Rüstung

Selbstbedienungsladen Ruag: So dreist liefen die Geschäfte mit den Leopard-Panzern

Millionenschäden, dubiose Deals und jahrelanges Kontrollversagen: Ein neuer Untersuchungsbericht zeigt das Ausmass der Ruag-Panzeraffäre – und legt weitere Machenschaften offen.

Fast drei Jahre lang lief die externe Untersuchung zum Panzerskandal bei der Ruag. Der bundeseigene Rüstungsbetrieb hatte sie auf Druck der damaligen Verteidigungsministerin Viola Amherd bei einer Anwaltskanzlei in Auftrag gegeben. Am Freitag war nun die Stunde der Wahrheit. Von «schwerwiegenden Verfehlungen, die dem Vertrauen der Öffentlichkeit in das Unternehmen schaden», sprach der aktuelle Verteidigungsminister Martin Pfister am Nachmittag vor den Medien.

Bereits früher am Tag hatte sich Jürg Rötheli, seit zwei Jahren Verwaltungsratspräsident der Ruag, erschrocken darüber gezeigt, was die Untersuchung alles zutage gefördert hatte. Aber jetzt werde gehandelt, versicherte er. Gegen mehrere mutmassliche Täter laufen Strafverfahren in der Schweiz und in Deutschland. Gegen zehn Beklagte richtet sich eine Zivilklage in der Schweiz, mit der die Ruag rund 51 Millionen Euro plus Zinsen zurückfordern will. Insgesamt ist von einem Schaden im hohen zweistelligen Millionenbereich die Rede.

Das im Untersuchungsbericht der Anwaltskanzlei Niederer Kraft Frey aufgeführte Sündenregister ist lang und erweckt den Eindruck einer Ruag, die von einigen Kadern als Selbstbedienungsladen missbraucht wurde. Allen voran von einem ehemaligen Verantwortlichen, der in Doppelfunktion für die Ruag in der Schweiz und in Deutschland tätig war. Das sind die zentralen Befunde der Untersuchung, die zeigte, dass es nicht nur im Geschäft mit den Panzern zu Unregelmässigkeiten kam.

Dubioses Lager in Italien

Die Ruag kaufte 2016 von der italienischen Armee 100 gebrauchte Leopard-1-Panzer plus Ersatzteile für 4,5 Millionen Euro – ohne formelle Genehmigung der Ruag-Leitung. Die Ware wurde in Italien gelagert, Teile über Ruag Deutschland weiterverkauft. Die Schweizer Ruag wusste nicht, wer Käufer und Endverwender waren.

Das italienische Lager war nicht direkt mit dem Materialbewirtschaftungssystem der Ruag verbunden. Die Lagerbestände stimmten wiederholt nicht mit den erfassten Zahlen überein. 2021 wurden die Lagerkosten ohne erklärbaren Grund von 5000 auf 18'000 Euro pro Monat erhöht und gleichzeitig eine Laufzeit von acht Jahren vereinbart.

Krummer Polen-Deal

2018 wollte die Ruag insgesamt weitere 52 Leopard-1-Fahrzeuge kaufen und an einen polnischen Händler weiterverkaufen. Ein Kadermann stoppte das Geschäft wegen Reputationsrisiken. Danach versuchte Ruag, es über Deutschland abzuwickeln. Die zuständige deutsche Behörde verweigerte die Bewilligung, also wurde das Geschäft über die italienische Lagerhalterin weiterverfolgt. Ruag hatte bereits Verträge mit dem polnischen Käufer abgeschlossen, obwohl auch interne Genehmigungen fehlten. Schliesslich gelangten vier Leopard-1-Panzer sowie weitere Leo-Fahrzeuge zum polnischen Abnehmer.

Betrug mit Ersatzteilen

2020 kaufte die Ruag vom niederländischen Staat ein grosses Ersatzteilpaket für Leopard 1 und 2 für 4,5 Millionen Euro. Der Ruag-Mitarbeiter, der den Deal ausgehandelt hatte, fädelte gleichzeitig den Weiterverkauf eines grossen Teils des Materials ein. Und zwar für rund drei Millionen Euro an eine ihm nahestehende Gesellschaft. Dabei hätte die Ruag die Lieferung laut Vertrag selbst nutzen sollen.

Der Ruag selbst blieben Teile mit einem geschätzten Wert von 380'000 Euro. Der Mitarbeiter verbuchte deren Wert intern mit 1,5 Millionen Euro. Der Bericht beziffert den Schaden für Ruag auf 46,9 Millionen Euro. Der Wert der verkauften Teile betrug laut der Anwaltskanzlei Niederer Kraft Frey 48,8 Millionen Euro.

Gratis-Geschützrohre

Dieser ehemalige Mitarbeiter verlangte nach seinem Ausscheiden bei der Ruag 17 Leopard-2-Geschützrohre für seine neue Arbeitgeberin. Angeblich waren sie bereits Teil des früheren Weiterverkaufs. Ruag wollte die Rohre zunächst für 2300 Euro pro Stück abgeben. Ein Mitarbeiter intervenierte: Ein Rohr sei über 100'000 Euro wert.

Schliesslich gab Ruag die Rohre sogar gratis zur Abholung frei. Begründung: Sie seien Teil des ursprünglichen Deals gewesen. Was laut der Anwaltskanzlei nicht stimmte. Ruag weiss zudem nicht, wer die Endverwender waren.

Pralles Konto mit der Ehefrau

Zwischen 2017 und 2022 gingen mindestens 22 Getriebe von Leopard 2-Panzern unter Marktwert über Ruag Deutschland an eine dem ehemaligen Mitarbeiter nahestehende Gesellschaft. Der mutmassliche Schaden für Ruag: rund 4 Millionen Euro. Nach seinem Ausscheiden wechselte der am stärksten belastete ehemalige Mitarbeiter in eine leitende Position bei der ihm nahestehenden Gesellschaft.

Bei einem exemplarischen Geschäft wurden zwei Getriebe von Ruag für insgesamt 374'000 Euro verkauft und am Ende für 740'000 Euro weitergereicht. Dazwischen verdiente eine Gesellschaft, die zu 50 Prozent der Ehefrau des ehemaligen Mitarbeiters gehörte, 200'000 Euro.

Diese 50-Prozent-Gesellschaft zahlte zwischen 2018 und 2025 insgesamt 8,47 Millionen Euro auf das gemeinsame Konto des ehemaligen Mitarbeiters und seiner Ehefrau. Weitere rund 848'000 Euro gingen an eine Gesellschaft im Alleineigentum der Ehefrau.

Geschäfte mit sich selbst

Ein weiterer ehemaliger Ruag-Mitarbeiter vergab zwischen 2015 und 2017 Aufträge über mindestens 91'000 Franken an eine Gesellschaft, die ihm selbst zu 50 Prozent gehörte und deren Geschäftsführer er war. Er wurde in Deutschland erstinstanzlich wegen Vorteilsgewährung verurteilt.

Dabei handelte es sich um keinen Einzelfall: Beim Verkauf einer Ruag-Beteiligung im Jahr 2020 war ein offenbar anderer ehemaliger Ruag-Mitarbeiter verdeckt zu einem Drittel an einer Unterbeteiligung auf Käuferseite beteiligt. Er hatte private Kontakte zu Kaufinteressenten und informierte sie teilweise vorzeitig über anstehende Schritte. Der Fall wurde den Schweizer Strafverfolgungsbehörden angezeigt.

Geklaute Panzer-Zeichnungen

Ein ehemaliger Ruag-Mitarbeiter verschickte technische Zeichnungen zum Leopard 2 zunächst an seine private E-Mail-Adresse und später an eine deutsche Firma, die seine neue Arbeitgeberin wurde. Darunter waren Fabrikationszeichnungen des Geschützrohrs und weiterer zulassungspflichtiger Bauteile. Ziel war offenbar, Leopard-2-Ersatzteile bei nicht zugelassenen Herstellern nachfertigen zu lassen. Gewisse dieser Teile wurden der Ruag kurze Zeit später tatsächlich angeboten und verbaut. Die Sicherheit sei aber nicht tangiert, so die Ruag.

Umgehung via Südafrika

Die Ruag war über ein Joint Venture mit der Rüstungsfirma Rheinmetall zu 45 Prozent an der Nitrochemie Wimmis AG beteiligt. Diese gründete 2016 die südafrikanische Tochter Nitrochemie South Africa. Zweck war offenbar, Märkte zu bedienen, die aus Deutschland oder der Schweiz aus politischen oder regulatorischen Gründen nicht beliefert werden konnten. Die Firma erscheint damit als Konstrukt zur Umgehung von Exportbeschränkungen.

Im Bericht steht, Ruag habe dem Verteidigungsdepartement 2017 mitgeteilt, «dass die Nitrochemie zum damaligen Zeitpunkt einen Grossteil des Geschäfts mit Ländern betreibe, welche aus der Schweiz heraus nicht beliefert werden könnten». Das Verteidigungsdepartement, damals unter Guy Parmelin, war also im Bild.

Ruag und Bundesrat geloben Aufklärung

Die Panzeraffäre wurde 2023 öffentlich. Als die Ruag 96 in Italien eingemottete Leopard-1 an die deutsche Rheinmetall verkaufen wollte, kam eine Reihe von Unstimmigkeiten ans Licht. Erst danach wurde öffentlich, dass die Ruag schon lange von einem Whistleblower Hinweise auf missbräuchliche Transaktionen beim Verkauf von Ersatzteilen für Leopard 1 und 2 hatte.

Bundesrat und Ruag betonen jetzt, dass der Fall transparent aufgearbeitet werde und Massnahmen getroffen worden seien oder noch getroffen würden. Kontroll- und Compliancefunktionen seien gestärkt worden, die Exportkontrolle verbessert, auch die Steuerung von Agentenbeziehungen und internen Prozessen. Für VBS-Chef Pfister ist die Sache aber im Gegensatz zum Ruag-Verwaltungsrat noch nicht erledigt, wie er klarmachte. So lässt er prüfen, ob frühere Verwaltungsräte zur Rechenschaft gezogen werden können.

Das Verteidigungsdepartement setzte «für die Auswertung der Untersuchungsergebnisse» eine Arbeitsgruppe ein, die das prüfen soll. Wie unter anderem auch die Frage, ob die Ruag Material, das dem Bund gehörte, für Drittgeschäfte brauchte. Zudem will Pfister wissen, ob es Korrekturen an der Organisation der Ruag braucht.

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