäer, wieder Russengas zu kaufen

Im Rahmen der Friedensgespräche drängen die USA auf neue Gaslieferungen aus Russland nach Europa. Selbst die Wiedereröffnung der gesprengten Ostseepipeline Nord Stream ist Thema.

Wenn sich die USA in den kommenden Tagen mit Russland und der Ukraine zu neuen Gesprächen in Abu Dhabi treffen, werden die Europäer voraussichtlich aussen vor bleiben. Man werde sie nicht daran hindern, sich Flugtickets zu kaufen. Einen Platz am Verhandlungstisch werde es aber nicht geben, spottete Yuri Ushakov, der aussenpolitische Berater von Russlands Machthaber Wladimir Putin.

Moskau sieht sich im Aufwind. Trumps neuester Schwenk Richtung Putin lässt im Kreml die Hoffnung wachsen, die Ukraine mit amerikanischer Hilfe zu weitreichenden Zugeständnissen zwingen zu können. Eine grosse Rolle spielen dabei die Geschäfte, die Moskau der Trump-Regierung im Zuge eines Friedensdeals in Aussicht stellt.

USA wollen Nord Stream wiederbeleben

Dazu gehört eine Rückkehr russischen Gases nach Europa. Schon seit Längerem gibt es in Washington Überlegungen, die seit 2022 inaktive Nord-Stream-Pipeline in einen grösseren Deal einzubauen. Drei der vier Stränge wurden bei einem Sprengstoffanschlag im September 2022 beschädigt, einer blieb intakt. Wie die Nachrichtenagentur Reuters Anfang Oktober berichtete, soll Trumps Schwiegersohn Jared Kushner mit dem Chef des russischen Staatsfonds, Kirill Dmitrijew, über einen Einstieg amerikanischer Investoren gesprochen haben. Wie konkret die Pläne sind, ist allerdings unklar.

Weil eine Instandsetzung von Nord Stream Zeit bräuchte, haben die Amerikaner nun eine andere Pipeline ins Visier genommen: das alte Transgas-Netz. Es wurde zu Sowjetzeiten gebaut und verbindet die russischen Gasfelder in Sibirien via die Ukraine mit Mitteleuropa. Bis Ende 2024 floss trotz des Krieges weiter russisches Gas durch diese Leitungen. Erst am 1. Januar 2025 war Schluss, nachdem der Transitvertrag zwischen der ukrainischen Naftogaz und Russlands Gazprom ausgelaufen war.

Jetzt wollen Trumps Unterhändler Steve Witkoff und Kushner diese Lieferungen wieder aufnehmen. Wie das «Wall Street Journal» berichtet, soll dafür ein US-Vermittler zwischengeschaltet werden. Russlands Einnahmen würden auf einem Treuhandkonto in einem Drittstaat landen, damit das Geld nicht direkt in Putins Kriegskasse fliesst. Die Ukraine wiederum würde Transitgebühren kassieren. Die Leitungen sind weitgehend intakt und könnten wesentlich schneller wieder genutzt werden als Nord Stream.

Der Deal soll Teil eines kurzfristigen «Energie-Waffenstillstands» werden. Witkoff und Kushner glauben, dass neue Gasgeschäfte mit Europa für Putin ein starker Anreiz wären, seine Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur einzustellen. Gleichzeitig wittern amerikanische Investoren ein lukratives Geschäft.

Europäer wollen nicht wieder abhängig werden

In Europa kommt der Vorstoss schlecht an. Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz, dessen Land vor dem Krieg mehr als die Hälfte seines Gases aus Russland bezog, lehnt eine Rückkehr zu russischem Gas bislang kategorisch ab. Auch die EU will gerade das Gegenteil: Sie hat bereits einen grossen Teil der russischen Gasimporte gestoppt und beschlossen, die noch verbliebenen Importe bis spätestens im Herbst 2027 abzustellen.

Das Problem: Ausgerechnet jetzt wird Gas in Europa wieder teuer. Die Preise liegen auf dem höchsten Niveau seit Ende 2022, während die Speicher für diese Jahreszeit ungewöhnlich schwach gefüllt sind. Gleichzeitig sind die Lieferungen von Flüssiggas aus Katar wegen des Krieges im Nahen Osten und der Probleme in der Strasse von Hormus eingebrochen. Kommt ein kalter Winter, ist die Gefahr real, dass Europa in eine Mangellage gerät.

Genau darauf setzen die Amerikaner. Für sie ist russisches Gas nicht nur ein Hebel in den Friedensverhandlungen, sondern auch ein Geschäft. In Europa hingegen ist das Misstrauen tief. Man könne Russland nicht vertrauen, sagte EU-Energiekommissar Dan Jorgensen Ende Oktober und hielt fest: «Wir wollen nicht wieder anfangen, russisches Gas zu kaufen».

«Sicherheitsgarantien» russisch für Nato-Aus

Aber es gibt noch einen zweiten Punkt, der mit Blick auf Abu Dhabi Europas Alarmglocken schrillen lässt. Russland verlangt bei den Verhandlungen offenbar eigene «Sicherheitsgarantien». Das soll Putin in einem Telefonat dem finnischen Präsidenten Alexander Stubb und dem norwegischen Premier Jonas Gahr Store vor einer Woche gesagt haben.

Was Putin darunter konkret verstand, ist nicht überliefert. Die Richtung ist allerdings klar. Schon Ende 2021, kurz vor dem Überfall auf die Ukraine, verlangte Putin von den USA und der Nato faktisch eine Rückabwicklung der Nato-Osterweiterung. Diese bezeichnet er bis heute als eine der «tieferen Ursachen» des Krieges. Das bedeutet: einen Rückzug militärischer Nato-Strukturen in Osteuropa auf den Stand von 1997.

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