
Roger Köppel, Chefredaktor und Verleger der «Weltwoche» und Ex-SVP-Nationalrat, bewundert Herrscher mit Hang zum Autoritären: Ob Russlands Präsident Wladimir Putin, US-Präsident Donald Trump oder Serbiens Staatschef Aleksandar Vucic. Für sie alle findet Köppel gerne und oft lobende Worte.
In Orbáns Jet nach Moskau
Die wohl innigste Bewunderung Köppels kommt jedoch Ungarns Langzeit-Premierminister Viktor Orbán zuteil. Zum 90. Jubiläum der «Weltwoche» im November 2023 lud Köppel Orbán ins Zürcher Luxushotel Dolder ein, wo dieser unter den Augen von SVP-Prominenz wie Christoph Blocher, Ueli Maurer und Andreas Glarner eine Rede hielt und sich anschliessend den wohlwollenden Fragen Köppels stellte.
Köppel hält Orbán für einen «einsamen Widerstandskämpfer gegen den linken Zeitgeist», «einen beeindruckenden Staatsmann», den «Robin Hood der Europäischen Union». In einem Editorial bekannte Köppel: «Orbán ist mir sympathisch».
Diese Lobhudeleien zahlten sich für Köppel publizistisch immer wieder aus: Im Juli 2024 begleitete Köppel den damaligen EU-Ratspräsidenten Orbán als eingebetteter Journalist auf dessen umstrittene Friedensmission zu Wladimir Putin in den Kreml. Köppel berichtete auf allen Kanälen bewundernd von dieser «historischen», aber letztlich wirkungslos gebliebenen «Mission».
Später nahm Orbán an einer von der «Weltwoche» organisierten Diskussion mit dem russlandfreundlichen deutschen Ex-Kanzler Gerhard Schröder in Wien teil und gewährte Köppel ein exklusives Doppel-Interview mit der AfD-Co-Vorsitzenden Alice Weidel.
«Ein Prosit auf Orbáns Sieg.»
Am Sonntag ist Orbán von der ungarischen Bevölkerung mit einem an Klarheit nicht zu überbietenden Ergebnis abgewählt worden. Für Köppel und die «Weltwoche» muss sich das wie ein Schlag in die Magengrube anfühlen. Denn zehn Tage vor dem Urnengang hatte das Magazin Orbán in Fussballer-Jubelpose auf die Titelseite gesetzt. Die Schlagzeile dazu lautete: «Ein Prosit auf Orbáns Sieg.»

«Weltwoche»-Medienkolumnist Kurt W. Zimmermann, mit einer Ungarin verheiratet und lange in Ungarn wohnhaft, kündigte im Lead auf der Frontseite grossmundig an: «Als einziger Journalist in Westeuropa sage ich, dass Ungarns Premier die Wahl gewinnt. Denn als einziger Journalist in Westeuropa kann ich rechnen.»
Ungarns Parlament hat 199 Sitze, 93 werden national über ein Proporzsystem vergeben, 106 in Einerwahlkreisen, wo der Kandidat mit der grössten Stimmenzahl gewinnt. Zimmermanns einzigartiges Rechenspiel: Während die Tisza-Partei von Oppositionsführer Péter Magyar zwar national gesehen einen grösseren Stimmenanteil verzeichnen und so mehr Proporzmandate als Orbáns Fidesz-Partei gewinnen wird, dürften Orbáns Verbündete, die vor allem in den ländlichen Regionen besser verankert seien, 63 bis 65 der 106 Wahlkreise gewinnen.
Das Resultat fiel am Sonntag völlig anders aus: Der Fidesz holte 13, die Tisza-Partei 93 Wahlkreismandate. Mit den via Listenstimmen erreichten Sitzen gewann die bisherige Opposition eine Zweidrittelmehrheit von 138 Parlamentsmandaten.
«Fulminanteste Fehlprognose der Geschichte»
Am frühen Montagmorgen veröffentlichte Roger Köppel eine Sondersendung seines Videoformats «Weltwoche Daily», aufgezeichnet knapp vor Mitternacht am späten Sonntagabend in Budapest. Orbán sei mit einem «brutalen Resultat» abgewählt worden, berichtete Köppel. Es sei eine Zäsur, ein Einschnitt, der in diesem Ausmass nicht erwartet, «also von mir auf keinen Fall» erwartet worden sei, so Köppel.

Köppel lobte die Rede Orbáns am Wahlabend. Die vor der Wahl geäusserten Befürchtungen, Orbán könnte eine Niederlage nicht anerkennen, sei dummes Zeug. Dass ein Orbán-nahes Boulevardmedium noch am Wahlsonntag über angebliche Geheimpläne berichtete, wonach Anhänger der Tisza-Partei in Absprache mit ukrainischen Spezialeinheiten zentrale Plätze in Budapest besetzen und so die Wahl stehlen versuchen würden, erwähnte Köppel hingegen nicht.
Gemäss Köppels Blitz-Analyse sei der «Widerstandskämpfer» Orbán unter anderem daran gescheitert, dass er im Wahlkampf zu stark auf aussenpolitische Themen gesetzt und innenpolitische Probleme, etwa die marode Infrastruktur, unterschätzt habe. Köppel gestand ein, dass der rasch angewachsene Reichtum im engen Umfeld von Orbán ein Faktor gewesen ist.
Ob es sich, wie behauptet, um Korruption handle, sei von aussen schwierig zu beurteilen, so Köppel. Er hält sich ansonsten selten mit scharfer Kritik an Zuständen in anderen Ländern zurück, am wenigsten im Falle Deutschlands. Dabei handelt es sich um einen wichtigen Markt für die «Weltwoche», insbesondere für ihre Videoformate. Eine gewisse Vefilzung gebe es aber wohl in Orbáns Umfeld, so Köppel.
Gegen Ende seiner Videoanalyse kritisierte er die massive Einmischung der EU in den Wahlkampf. Dass US-Vizepräsident JD Vance sechs Tage vor der Wahl vor Ort in Budapest die Wahlkampftrommel für Orbán schwang, unterstützt von dem per Telefon zugeschalteten Donald Trump, erwähnte Köppel nicht.
Am Montagmittag veröffentlichte der frühere SVP-Nationalrat ein weiteres «Weltwoche Daily Special». Als Chefredaktor entschuldigte er sich – gut gelaunt – mit den Worten «mea maxima culpa» für die «fulminanteste Fehlprognose in der Geschichte der ‹Weltwoche›».
Gemeinsam mit dem Autor Kurt W. Zimmermann arbeitete Köppel dessen Fehlprognose auf. Er habe wohl den «ruralen Effekt», die Unterstützung für Orbáns Fidesz-Partei in den ländlichen Regionen, überschätzt, räumte Zimmermann ein.


