Eine im Ukraine-Krieg aussergewöhnliche Feuerpause soll den Bewohnern der russisch besetzten ukrainischen Frontstadt Oleschky die Flucht ermöglichen. Seit Dienstagmorgen um 3 Uhr Kiewer Zeit schweigen im für die humanitäre Mission vorgesehenen Korridor die Waffen.
Der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmitro Lubinez erklärte auf Telegram, Kiew halte sich an die Vereinbarung. Ex-Geheimdienstchef Kirilo Budanow, der Leiter von Wolodimir Selenskis Präsidialbüro, bestätigte dies in einer eigenen Mitteilung. Auch das russische Verteidigungsministerium teilte mit, die Kampfhandlungen in dem Gebiet eingestellt zu haben.
Die lokal begrenzte Waffenruhe war unter Vermittlung der amerikanischen First Lady Melania Trump ausgehandelt worden. Internationale Beobachter vermuten, dass der Kreml auf die Kampfpause eingegangen ist, um das momentan vorteilhafte Verhältnis zum Weissen Haus zu festigen. Auch Papst Leo XIV. setzte sich für die Rettung der Einwohnerinnen und Einwohner ein.
Wie lange sie genau gilt und wer ihre Einhaltung unabhängig überwacht, ist allerdings nicht öffentlich geklärt. Laut dem «Kyiv Independent» soll die Kampfpause mindestens bis Samstag dauern. Vorgesehen sind mehrere Schritte: Zunächst sollen Zufahrtswege entmint, danach Lebensmittel und Medikamente in die weitgehend abgeschnittene Stadt gebracht und schliesslich die Bewohnerschaft evakuiert werden.
Vom Nachschub abgeschnitten
Oleschky liegt am von Russland kontrollierten Südufer des Dnipro direkt gegenüber der ukrainisch gehaltenen Gebietshauptstadt Cherson. Vor dem russischen Grossangriff 2022 lebten dort rund 24'000 Menschen. Heute sollen es noch etwa 1700 bis 2000 sein, darunter rund 50 Kinder.
Inzwischen ist Oleschky Ziel täglicher Angriffe in einer von Drohnen geprägten Kampfzone. Russische Truppen nutzen nach ukrainischen Angaben Gebäude in der Stadt als Stellungen für Angriffe auf Cherson; ukrainische Kräfte greifen ihrerseits russische Positionen in Oleschky an.
Verminte Strassen und ständige Drohnenangriffe haben den Verkehr praktisch zum Erliegen gebracht. Lastwagen liefern seit Monaten kaum noch Lebensmittel oder Medikamente. Viele Haushalte haben zudem keinen verlässlichen Strom, kein Gas und keine Heizung.
Ehemalige Bewohner berichteten der Nachrichtenagentur AFP, die Menschen lebten teilweise von Gemüse aus Gärten oder jagten Tauben, weil Lebensmittel fehlten. Ukrainische Stellen werfen Russland vor, Evakuierungen und den Zugang internationaler Hilfsorganisationen behindert zu haben.
Wie die «New York Times» berichtet, soll die eigentliche Evakuierung nach der Räumung der Minen und der Anlieferung von Hilfsgütern am Donnerstag mit einem Buskonvoi beginnen. Die vereinbarte Route führt demnach durch russisch kontrolliertes Gebiet; ukrainische Kräfte sollen daran nicht beteiligt sein.
Das sorgt in Kiew für Misstrauen. Behörden befürchten, Russland könne die Aktion propagandistisch ausschlachten oder Bewohner daran hindern, später in ukrainisch kontrolliertes Gebiet zu gelangen – oder schlimmstenfalls sogar in russische Umerziehungslager verschwinden zu lassen. Zugleich warnen ukrainische Militärs davor, Details zu Routen, Konvois oder Zeitplänen öffentlich zu verbreiten.
Warnung vor der Zeit danach
Der Andrang auf eine Evakuierung ist trotzdem gross. Die aus Oleschky stammende Helferin Ksenia Archipowa sagte der «New York Times», sie habe bis Montagmittag bereits 200 Namen gesammelt und wolle rund 300 weitere Personen kontaktieren. Wer die Stadt verlässt, soll grundsätzlich selbst bestimmen können, wohin er gebracht wird: entweder in ukrainisch oder russisch kontrolliertes Gebiet.
Archipowa warnt zugleich vor der Zeit nach der Evakuierung. Gegenüber dem «Kyiv Independent» äusserte sie die Befürchtung, Oleschky könne noch stärker zerstört werden, sobald Fernsehbilder den Eindruck vermittelten, die Stadt sei praktisch leer. Besonders gefährdet seien jene Menschen, die trotz allem zurückblieben.
Auch militärisch ist die Feuerpause heikel. Der ukrainische Abgeordnete Roman Kostenko sagte der «New York Times», es gebe Befürchtungen, russische Einheiten könnten die Unterbrechung nutzen, um Truppen zu rotieren, Verstärkungen heranzuführen und ihre Positionen zu verbessern.
Für die verbliebenen Zivilisten überwiegt jedoch die Hoffnung, überhaupt wieder Lebensmittel und Medikamente zu erhalten, und die Möglichkeit zur Flucht zu bekommen. Ob die vereinbarte Feuerpause dafür tatsächlich lange genug hält, muss sich in den kommenden Tagen zeigen.



